Ein kurzes Update!

An alle treuen Leser/innen,

Wie sicherlich schon einige von euch bemerkt haben dürfen, sind bereits seit einiger Zeit keine neuen Artikel mehr erschienen. Momentan befindet sich die Webseite im Umbau und wird voraussichtlich ab Mitte Juli auf neuer, unabhängiger Plattform zu finden sein. Nicht nur das Layout, sondern auch an neuen Formaten wird unter Hochdruck gearbeitet. Bis vor etwa drei Wochen.

Ein Wasserschaden, der leider auch das Büro erfasst hat, zwingt mich zum momentanen Zeitpunkt alle weiteren Arbeiten zu pausieren. Meine Hoffnung ist, dass spätestens nach zwei Wochen die normale Arbeit wieder aufgenommen werden kann.

Bis dahin bitte ich um euer Verständnis!

Schöne Grüße,
Da_Wolf

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Und wann kommt der König?

Stadtschloss_Humboldt Forum
Der Wiederaufbau des Stadtschlosses Berlin als Humboldt-Forum ist seit 2013 die größte und zugleich umstrittentste Kulturbaustelle Deutschlands. Was ab 1950 nicht mehr sein durfte, soll nun wieder rekonstruiert werden – doch genau hier liegt das Problem! Wie viel an Neuinterpretation lässt dieser geschichtsträchtige Ort überhaupt noch zu und wie wird man der Vergangenheit gerecht? Ein „Altbau“ in neuem Gewand zwischen moderner Interpretation, Geschichtsheilung und Architekturdenkmal.
Friedrich II_Eisenzahn

Die Geschichte des Schlosses kann auch als geschichtlicher Umriss Berlins der letzten 500 Jahre gelesen werden. Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche lassen sich von Beginn an auch an der Schlossgeschichte ablesen. Den Anfang machte Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern die Doppelstadt Cölln und Berlin zu seiner Residenz wählte. Diese Region hatte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem wirtschaftlichen, wie auch politischen Zentrum der Mark Brandenburg entwickelt. Das Residenzschloss der Hohenzollern wurde 1443 im Auftrag der Marktgrafen und Kurfürsten von Brandenburg in Alt-Cölln, dem heutigen Ortsteil Mitte erbaut. Damals noch am Stadtrand gelegen, rückte es erst durch die Stadterweiterung zu Barockzeiten in den geographischen Mittelpunkt der Stadt. Dieses an der Stelle des späteren Schlüterhofes und dem Hof III erbaute Schloss hatte überwiegend die Funktion einer Wehranlage, über die, die an der Spree verlaufenden Handelswege kontrolliert werden konnten und übernahm somit eine zentrale Rolle im Aufstieg zur bedeutenden Großstadt. Im Gegensatz zu allen Nachfolgebauten ist das Aussehen des ersten Schlosses nicht überliefert worden.

Renaissancemodell_Stadtschloss Berlin

Kurfürst Joachim II. ließ die Schlossanlage abtragen und errichtete an ihrer Stelle einen Renaissancebau. Der Neubau wurde mit der ersten Berliner Domkirche verbunden, die dem Schlossherrn als Schlosskirche diente. Sie lag im Osten der Residenz, in etwa an der heutigen Einmündung der Breiten Straße in den Schlossplatz. Ende des 16. Jahrhunderts wurde auf Erlass von Kurfürst Johann Georg der Bau um einen Westflügel, sowie der nördlichen Hofapotheke erweitert.

Stadtschloss_Schlueterhof

Unter dem Kurfürsten Friedrich III. erfolgte der Ausbau des Schlosses zur Königsresidenz. 1699 erhielt Andreas Schlüter die Stelle als Bauleiter am Zeughaus und stieg noch im selben Jahr zum Schlossbaumeister auf. Er plante das Schloss zu einer Vierflügelanlage auszubauen, die aber letztlich nicht umgesetzt wurde. Er konnte nur den Flügel zum Lustgarten und zur Stadt, sowie den nach ihn später benannten Schlüterhof (siehe Abbildung) fertigstellen. Auf den Bau des Schlüterhofes folgte die Barockisierung der Fassaden, die Errichtung des Eosanderportals sowie die einiger repräsentativen Bauten im Westen. Dazu zählen unter anderem die Oper, die Bibliothek und die Hedwigskirche. Weiters gehen die Planungen, den Münzturm des Schlosses bis auf eine Höhe von 94 Metern aufzustocken und diesen mit einem Glockenspiel auszustatten, auf Entwürfe Schlüters zurück. Unglücklicherweise erwiesen sich für dieses Vorhaben die Fundamente als unzureichend dimensioniert und somit für den nichtbindigen Untergrund als nicht ausreichend tragfähig. Nach mehreren Versuchen mit Eisenarmierungen musste der Turm aus statischen Gründen wieder abgetragen werden und Schlüter wurde in weiterer Folge als Hofbaumeister abgesetzt.

Stadtschloss_Schloßfreiheit

Da sich Friedrich Wilhelm von Brandenburg mehr Leben am Schloss wünschte, wies er 1671 per Erlass die Bebauung am Spree-Ufer an. Nur ein Jahr später wurden insgesamt zehn Häuser als Schloßfreiheit erbaut, deren Errichtung sich wegen des sumpfigen Untergrundes als sehr kostspielig herausstellte. Darum gewährte Wilhelm den Bewohnern der Schloßfreiheit mehrere Freiheiten: Dazu zählten die Befreiungen von Grundzins, vom Wachdienst, von militärischen Einquartierungen sowie die Gewerbefreiheit. Die Gebäude wurden mehrmals erweitert und verändert, bestanden aber bis ins 19. Jahrhundert.

Stadtschloss_Eosanderportal

Ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert führte einzig die hölzerne Hundebrücke Richtung Westen zu den neuen Prachtbauten Unter den Linden. Als 1824 Schinkels repräsentative Brücke zum Schloss fertig wurde und ab 1854 die weithin sichtbare Kuppel den Westflügel des Schlosses krönte, war die große Drehung des Schlosses nach Westen hin vollzogen.

Wilhelm_I_Nationaldenkmal

Dem Kaiser Wilhelm II. missfielen die relativ kleinen Bürgerhäuser der Schloßfreiheit, die den freien Blick auf das Schloss verstellten, und ließ diese 1894 abreißen. Anstelle der Bürgerhäuser wurde seinem Großvater zu Ehren das Kaiser-Wilhelm I. – Nationaldenkmal errichtet.
Das Zentrum zum 21 Meter hohen Monument bildete ein neun Meter hohes Reiterstandbild mit Wilhelm I. und der Genius des Friedens. Aus nördlicher Richtung des Reiterdenkmals gesehen gab es einen eigenen Zugang zum Spree-Kanal, dessen noch vorhandener Anlegersteg in der Vergangenheit vermutlich für Schleppkähne Verwendung fand. Die gesamte Denkmalanlage stand auf einem erhöhten Unterbau aus poliertem, roten Wirbogranit aus Schweden. Die Reiterstatue wurde von einer ionischen Säulengalerie, den Kolonnaden, eingefasst, die mit einem Eckpavillon auf jeder Seite abschlossen. Neben dem Reiterstandbild und den Kolonnaden zierte die Anlage noch allerlei Beiwerk: Dazu gehörten 19 halbnackte Frauen, 22 Männer, 12 Kinder, 21 Pferde, 2 Ochsen, 8 Schafe, 4 Löwen, 16 Fledermäuse und weitere Tiere. Viele Berliner verliehen dem Denkmal daher den spöttischen Namen „Zoo von Wilhelm zwo„. Obwohl im Gegensatz zum Stadtschloss das Denkmal den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hatte, wurde es 1950 ebenfalls zur Gänze abgetragen. Einzig der Denkmalsockel blieb bis heute erhalten und soll in Zukunft das neue Denkmal tragen.

Ruine Stadtschloss_Berlin

Die barocke Periode des Schlosses währte etwa 250 Jahre. Während dieser Zeit diente das Gebäude als Zentrale des Deutschen Kaiserreichs und beherbergte zahlreiche Prunksäle. In der Zeit der Weimarer Republik gelangte das Schloss in Staatseigentum und diente fortan als Kunstgewerbemuseum. Bislang weitestgehend vom Kriegsgeschehen verschont, endete am 3. Februar 1945 die über 500 Jahre währende Geschichte des Schlosses, als ein Großfeuer infolge mehrerer Bombentreffer rasch den Großteil der Trakte erfasste und die wertvollen Inneneinrichtungen der Prunkräume zerstörte. Einzig der Nordwestflügel mit dem Weißen Saal und der Großteil der Gebäudefassaden blieben weitestgehend erhalten.
Obwohl Karl Bonatz, der ab Dezember 1946 im demokratisch gewählten Magistrat Ostrowski tätig war, sich für einen Wiederaufbau des Schlosses einsetzte, entschied sich nur wenige Jahre später die SED auf dem III. Parteitag, die Schlossruine zu sprengen und durch den Palast der Republik zu ersetzen. Die Restfläche sollte fortan als Fest- und Aufmarschplatz, sowie als Parkplatz (Marx-Engels-Platz) dienen. Diese Vernichtung von Kulturgut wurde weltweit heftig kritisiert und ist mitunter ein weiterer Grund für die raschen Wiederaufbaupläne nach 1990, obwohl die enormen Kosten sowie geschichtliche Altlasten durchaus ernstzunehmende Kritikpunkte sind.

Bau_Palast_der_Republik

Bis zur 1. Mai Feier 1951 war der Platz geebnet und mit rotem Ziegelsplitt bedeckt. Ab 1973 wurde nach den Plänen von Heinz Graffunder am Platz des ehemaligen Schlosses, hin zum nordöstlichen Arm der Spree, der Palast der Republik errichtet und dieser nach 32-monatiger Bauzeit im Jahre 1976 eröffnet. Er war Sitz der Volkskammer und beherbergte eine Vielzahl an Veranstaltungsräumen.
Fast 5.000 Tonnen Spritzasbest – das entspricht etwa 720 Tonnen Reinasbest – wurden auf die Stahlkonstruktion aufgebracht. Nur wenige Jahrzehnte ein großes Sanierungs- und Recyclingproblem, aber in den 70ern ein international übliches Verfahren, um einen ausreichenden Brandschutz zu gewährleisten.

Entkernung_Palast_der_Republik

Bereits kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands war klar, dass auch in der ehemaligen DDR die Europäischen und Bundesdeutschen Arbeitsschutz- und Gesundheitsnormen zur Anwendung kommen würden. Vor diesem Hintergrund hatte man ab 1990 das Gebäude wegen krebserregender Asbestfasern in Einbauten geschlossen und zwischen den Jahren 1997 und 2007 von diesen befreit. Da zuvor das gesamte Gebäude bis auf das Beton- und Stahlskelett zu entkernen war, ließ man sich vorerst noch beide Optionen – Abriss oder Sanierung – offen. Ebenfalls nach der Wende erfolgten archäologische Grabungen, die Teile der Schlossfundamente und Kellerbereiche zutage brachten. Zusätzlich errichtete Schautafeln erläuterten den Besuchern die einzelnen Funktionen der Räume und Einrichtungen, wie als Beispiel die technische Beschaffenheit der Fußbodenheizungen.

Wann_kommt_der_Koenig

Die Nachnutzung des Areals mit dem Palast der Republik war angesichts ihrer zentralen Lage in der Stadt und der geschichtlichen Bedeutung Gegenstand intensiver Diskussionen. Die Befürworter erkannten darin eine wohl einmalige Chance, die historische Mitte Berlins zu rekonstruieren und durchaus als legitim, die entkernte, architektonisch eher wenig anspruchslose Architektur der Abrissbirne freizugeben. Nach unzähligen Diskussionen, Kundgebungen von Gegnern und Befürwortern des Neubaus, einer Protestaktion von Gregor Gysi und einer Klärung, ob der Palast im Sinne des Denkmalschutzes als besonders schützenswert zu erachten sei, gab letztendlich der Deutsche Bundestag das Gebäude zum Abriss frei.

Abbruch_Palast_der_Republik

Ab dem 6. Februar 2006 wurde das Gebäude mit insgesamt fünf Kränen rückgebaut. Die Abrissarbeiten sollten eigentlich bereits Mitte 2007 abgeschlossen sein, verzögerten sich jedoch um mehr als ein Jahr. Bei den Abbrucharbeiten durch die beauftragten Firmen wurden an mehreren Stellen weitere Asbestreste entdeckt, die zuvor noch aufwendig zu beseitigen waren. Als Zwischenlösung bis zum tatsächlichen Baubeginn des Humboldt – Forums angedacht, wurde nach Abschluss der Abrissarbeiten das erhaltene Kellerbecken mit Sand zugeschüttet und anschließend begrünt. Interessanter Fakt am Rande: Ein Teil des demontierten Stahls wurde eingeschmolzen und nur kurze Zeit später für den Bau des Burj Kalifa in Dubai wiederverwendet.

Karte_Schloss_Berlin

Der Palast der Republik war Geschichte und mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte zu einer Rasenfläche nivelliert. Und danach kam erstmal nichts! Bereits 2010 hat der Haushaltsausschuss des Bundestages etwa 590 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Schlosses bewilligt, aber den anvisierten Baubeginn infolge des auferlegten Sparkurses der Bundesregierung um drei Jahre, auf mindestens 2014 verschoben. Viele deuteten dies bereits als Ende des monumentalen Bauvorhabens. Inmitten der Krise mussten erstmals die Banken gerettet werden, bevor man sich der Rettung deutscher Kultur bemühte. Dabei stand es um die Kunstwerke außereuropäischer Kulturen aus preußischer Zeit mindestens genauso schlecht, wie um die europäische Wirtschaft: Die Depots mit Tausenden unwiederbringlichen Schätzen konnten wegen der DDT-Verseuchung nur noch mit Schutzanzügen betreten werden und in den ohnehin viel zu kleinen Ausstellungsräumen lief bereits das Wasser die Wände herunter. Allein 2010 mussten rund zwölf Millionen Euro für die Instandhaltung der Kunstobjekte aufgebracht werden, um zumindest die allernötigsten Sicherungsmaßnahmen durchführen zu können. Momentan wird zeitgleich mit der Schlossrekonstruktion auch ein neues Depot in Potsdam gebaut.

Bau_Schloss_Berlin

Mit dem Stichtag des 12. Juni 2013 erfolgte durch den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck die Grundsteinlegung zum Berliner Schloss – Humboldt-Forum. Der Neubau des Architekten Franco Stella ist eine Rekonstruktion nach historischem Vorbild, die in zeitgemäßer Materialiensprache umgesetzt wird. Die Tragstruktur als Stahlbetonskelett, das nach Abschluss der Rohbauarbeiten eher an ein Parkhaus als an ein barockes Schloss erinnerte, wurde ab 2016 mit Ziegeln und Zierelementen aus Sandstein verblendet, um für den Betrachter von außen dem Bild einer Architektursprache aus barocker Zeit zu entsprechen. Nach innen hin soll der hochmoderne Mehrzweckbau die preußischen Sammlungen außereuropäischer Kulturen vereinigen und die Museumsinsel ergänzen. Ein neuer Inhalt, der sich im historischen Gewand präsentiert.

Ostfassade

Ausgerechnet dort, wo sich die ältesten Schlossgebäude den Bürgerstädten zuwandten, nivelliert der Architekt des Neubaus die Schlossgeschichte zu einer grauen Betonwand. Dort wird für das alltägliche Leben der Berliner Platz geschaffen und sich mehrere Cafés ansiedeln. Von einem Denkmal des italienischen Architekten oder sogar einer Reichskanzlei 2.0 wird vielfach geredet, sobald die Fassade zur Spree ins Gespräch kommt. Ein Gebäudeabschluss im Norden, als würde dieser nicht Teil des Gebäudes sein. Ein Stilbruch inmitten der Zierelemente aus Sandstein. Plattenarchitektur in Verbindung mit Barock des 18. Jahrhunderts – eine Mischung, die für die Befürworter erst recht den Reiz dieses Gebäudes ausmacht. Bei einem Gebäude der Jahrhunderte sollte auch Platz für die Moderne sein.
War der Wiederaufbau der Frauenkirche durch die Eingliederung originaler Bruchsteine in die neu erschaffene Tragstruktur aus Sandstein noch echte Handwerkskunst, wird das Berliner Schloss ähnlich zum Potsdamer Stadtschloss oder dem Braunschweiger Schloss nur von außen an die historische Vergangenheit erinnern – und auch das nur an drei der vier Fassadenseiten. Außen das historische Stadtschloss, innen ein hochmodernes Humboldt-Forum.

Fassadenkonstruktion_Detail

Anders als der Rohbau sollten die gesamten Kosten für die Fassaden(re-)konstruktion vom Förderverein Berliner Schloss getragen werden. Schätzungen gehen von etwa 105 Millionen Euro aus. Noch 2010, nur wenige Jahre vor dem ursprünglich angedachten Baubeginn herrschte in den politischen Lagern große Uneinigkeit, ob das Schloss nun tatsächlich gebaut werden soll, oder nicht. Auch in einer Umfrage unter den Bürgern Berlins fanden sich nur wenige, die vom Wiederaufbau als Humboldt-Forum tatsächlich überzeugt waren. In Hinblick auf die Notwendigkeit der Teilfinanzierung durch Spenden ein nicht zu ignorierendes Hindernis. Wie soll man jemanden überzeugen, eine Geldspende zu tätigen, wenn dieser generell gegen das Projekt ist? Die Spendenfreudigkeit konnte sich im Laufe der letzten Jahre stark steigern, wie auch die Zustimmung zum Projekt allgemein, wenn auch viele der kritischen Stimmen selbst nach sieben Jahren nicht verstummt sind. Das festgelegte Spendenziel tatsächlich zu erreichen erscheint mit jedem Tag realistischer zu werden. Insgesamt konnten bis Anfang April 2017 über 81 Millionen Euro an Spenden aufgebracht werden.
Um das Engagement der Spender zu ehren, werden alle Namen, die 50 Euro oder mehr gespendet haben, per großer elektronischer Deckenprojektion im Durchgang des Kuppelportals genannt. Hunderte von Spendernamen können somit für jeden sichtbar werden. Großspender sollen gut ersichtlich auf repräsentativen Namenstafeln an besonders stark frequentierten Orten des Humboldt-Forums genannt werden. Spenden über eine Million Euro werden zusätzlich besonders geehrt: Unter Berücksichtigung individueller Wünsche ist eine Namensgebung eines Saals oder repräsentativen Raumes denkbar.
Möchtest auch du den Wiederaufbau der Schlossfassaden unterstützen? Schon viele kleine Beträge konnten bislang Großartiges bewirken. Hier geht’s zur offiziellen Seite des Fördervereins Berliner Schloss e. V.

Humboldt_Forum_Agora

Ab 2019 soll das Humboldt-Forum die Sammlungen der außereuropäischen Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beherbergen. Die große Eingangshalle (Agora) des Gebäudekomplexes soll mit themenübergreifenden Veranstaltungen bespielt werden und als Publikumsmagnet wirken. Über einen fest installierten Medienturm wird der Besucher vorweg über aktuelle Ausstellungen informiert werden. Zusätzlich soll dieser Bereich die medizinischen Sammlungen von Rudolf Virchov beherbergen und eine dem Thema zugeschnittene Büchersammlung der Zentral- und Landesbibliothek Berlins dem Publikum zugänglich machen. Im zweiten Stock widmet man sich den Kulturen Ozeaniens, Amerikas und Afrikas und im Dritten der Asiens. Die momentan im Depot gelagerte Sammlung außereuropäischer Kulturen umfasst etwa 500.000 Artefakte und Kunstwerke.

Breite_Straße_Lustgarten

Abgesehen von fix bespielten Ausstellungsräumen, wird das Humboldt-Forum viel mehr als ein Museum sein. Der Schlüterhof mit seinen drei nach historischem Vorbild rekonstruierten Fassaden wird in Zukunft wieder als Kulisse für Open Air Veranstaltungen dienen und im neu geschaffenen Auditorium werden Veranstaltungen für bis zu 500 Besucher möglich sein. Anders als das historische Vorbild wird das Schlossforum zum Durchgang zwischen Breite Straße und Lustgarten in klarer, moderner Formensprache umgesetzt. Besonders hier lässt sich bereits jetzt die Außenraumwirkung für zukünftige Besucher am besten nachempfinden.

Schlueterhof_Veranstaltung


Das Stadtschloss galt als die Mitte der Stadt und der Schlüterhof mit seinen Hauptsteigen als Mittelpunkt des Schlosses. Aber warum? Die Architektur des Schlüterhofes ist eine Assoziation der antiken Kaiserforen. Diese Plätze Roms bildeten den Mittelpunkt, in einer Zeit, in der sich die Stadt als das Zentrum der westlichen Welt verstand. Auch auf den Kaiserforen waren diese zentralen Bauten von Kolonnaden eingefasst, die im Beispiel des Schlüterhofes zu besonderen Anlässen als Zuschauerlogen gedient haben könnten. Diese Gebäude galten in der Antike nicht nur als Herrschaftszentren und geheiligte Orte, sondern wurden im Rahmen von Festen und Feierlichkeiten als Kulissen, Bühnen und Logen verwendet, um sich und die Stadt zu inszenieren.

Einbau_Portal_V

Auch wenn der Wiederaufbau dem Architekturstil des Historismus aus dem 19. Jahrhundert entspricht, wurden möglichst viele historische Anknüpfungspunkte geschaffen.
Im Portal IV zur Lustgartenseite wurde der Grundstein eingemauert. Er trägt die Jahreszahl 1443, die die Grundsteinlegung des kurfürstlichen Schlosses markiert, sowie die Zahl 2013, das Jahr des Wiederaufbaus als Humboldt-Forum. Daneben befindet sich ein Stein aus dem im Jahr 1950 gesprengten Schlosses. Dieser trägt noch die Markierung der roten Ölfarbe, mit der er von den Sprengmeistern vor dem Abbruch markiert wurde. Viele erhaltene Überreste von vor 1950 gibt es leider nicht mehr, aber es werden so viele wie möglich wieder in den Neubau eingefügt. Dazu zählen auch mehrere Skulpturen, die vor der Zerstörungswut der SED-Funktionäre gerettet werden konnten und man jetzt wieder in das Gebäude integriert. Unter anderem betrifft dies das Kapitell im Foyer von Portal III, dass als Einziges vollständig erhalten blieb.

Liebknecht_Portal_Staatsratsgebäude

Als einziges größeres Gebäudeteil des ehemaligen Stadtschlosses blieb bis heute das ehemalige Portal IV (Karl-Liebknecht-Portal) erhalten, das 1963 in das Staatsratsgebäude der DDR eingebaut wurde. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, wurden kurz vor der Sprengung des Stadtschlosses mehrere plastische Arbeiten und Architekturteile geborgen und auch teilweise archivarisch dokumentiert. Die Gebäudeteile wurden auf einem Lagerplatz zwischengelagert und später auf anderen öffentlichen Plätzen oder privaten Häusern wieder aufgestellt. Nur ganz besonders wertvolle Skulpturen, wie die barocken Sandsteinfiguren Schlüters wurden gerettet und landeten im Museum. Diese sind neben den historischen Fotoaufnahmen, die wichtigsten Quellen für die Replika aus Sandstein für den Wiederaufbau. Die restlichen Schuttmassen des Schlosses wurden zerkleinert und an mehreren Orten Berlins vergraben oder zu Trümmerbergen aufgeschüttet.

Modell_Humboldt_Forum

Damit die verbliebene Fläche um das Schloss nicht erneut zur Pflastersteinwüste verkommt und eher an eine Miniaturausgabe des DDR-Aufmarschplatzes erinnert, anstatt zur städtebaulichen Aufwertung der Schlossumgebung zu werden, gilt es nach wie vor über die zukünftige Platzgestaltung zu entscheiden. Ist im Siegerprojekt eine Bepflasterung im Granit nordisch gelb-grau und mit nur vereinzelten Grünbeeten zur Auflockerung geplant, zeigte man sich im Abgeordnetenhaus darüber wenig erfreut. Sie fordern, die Platzgestaltung im Hinblick auf Aufenthaltsqualitäten nochmals zu überdenken. Gefürchtet wird, dass ein 38.000 m² großer versiegelter freier Platz im Winter für reichlich kalten Luftzug sorgen wird und an heißen Sommertagen einen längeren Aufenthalt auf dem Kopfsteinpflaster unerträglich macht. Der Förderverein Berliner Schloss e. V. fordert diesbezüglich mehr Grünflächen und den Platz mit historischen Elementen zu schmücken. Der Senat wiederum stellt etwaigen Diskussionen einen Riegel vor. Für sie gibt es keine adäquate Alternative, solange städteplanerische Maßnahmen aus dem 21. Jahrhundert zu berücksichtigen sind. Dazu zählen unter anderem eine allgemeine Barrierefreiheit und eine Feuerwehrzufahrt, die eben nicht über Rasenbeete führen kann. Betrachtet man die Umgebung des Domes und der Museen etwas genauer, wird man unweigerlich feststellen müssen, dass auch dort nicht alles von Barrieren frei ist, wie es beim Schloss gefordert wird. Sollte an diesen Orten tatsächlich Barrierefreiheit herrschen, dann ist sie zumindest schön im Ensemble versteckt. Warum ist eine ähnliche Selbstverständlichkeit beim Schloss nicht möglich? Auch der angrenzende Lustgarten war zu DDR-Zeiten eine versiegelte Fläche und erst durch den Rückbau zum Grünraum zu einer Fläche mit hohem Aufenthaltspotential geworden, der an warmen Sommertagen mitunter durchaus stark frequentiert wird. Wegen dieser Qualitäten und nicht aufgrund eines auferlegten Paragraphenzwanges, steht die Museumsinsel unter dem Schutz der UNESCO und präsentiert sich dem Besucher in seiner heutigen Schönheit.

Neptunbrunnen

Wie bereits jetzt ein Blick in das Innere des Humboldt-Forums zeigt, wird nicht das originale Bauwerk nachgebaut, sondern ein Ensemble nach dem Vorbild des Originals. Zu diesem zählt auch der Neptunbrunnen von 1891, der seinerzeit vom Schloßplatz vor dem Portal II abgebaut – und vor dem Roten Rathaus wieder Stein für Stein zusammengesetzt wurde. Als Nabel Berlins (Nullpunkt) geschaffen, wurde er durch die Versetzung an anderen Ort seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Erst am Originalplatz wird für den Besucher die direkte Verbindung zwischen den Brunnen als Nullpunkt und der Fassade erlebbar. Ähnlich zum Nullpunkt Roms beim Triumphbogen des Septimius Severus, von dem aus die Meilen in das Römische Reich gemessen wurden, entwickelte sich vom Neptunbrunnen aus, das preußische Meilensystem. Dessen noch immer überall sichtbare Meilensteine messen ihre Entfernung immer von diesem Nullpunkt aus. Auch wenn für eine Übersiedelung des Neptunbrunnens an den Originalstandort die angrenzende Straße zuerst noch verschmälert werden müsste, steht hier der Wille einer Vervollständigung des historischen Ensembles über den städtebaulichen Anforderungen – zumindest zum momentanen Zeitpunkt.

Das_Nationale_Freiheits_und_Einheitsdenkmal

Die „Bürgerwippe“, die als wippende Schüssel vor dem Eosanderportal den Mut und die Zivilcourage der DDR-Bürger zur Einheit würdigen sollte, war nach einer voraussichtlichen Kostensteigerung von elf auf 14,6 Millionen Euro eigentlich schon vom Tisch und die Befürworter der Rekonstruktion eines Gesamtensembles konnten abermals neue Hoffnung schöpfen.
Für viele bedeutet die Rekonstruktion des Kaiser-Wilhelm Denkmals mitsamt der Kolonnaden nicht nur die Heilung der historischen Mitte Berlins, sondern eine umfassende Wiederherstellung des geschichtlichen Kontextes. Die Architektur der Kolonnaden wurde zwar nicht mit dem Eosanderportal gemeinsam geplant, aber in Stil und Anordnung exakt darauf ausgerichtet und ist daher für viele Befürworter mit der Schlossarchitektur untrennbar verbunden. Und nun soll doch (wieder) alles ganz anders kommen: Erst im Februar dieses Jahres wurde nach langem Hin und Her entschieden, das Einheitsdenkmal zu verwirklichen und pünktlich zum 30. Jahrestag der Revolution von 1989 zu eröffnen. Die Zeichen stehen abermals auf ungewiss, forderten Promis doch bereits 1998 in einem offenen Brief zum zehnten Jahrestag der Revolution ein Einheitsdenkmal zu errichten. Das Projekt wurde bereits vor fast zehn Jahren genehmigt, aber bisher nicht verwirklicht. Etwas süffisant könnte man es mit den damals von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften im Osten“ vergleichen: Die Jahre sind ins Land gezogen, aber der Osten wartet noch immer darauf.

Wenn weiterhin alle Terminpläne ohne größere Verzögerungen eingehalten werden können, wird mit dem 14. September 2019 nicht nur die Mitte Berlins wiederhergestellt sein, sondern auch ein Stück deutscher Geschichte wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren.
Um sich auch als Nichtberliner ein Bild des aktuellen Baufortschrittes (letzter Stand: März 2017) machen zu können, folgt abschließend ein kurzer Zeitrafferfilm.

Ist es nun eine Rekonstruktion des Stadtschlosses unter einem anderen Namen, um das Bauvorhaben in unserer heutigen Zeit zu legitimieren, oder doch etwas gänzlich Neues? Oder wird es erst mit einem Kaiser oder König zu einem echten Schloss und ist somit als Museumsneubau zu sehen?
Das Schloss wird mit modernen Materialien erbaut, aber ein historisches Antlitz erhalten. Aber ist das überhaupt noch zeitgemäß oder läuft man hier einem geschichtlichen Versäumnis hinterher, das sowieso durch keine Maßnahme mehr wettzumachen ist?
Wie weit soll eine Rekonstruktion gehen und wo hört diese auf? Ist mit den Fassaden schon alles erledigt, oder gehört dazu doch noch viel mehr? Vielleicht ein Neptunbrunnen, ein Nationaldenkmal mitsamt den Kolonnaden oder sogar ein Nachbau der künstlerisch gestalteten Innenräume?
Wie ist deine Meinung dazu? Bin wie immer auf eure zahlreichen Antworten gespannt und verbleibe wieder bis zum nächsten Mal auf Facebook oder hier in den Kommentaren.

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Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Stadtschloss_1920er.jpg, https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/mzIHZvnQk00C422AeCIaw/c85c61529475fc4ce40fe45edea39375/SHF_Portal3_Foto_Stephan_Falk_300916.jpg Copyright SHF/Humboldt Forum (10.04.2017, 21:54) – Gegenüberstellung altes Stadtschloss und neues Humboldt-Forum im Bau. (Bild wurde in Photoshop bearbeitet).

 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_II_300f.jpg (10.04.2017, 22:10) – Bild von Friedrich II. aus dem Buch „Geschichtsbilder“ von 1896 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dom_Berlin_Stadtschlossminiatur.jpg (10.04.2017, 22:15) – Miniaturmodell des Berliner Stadtschlosses während der Rennaissance (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stadtschloss_schlueterhof_1.jpg (10.04.2017, 22:17) – Gemälde des Schlüterhofes von Eduard Gärtner (1801-1877) – Öl auf Leinwand (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Stadtschloss.jpg (10.04.2017, 22:26) – Bild des Berliner Schlosses mit der Schloßfreiheit nach 1853 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Stadtschloss_1920er.jpg (10.04.2017, 22:29) – Postkarte des Berliner Stadtschlosses aus den 1920er Jahren (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/ wiki/File:Berlin_Nationaldenkmal_Kaiser_Wilhelm_1900.jpg (10.04.2017, 22:30)  Originalquelle: Album von Berlin; Globus Verlag, Berlin 1904. – Das Kaiser Wilhelm I. Nationaldenkmal (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fotothek_df_pk_0000180_048.jpg (10.04.2017, 22:34) – Ruine des Stadtschlosses Berlin. (Originaltitel: Auf Berliner Straßen. Zwischen 1945 und 1946. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Fotograph: Abraham Pisarek. ID-Nr.: df_pk_0000180_048)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0402-003,_Berlin,_Palast_der_Republik,_Bau.jpg (10.04.2017, 22:38) – Bau des Palast der Republik. (Fotograph: Peter Heinz Junge.) Bild wurde am 2. April 1975 aufgenommen (Bildgröße in Photoshop angepasst). ID-Nr.: ADN-ZB Junge 2.4.75     bzw.     Bild 183-P0402-003)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palast_der_Republik_%E2%80%93_detail.jpg (10.04.2017, 22:43) – Entkernung des Palastes der Republik (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stoppt_den_Palastabriss_Koenig_140106.JPG (10.04.2017, 22:46) – Protestaktion gegen den Abriss des Palastes der Republik am 14. Jänner 2006 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_palast_der_republik_rueckbau_schlossplatz_2008_04_24.jpg (10.04.2017, 23:00) Abriss Palast der Republik. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Autor: Sir James
https://www.google.at/maps/place/Schloss+Berlin/@52.5171677,13.4004538,17z/data=!4m5!3m4!1s0x47a851df1aff53eb:0x7c1c9f9055789ad1!8m2!3d52.5171366!4d13.4014, https://imgur.com/JRkl0ZY, https://i.imgur.com/e1vMzCV.jpg, https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Schloss#/media/File:Mittlere-berliner-spreeinsel.png (11.04.2017, 00:01) – Karte von Berlin mit dem alten Stadtschloss, dem Palast der Republik und dem neuen Humboldt-Forum.(Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://miesmagazin.files.wordpress.com/2016/03/img_6498.jpg (11.04.2017, 00:06) – Bau des Schloss Berlin – Fassaden (Bildgröße in Photoshop angepasst). (Der Dank gilt Arian vom Mies.Magazin (www.miesmagazin.tv) der mir freundlicherweise dieses Bild zur freien Verfügung gestellt hat.
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/6v1nnJT9XUeCoAG424Ue0G/1ddc5d8891b5bbda485dc145720ac704/Ostfassade.jpg (11.04.2017, 00:10) – Grafik der Süd-Ostfassade des zukünftigen Humboldt-Forums. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/6pEYznkj4ccQ8M6OUCQeOS/8bc756b6e983a60617b85f5a876d0173/SHF_Eckkartusche_Foto_Marco_Urban.jpg (11.04.2017, 00:15) – Eckkartusche. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright SHF / Marco Urban
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/t9bS6dlXtAAogmuWoe8sI/a128dfa23c7ed47f1f031656c98e7c11/20140324_HUF_HSA_foyer_bild1-tag.jpg (11.04.2017, 00:17) – Grafik des zukünftigen Foyes. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/2rYBGXwO1GYsIyyK8omCII/eaa6be530b3aec5dfa7ef7c3a2bc598d/SHF_Passage_Foto_Stephan_Falk_270916.jpg (11.04.2017, 00:19) – Blick in den Durchgang zwischen Breite Straße und Lustgarten. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright SHF / Stephan Falk
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/NO9GzwIT4GeWiCaQ8QqWI/b202cfb5745dc7a83c96b63444cbb6aa/20150107Schluterhof.jpg (11.04.2017, 00:22) – Grafik des zukünftigen Schlüterhofes während einer Veranstaltung (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/PiOLHJpReuk2oQai0EY08/a46aeb8f9e8af70a6683a299bc55d5cd/SHF_Einbau_Hermen_PT5_Foto_Stephan_Falk_20161121_DSC0408.jpg (11.04.2017, 00:24) – Einbau Hermen am Portal V. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright SHF / Stephan Falk
https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsratsgeb%C3%A4ude#/media/File:State_Council_building_in_Berlin.jpg (11.04.2017, 00:26) – Blick auf die Fassade des Staatsratsgebäudes mit dem Eosanderportal (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: BY-SA 3.0
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/NO9GzwIT4GeWiCaQ8QqWI/b202cfb5745dc7a83c96b63444cbb6aa/20150107Schluterhof.jpg (11.04.2017, 00:30) – Modell des Humboldt Forums im Berliner Schloss (Bildgröße in Photoshop angepasst). Fototgraph: Jean-Pierre Dalbéra.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_-_Neptunbrunnen_-_um_1900.jpg (11.04.2017, 00:33) – Neptunbrunnen vor dem alten Standort, dem Berliner Schloss (Bildgröße in Photoshop angepasst). ID-Nr.: LC-DIG-ppmsca-00334
https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheits-_und_Einheitsdenkmal#/media/File:Das_Nationale_Freiheits_und_Einheitsdenkmal.jpg (11.04.2017, 00:36) – Grafik des überarbeiteten Freiheitsdenkmals vor dem Berliner Schloss (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: BY-SA 3.0
 
Berliner Zeitung: Kurzer geschichtlicher Überblick zum Stadtschloss Berlin. (11.04.2017, 00:45) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Palast der Republik. (11.04.2017, 00:46) – Deutsch
Rbb-Online: Artikel zur Idee das Kaiser-Wilhelm I. Denkmal mit den Kolonnaden zu Rekonstruieren, nachdem das Einheitsdenkmal (angeblich) gescheitert war. (11.04.2017, 00:48) – Deutsch
Youtube-Mothersdirt: Zeitrafferfilm über den Bau des Berliner Schlosses (Stand März 2017). (11.04.2017, 00:50) – Deutsch
Welt.de: Artikel von 2010, als die Wiederaufbaupläne vorerst gescheitert waren. (11.04.2017, 00:52) – Deutsch
Berliner-Zeitung: Bericht zur Rekonstruktion der Barockfassaden und Zierelemente. Copyright: 2017 (11.04.2017, 00:53) – Deutsch
Welt.de: Artikel aus dem Jahre 2010 über die Pläne, den Baustart des Schlosses um mehrere Jahre zu verschieben (11.04.2017, 00:55) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zur Schloßfreiheit. (11.04.2017, 00:57) – Deutsch
Youtube.com: Kurzer Bericht über die Diskussion um die zukünftige Platzgestaltung vor dem Humboldt-Forum. (11.04.2017, 00:58) – Deutsch
Skyscrapercity.com: Gutes Diskussionsforum zum Bau des neuen Schloss Berlin als Humboldt-Forum. (11.04.2017, 01:00) – Deutsch
Berliner Schloss.de: Die „Bundeswippe“ kommt doch! (Artikel aus 2017) (11.04.2017, 01:02) – Deutsch
Berliner Extrablatt Nr. 86 (11.04.2017, 01:03) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Staatsratsgebäude mit dem Eosanderportal. (11.04.2017, 01:03) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. (11.04.2017, 01:04) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Berliner Schloss. (11.04.2017, 01:05) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Humboldtforum. (11.04.2017, 01:05) – Deutsch
Berliner Seiten: Neuer Inhalt im historischen Gewand. (11.04.2017, 01:08) – Deutsch

Ein Leben im Verschwörungswahn

astronaut

Am Anfang der These steht eine vermeintlich globale Elite, der man böse Machenschaften unterstellt. Alle Fakten, die die Behauptung unterstützen dienen als ihr Beweis, alle anderen bleiben unkommentiert. Area 51, der Mord an JF Kennedy und die Terroranschläge vom 11. September durch die Al-Kaida – oder war es doch Israel oder sogar die US-Regierung selbst? Für schier jede Konstellation altbekannter Feindbilder gibt es eine zugehörige Verschwörungstheorie. Aber ist jeder, der von der allgemeinen Denknorm abweicht, bereits per se als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen?

Verschwörungstheoretiker im gegenwärtigen Sinne haben gemeinsam, dass sobald eine für sie gültige Antwort auf eine offene Frage gefunden wurde, diese als unumstößliche Wahrheit ansehen, sie zwischen den verschiedenen Möglichkeiten nicht mehr abwiegen und somit nur die eigene Antwort als einzig mögliche Lösung akzeptieren. Man könnte auch sagen, dass der Prozess des „Über den eigenen Tellerrand schauens“ nicht mehr stattfindet, auch wenn das meist von den Betroffenen vehement verneint wird.

Natürlich drängt sich die Frage auf, was denn nun die „Wahrheit“ sei. Denn wer kann schon wirklich beweisen, dass die erlebte Wirklichkeit auch so wirklich existiert. Eine Frage, die sich am ehesten noch in der Ontologie und Erkenntnistheorie klären ließe.

Antworten auf eine wissenschaftliche Frage kann ich nur finden, wenn ich das in Fachkreisen als gültig erklärte Wissen (Entdeckungen, Erkenntnisse aus Fallstudien etc.) auch annehme und meine weiteren Forschungen darauf aufbaue. Selbst eine Schätzung muss auf wissenschaftlichen Befunden fußen, sonst wäre es keine Überlegung, sondern lediglich geraten. Wie weit das resultierende Ergebnis schlussendlich von der Realität abweicht, steht freilich auf einem anderen Papier, da selbst ermittelte Fixgrößen nicht für alle Zeit ihre Gültigkeit behalten müssen und zu späterer Zeit durch neue Forschungserkenntnisse ergänzt oder korrigiert werden könnten. Ein Verschwörungstheoretiker hingegen kann keine Forschungen betreiben und auch nicht kritisch beurteilen, da er die Grundlagenforschung nicht anerkennt und seine eigenen Gedankengänge auf keine wissenschaftlich fundierte Grundlagenbasis gründet. Wie kann ich das Kleine erforschen, wenn selbst das übergeordnete Große für mich nicht begreifbar ist? Erst durch ein auf Grundlagen basiertes Forschen lassen sich diese Vorbedingungen bei erwartetem Ergebnis belegen oder korrigieren. Als Beispiel könnten dazu die neuesten Forschungsergebnisse zur Frage, ob sich die Geschwindigkeit von Licht über lange Zeiträume ändert, dienen. Die neuesten Befunde lassen vermuten, dass diese Zahl entgegen der Annahme Einsteins keine fixe Größe sei. Dies mag vielleicht für den Laien nicht unbedingt weltbewegend sein. Denkt man daran, dass beinahe die gesamte Relativitätstheorie auf diese Annahme aufbaut, würde dies zumindest unser derzeit gültiges Physikverständnis auf den Kopf stellen.

Um eines klarzustellen: Die Datensammelwut der Geheimdienste über die eigenen Bürger oder das plötzliche Ableben mehrerer Zeugen des NSU-Prozesses dürfen und sollen unbedingt hinterfragt werden. Kritisches Denken und das Suchen von Zusammenhängen sind die Grundbausteine für alle technischen Errungenschaften seit Beginn der Menschheit und ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu den Tieren.

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Wenn aus einer Verschwörungstheorie Wirklichkeit wird: Aus diesem Raum der US-Botschaft in Berlin wurde nachweislich die Bundesrepublik mit Abhöreinrichtungen der NSA bespitzelt.

In Wahrheit sollte es nicht „Verschwörungstheorie„, sondern viel eher „Verschwörungsthese“ heißen, da die These der Definition nach einen Satz oder Gedanken darstellt, der noch zu beweisen ist. Die Urheber dieser These gehen natürlich von der Richtigkeit ihrer Behauptung aus, obwohl diese rein wissenschaftlich gesehen strittig ist. Somit handelt es sich hierbei um eine Arbeitshypothese. Hingegen eine Theorie der Definition nach zumindest den Vorschriften der Logik und Grammatik zu entsprechen hat, widerspruchsfrei und vor allem auch überprüfbar ist! Ein Widerspruch in der weitverbreiteten Verwendung des Begriffes der Verschwörungstheorie, da die letztgenannte Eigenschaft von Kritikern am häufigsten bemängelt wird. In Zeiten „alternativer Fakten“ für manche eine reine Nebensache und noch lange kein Hindernis.

Verschwörung: War ursprünglich „die Verbindung von Personen durch Schwur zu etwas Üblem oder was als übel gegen eine Obergewalt angesehen wird“, eine Verbindung ähnlich zu einem Treueid, aber in Zusammenhang beispielsweise mit einer Intrige oder dem Ziel einer Revolte, Meuterei oder eines Putsches.

In der heutigen Verwendung impliziert der Begriff der Verschwörung eine zumeist moralische Distanzierung von einer bestimmten Auffassung und wird in den öffentlichen Diskussionen oftmals mit dem Begriff der „Verschwörungstheorie“ gleichgesetzt. Ob bei einem gewissen Sachverhalt tatsächlich eine Verschwörung dahinter steckt, ist in Abhängigkeit der jeweiligen Sichtweise zu stellen. So bezeichnen viele die Spionagetätigkeiten der NSA (National Security Agency, USA) und des BND (Bundesnachrichtendienst, Deutschland) als Verschwörung gegen das eigene Volk, wohingegen andere nur das normale Tätigkeitsfeld von Geheimdiensten sehen. Für viele ist der Begriff der Verschwörungstheorie eine Verschwörung an sich – ein Kampfbegriff, um unerwünschte Kritik am gegenwärtigen System zu diffamieren und sich nicht mit den angeblichen Beweisen zu beschäftigen. Andere wiederum sehen hinter dem Begriff den US-amerikanischen Geheimdienst CIA, der dem deutschen Psychologen Rainer Mausfeld zufolge bereits 1967 eine hausinterne „Sprachregelung“ für den Umgang mit Kritikern des „Warren-Reports“ (zur Ermordung von JF Kennedy) festgelegt hat. Aber tatsächlich war der englische Begriff der „conspiracy theorie“ bereits lange vor der Gründung der CIA im Umlauf!

Redet man heute von Verschwörungstheorien, handelt es sich um Erklärungsversuche, die meist historischen Ereignisse um den 11. September oder danach zu erklären. Durch den weitverbreiteten Zugang zu ungeprüften, nichtstaatlichen Informationsquellen und infolge mehrerer Datenlecks international tätiger Sicherheitsdienste (NSA, Wikileaks), wurde ein Nährboden für alternative Fakten geschaffen. Befassten sich diese Leute in der Vergangenheit zumeist mit Schwerpunktthemen, wie der Mondlandung von 1969 oder dem Tod von Prinzessin Diana, ist die Bandbreite möglicher neuer Verschwörungen schier grenzenlos. Nie zur Ruhe kommende Akteure wie Juden und Freimaurer werden scheinbar nach Belieben in fast jeder möglichen Konstellation mit aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht. Dazu kommen noch derzeit besonders beliebte Themen wie Chemtrails, Nanoroboter, die Morgellon-Krankheit und natürlich die gekauften „Mainstream„-Berichterstatter hinzu. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

auge-der-vorsehung

Das Auge der Versehung auf der Ein-Dollar-Note dient für viele Verschwörungstheoretiker als Beweis einer globalen Verschwörung der Illuminaten oder Freimaurer.

Besonders seit dem US-Wahlkampf dürfte jedem klar geworden sein, dass besonders neue Medien, wie die sozialen Netzwerke mittels einer noch nie da gewesener Geschwindigkeit und Fülle an Berichten nicht nur informieren, sondern auch gezielt desinformieren. Der Leser erhält nicht mehr automatisch eine Vielzahl an Informationen und Meinungen zu einem Thema, wie es etwa im Fernsehen oder den Printmedien wäre, sondern einer genau seinem Weltbild angepassten Fülle an weiteren Informationen. Gänzlich unabhängig von der tatsächlichen Wahrheit. Somit wird die Fehleinschätzung gefestigt, die Gedanken im Austausch mit anderen in diesem Mikrokosmos bestätigt und somit zur absoluten Wahrheit mit schon fast religiösem Charakter. Für die betroffenen Personen entsteht oftmals das Gefühl, zur Elite zu gehören. Man selbst hat die Wahrheit, kann sich vor dem Bösen schützen und womöglich auch andere vor ihrem unheilbringenden Schicksal bewahren. Man bekommt den Gedanken, dass eine so große Anzahl an scheinbar gut informierter (zwielichtiger) Experten nicht falsch liegen kann, wird aber von der Außenwelt belächelt und als Spinner abgetan. Aber das ist natürlich auch nur eine Verschwörungstheorie, oder?

In Anbetracht der schier endlosen Bandbreite an Verschwörungstheorien ist es verwunderlich, dass sich bislang nur wenige der Erforschung dieses Phänomens angenommen haben. In einem 2010 veröffentlichten Artikel schrieben die britischen Psychologen Viren Swami und Rebecca Coles, dass Vorstellungen an eine große Verschwörung bestimmte soziale Funktionen und psychologische Bedürfnisse erfüllen. Die Gründe, die die Universitäten davon abhalten selbst in diesem Forschungsgebiet tätig zu werden, sind der Ansicht der Studienautoren nach nicht das Desinteresse an dem Thema an sich, sondern die Gefahr selbst als Verschwörungstheoretiker denunziert zu werden und somit an gutem Ruf einzubüßen.

Der vom US-Amerikaner Richard Hofstadter 1965 publizierte Aufsatz „The Paranoid Style In American Politics, and Other Essays„, ist einer der ersten Versuche sich diesem Phänomen auf rein wissenschaftlicher Ebene anzunehmen. Personen, die wiederholt die Wahrheit in Verschwörungstheorien suchen, als Psychopathen abzustempeln, sei viel zu kurz gegriffen. Ihm zufolge trifft es zumeist nach außen hin unscheinbar wirkende Personen aus unserer Mitte, die sich kraftlos, stimmlos oder benachteiligt fühlen. Ganz besonders im Anbetracht von Katastrophen und Zeiten, in denen das Vertrauen in anerkannte Quellen stark schwindet. In unserer jetzigen Zeit, in der viele mit finanziellen und wirtschaftlichen Ängsten zu kämpfen haben, ist diese Aussage womöglich ein erster Schritt das weitverbreitete Phänomen zu erklären.

„Der menschliche Wunsch nach einer Erklärung für alle Naturphänomene – ein Antrieb, der die Forschung auf vielen Ebenen anregt – verhilft den Verschwörungstheoretikern zur breiten Akzeptanz in der Bevölkerung.“

-Aussage von Richard Hofstadter (frei ins Deutsche übersetzt).

Auch der österreichische Psychologe Fritz Heider kam bereits 1958 zu einem ähnlichen Schluss wie Richard Hofstadter ein paar Jahre später. Die Menschen unternehmen diese Nachforschungen nicht aus bloßer Neugier, so Heider, sondern weil man die Umwelt nur dann kontrollieren kann, wenn man scheinbar unbedeutende Symptome mit einem gewissen Ereignis in Verbindung bringen kann. Diese Beobachtungen stellen seiner Auffassung nach die relativen Konstanten der Natur dar, die unseren Erfahrungen an Bedeutung verleihen und im Zweifelsfall die Überlebenschance zu früheren Zeiten erhöht haben. Daneben sollte man aber auf eine zweite große Gruppe der „Verschwörer“ nicht vergessen, die im Gegensatz dazu vermutlich als „Mitläufer des Systems“ zu betrachten sind: Sie wollen schnell und umfangreich zu den täglichen Themen informiert werden und nehmen oftmals ungewollt einen Informationsverlust in Kauf. Es werden nur noch (Zeitungs-) Überschriften gelesen und mit dem Bild darunter in Verbindung gebracht. Die Geschichte herum wird mit viel Fantasie vervollständigt und nicht selten im Freundes- und Bekanntenkreis abstrahiert weitergegeben. Eine Informationsbeschaffung im Sinne des Kinderspiels „Stille Post„.

chemtrails

Was ist auf diesem Bild zu sehen? Für viele der Beweis einer Verschwörung der Regierung gegen das eigene Volk.

Dass Chemtrails und Morgellons tatsächlich keine Auswirkungen auf ein Überleben der Menschheit haben, sondern oftmals rein finanzielle Begierde stillen, lässt sich kaum leugnen. Der Kopp-Verlag schafft, wovon viele andere nicht einmal zu träumen wagen: Sie schreiben Quellenverweis ausgesparte Texte in den pseudo-wissenschaftlichen Tiefen des WWW, publizieren massenweise von Büchern im eigenen Verlag, rufen zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen auf, in denen nicht selten eine Eintrittsgebühr von bis zu 150€ pro Person zu entrichten ist und schaffen es trotzdem, immer mehr Leute für ihre immer neuen Behauptungen zu begeistern. Meist handelt es sich bei den „Gläubigen“ um Personen der Mittelschicht, die nicht selten bei kritischen Fragen unseriöse Quellen aus dem Internet zitieren und den Wahrheitsgehalt nicht auch nur im entferntesten anzweifeln würden. Natürlich lässt sich wie über beinahe alles auch über das Wort der „Seriosität“ per se streiten, ist aber für mich durch die zumeist fragwürdige grafische Ausgestaltung der Seite mit Zeichen der Illuminaten, fliegenden Untertassen und einer Wortwahl, die allen Anschein versucht einen vermeintlich ohnehin logischen Sachverhalt in der Kürze von lediglich zehn Seiten abzuhandeln, nicht gegeben. Unter diesen Fachartikeln aus der pseudo-wissenschaftlichen Ecke zitiert man anschließend noch Aussagen von Personen mit mehreren Doktortiteln, um den Schein der Seriosität zu wahren. Die Anhänger dieser Theorien bezichtigen jeweils die Kritiker die Augen vor der „echten“ Wahrheit zu verschließen, verleugnen die ach so bösen Massenmedien und glauben dafür jede noch so abstruse und ungeprüfte Behauptung aus den sozialen Netzwerken wie Facebook und YouTube. Für sie ist es unklar, warum trotz der Vielfalt an Berichten und aller Offensichtlichkeit, nur sie die Wahrheit entdecken konnten. Damit festigt sich oftmals ein elitäres Machtgefühl, dass die neue unheilbringende Erkenntnis unbedingt an das nahestehende Umfeld weitergeben muss. Nicht selten werden diese von der Gesellschaft diffamiert und verstoßen, während die Anhänger der Thesen immer weitere Ungereimtheiten in der assoziierten angeblichen Wahrheit entdecken. Ungebildet sind diese Verschwörungstheoretiker keineswegs, sogar das Gegenteil ist der Fall. Vielleicht bringt es der Ausdruck der „fehlgeleiteten Bildung“ noch am besten auf den Punkt.
Sie beschäftigen sich beinahe unermüdlich mit immer neuen Thesen und deren Beantwortung. Kritische Fragen kommen auf und werden auch beantwortet (mit der Verschwörungstheorie eben). Dabei verstricken sie sich in weitere Nebenannahmen und unnachvollziehbaren Voraussetzungen, deren Zusammentreffen äußerst unwahrscheinlich ist. Auf kritische Gegenargumente wird selten reagiert. Sie glauben die Antwort zu kennen und lassen keinen anderen Schluss von außen zu. Das Verschwörerische ist zumeist die Geheimhaltung selbst: Wer etwas geheim halten möchte, hat immer etwas zu verbergen! Und da etwas Unbekanntes nicht klar beweisbar ist, ist für die Befürworter fast jede These denkbar – egal wie abstrus sie klingen mag! Chemtrails als todbringende Chemikalien klingen auch viel spannender als die offizielle Version mit den Kondensstreifen. Sollte dann allen Gegenargumenten zu trotz, die „Einheits“-Presse einen unumstößlichen Beweis gegen ihre Behauptung erbringen, wird diese zugleich als von Konzerninteressen gleichgeschaltete Berichterstattung denunziert. Dass diese Entwicklung neben harmlosen Fantasiegeschichten auch einen durchaus ernsten Nachgeschmack hat, zeigt sich in der Häufung von Straftaten wieder. Zum einen in der Reichsbürgerbewegung sowie auch in der Neo-Nazi Szene. Nicht selten erfährt das Erstarken der einen Gruppe auch einen vermehrten Zulauf in der anderen. Behauptungen, die im Gegensatz zu Chemtrails, Morgellons und einer Klimakontrolle durch HAARP nicht nur reine Hirngespinste sind, sondern mittels statistischen Aufzeichnungen auch einwandfrei belegt wurden!

Welche Gefahren siehst du in den Verschwörungstheorien und wie kann man die Leute noch vom Gegenteil überzeugen? Oder ist das überhaupt nicht notwendig? Ist es lediglich eine anders gepolte Meinung oder eine Krankheit, die neben anderen psychischen Krankheiten einer Behandlung bedürfen? Wo soll man deiner Meinung nach die Grenze zwischen kritischem Denken und Wahn ziehen? Freue mich wie immer auf eure zahlreichen Antworten und verbleibe bis zum nächsten Mal auf Facebook und hier in den Kommentaren!

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Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Astronaut_moon_rock.jpg, http://maxpixel.freegreatpicture.com/Alien-View-From-The-Moon-Earth-1627004, https://www.flickr.com/photos/marfis75/404869734 (01.03.2017, 23:20) – Astronaut der Appollo-Mission von 1969 auf der Mondoberfläche mit einer Alien-Silouette als Schatten (Bild wurde in Photoshop bearbeitet).

 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Penthouse_of_the_US_Embassy_Berlin_(north-west).jpg (01.03.2017, 23:27) – Abhöreinrichtung der NSA in der US-Botschaft in Berlin.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dollarnote_siegel_hq.jpg (01.03.2017, 23:28) – Das Auge der Vorsehung auf der Ein-Dollar-Note.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Contrail.fourengined.arp.jpg (01.03.2017, 23:30) – Kondensstreifen eines vier-strahligen Jets.

 

Gefangener der Zeugen Jehovas: Interview mit einem Aussteiger

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Nimrod, der unter seinem bürgerlichen Namen nicht genannt werden möchte verbrachte seine gesamte Jugend gemeinsam mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern in der christlichen Sekte der Zeugen Jehovas, bis er im Erwachsenenalter den Entschluss zum Ausstieg und der Abkehr zur Religionsgemeinschaft fasste. Bis dahin bestimmte die Sekte bereits seit über 20 Jahren sein Leben – eine Zeit, die bis heute an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Uns gab er die Möglichkeit für einen Einblick in seinen damaligen Alltag, um zu verstehen was es für ihn bedeutete als Jugendlicher im Kreise der Zeugen Jehovas aufzuwachsen.

Heute spreche ich mit einem der interessantesten Interviewpartner seit Langem: Dem 45 Jahre alten Nimrod aus Schleswig Holstein. Seine Eltern konvertierten in den 60er Jahren zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, der seine zwei älteren Schwestern, deren Familien und seine eigenen Eltern bis heute angehören. Er selbst fasste den Entschluss zum Austritt im Jahre 1993.


Mothersdirt: Wenn du an deine Kindheit bei den Zeugen Jehovas zurückblickst, welche Erinnerung hat dich bis heute am stärksten geprägt?

Ich glaube, es gibt da nicht DIE Erinnerung, die mich am stärksten geprägt hat. Natürlich erinnere ich mich daran, als kleines Kind, abends in den Zusammenkünften im Königreichssaal müde und unruhig auf dem Stuhl hin und her gerutscht zu sein, bis mich mein Vater an den Haaren in einen Nebenraum geschliffen hat. Dort wurden die Kinder sozusagen zur Ruhe gezüchtigt.
Ich erinnere mich auch an Geburtstage oder Weihnachtsfeiern in den ersten Schuljahren, an denen man als Zeuge Jehovas nicht teilnehmen durfte. Man gewöhnte sich früh daran „anders“ zu sein.

Als Einschlaflektüre lasen mir meine Eltern vor dem Zubettgehen biblische Geschichten vor. Am interessantesten waren da natürlich die alttestamentarischen Horrorgeschichten von einem brutalen Gott, der seine Widersacher ohne Gnade vernichtete. Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand. So wurde ich von frühester Kindheit geschult.

Ich glaube, es ist das Gesamtpaket der Erinnerungen und Erlebnisse in frühester Kindheit, die mich geprägt haben.
Was aber als starke Erinnerung immer wieder zurückkommt, ist die Anspannung und Angst vor dem Vater, der damals als einer der Ältesten in der Versammlung eingesetzt war und einen Gummiriemen als Rute der Zucht missbrauchte. Angst vor Dämonen, Angst vor Vernichtung, Angst vor Sünde, Angst vor Bestrafung. Ich denke das Leben in ständiger Angst und Unsicherheit als Kind haben mein späteres Leben sehr geprägt. Ich wurde sozusagen auch nach dem Bruch mit den Zeugen von meinem Gewissen gejagt.

„Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand.“

-Nimrod


Mothersdirt: Der körperliche und geistige Missbrauch besonders bei sehr jungen Menschen bleibt meist der Öffentlichkeit nicht gänzlich verborgen. Wie war dein Verhältnis zu Gleichaltrigen außerhalb der Zeugen Jehovas und war dir der Umgang mit nicht Gläubigen überhaupt gestattet?

Aus meiner Erfahrung macht sich die breite Öffentlichkeit nicht viele Gedanken über die Zeugen Jehovas. Natürlich gibt es bei den Meisten irgendeine Vorstellung oder Vorurteile, die in der Regel nicht viel mit der Realität zu tun haben. Es wird schnell verurteilt, ohne nach Tatsachen zu forschen oder sich Gedanken über die einzelnen Schicksale der Menschen innerhalb dieser Organisation zu machen. So wurde mir in der Schule weiß gemacht, Zeugen Jehovas hätten keinen Fernseher und auch keine Türen im Haus. Doch… das haben sie!
Das liegt wohl in der Natur des Menschen, dem Unbekannten noch etwas Geheimnisumwobenes zuzudichten.

Was mein Verhältnis zu Gleichaltrigen betrifft, so kam ich in der Schulzeit ganz gut mit ihnen klar.
Der Umgang mit Menschen außerhalb der Organisation wird trotzdem, wenn möglich auf ein Nötigstes beschränkt. Schule, Arbeit… das war`s in der Regel. Vereinsmitgliedschaften und private Aktivitäten mit „Weltmenschen“ sind nicht gerne gesehen, Besuche von Diskotheken waren zu meiner Zeit Tabu und „weltliche Musik“ wurde oft dämonisiert. Auch hatten weder meine Schwestern noch ich je ein Poster aus der BRAVO an der Wand, da dies nach Ansicht der Zeugen, hauptsächlich aber meines Vaters, Personenkult darstellen würde und man keine Ideale außer Gott oder Jesus haben sollte.


Mothersdirt: Du beschreibst deinen Vater als aggressive und beherrschende Person in der Familie. Wurden die Verbote allein von deinem Vater, oder auch von deiner Mutter ausgesprochen? Wie würdest du das Verhältnis zwischen euch Kinder und den beiden Elternteilen beschreiben?

Ich denke, man muss zwischen den Regeln, die der Vater als Person durchsetzte und den Regeln, die von der Organisation der Zeugen Jehovas aufgestellt wurden, differenzieren. Die religiösen Regeln galten für alle und wurden sowohl vom Vater als auch von der Mutter durchgesetzt. Die Strenge des Vaters fehlte allerdings bei unserer Mutter.

Das Verhältnis zwischen uns drei Geschwistern war etwas schwierig, da meine Schwestern sieben und neun Jahre älter sind als ich. Meine älteste Schwester verließ mit 17 das Haus. Da war ich acht Jahre alt. Meine andere Schwester ging zwei Jahre später auch im Alter von 17. Beide heirateten sehr früh. Es fehlte irgendwie immer die Herzlichkeit oder der Zusammenhalt, den man innerhalb einer Familie und zwischen Geschwistern vielleicht erwartet. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf.
Auch zwischen unseren Eltern war soweit ich mich erinnern kann nie ein herzliches Verhältnis. Mein Vater war ein Tyrann und so behandelte er nicht nur uns Kinder sondern auch seine Frau.

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Schnappschuss einer vermeintlich sorglosen Kindheit.


Mothersdirt: Würdest du die Spannungen innerhalb der Familie auf den Einfluss der Lehren der Zeugen Jehovas zurückführen? Oder ist es davon klar trennbar?

Die Spannungen, die innerhalb unserer Familie auftraten waren zum großen Teil dem Leben innerhalb dieser Organisation geschuldet. Natürlich trug die individuelle Art unseres Vaters gewisse Dinge umzusetzen ihren Teil dazu bei. Insofern sind die Spannungen nicht klar trennbar. Aber im Großen und Ganzen ist unsere Familie dem dogmatischen Irrglauben der Zeugen zum Opfer gefallen. Eine zerstörte Familie und zerstörte Persönlichkeiten im zweifelhaften Auftrag des Herrn.


Mothersdirt: Wenn du heute vom Irrglauben der Zeugen sprichst, wie waren deine Gedanken zur Lehre als Kind und Jugendlicher? Warst du überzeugter Anhänger, oder gab es auch größere Zweifel an der Richtigkeit der Auslegung?

Als Kind und selbst noch als Jugendlicher habe ich nie die Lehre der Zeugen in Frage gestellt. Wenn ich etwas in Frage gestellt habe, dann eher meine eigene Kraft, diesen Glauben auszuüben. Ich fühlte mich oft zu schwach, sündhaft, unwürdig.
Ich war definitiv überzeugter Anhänger und für mich war diese Lehre keine Auslegung, sondern DIE Wahrheit und als solche bezeichnen die Zeugen ihren Glauben nach wie vor. „DIE WAHRHEIT“, neben Theokratie, Weltmenschen, Überrest, usw. etwas, was zum Sondervokabular der Zeugen Jehovas gehört.


Mothersdirt: Wenn du für dich die Lehre der Zeugen als „DIE WAHRHEIT“ angenommen hast und es für dich daran keinen Zweifel gab, wie und wann kam dir der Gedanke trotzdem auszusteigen?

Es war kein plötzlicher Gedanke, es war eher ein Prozess, der schleichend begann. Es fing auch nicht damit an, dass ich die Lehren in Frage stellte, sondern dass ich mich selbst immer weniger in der Lage sah, diese Lehren befolgen zu können. Am Anfang plagte mich mein Gewissen, dann wurde es für mich mehr und mehr ein praktiziertes Doppelleben. Irgendwann endete es dann im Chaos. Ich ging nicht mehr von Haus zu Haus und immer weniger in die Zusammenkünfte. Je mehr ich mich geistig entfernte, desto mehr wuchs gleichzeitig der Druck von Familie und Organisation. In einer Nacht- und Nebelaktion packte ich meine Sachen und verschwand einfach aus der vertrauten Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt fehlte mir der Mut und die Kraft meine Entscheidung bei den Zeugen und meiner Familie öffentlich zu offenbaren. Ich verschwand sozusagen spurlos, hatte lediglich die nötigsten Dinge und Papiere im Gepäck. Anfangs kam ich bei den wenigen Bekannten unter, die ich außerhalb der Organisation hatte. Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.
Das, was ich hier in kurzer Form beschreibe, war ein langer Prozess, der irgendwann im Teenageralter begann und sein Finale in meinem 23. Lebensjahr hatte. Selbst die ersten Jahre nach den Zeugen konnte ich an der Lehre an sich nichts Falsches erkennen. Ich verteufelte lediglich die Menschen, die diese praktizierten. Erst mit sehr viel Abstand begann sich mein Geist neu zu orientieren und gleichzeitig meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

„Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.“

-Nimrod


Mothersdirt: Hier und da hört man von ähnlichen Fällen wie deiner Geschichte und dem Druck, die willige Aussteiger erfahren. In welcher Form und Weise wurde auf dich vor deinem fluchtartigen Verschwinden Druck vonseiten der Familie und Organisation ausgeübt? Welche zu erwartende Konsequenzen hatten dich damals zur Flucht verleitet?

Wie schon beschrieben ist es zum großen Teil ein passiver Druck, dem man alleine schon durch sein von Kindheitstagen geschultes Gewissen ausgesetzt ist. Ein Druck, der sich bei jedem Fehltritt in Form von reuigen Gedanken meldet. Das Ergebnis einer über die Jahrzehnte perfektionierten Gehirnwäsche.
Eine andere Art von Druck ist natürlich auch die Beobachtung von Glaubensbrüdern und Schwestern, die jedes Schaf, das ihrer Meinung nach vom rechten Pfad abkommt bei der Ältestenschaft melden.
Es wird beobachtet, ob man regelmäßig die Zusammenkünfte besucht, sich aktiv daran beteiligt und gut vorbereitet hat, ob man seiner Pflicht der Verkündigung nachkommt und wie eng der Kontakt zu Menschen außerhalb der Organisation ist.

Für Kinder, die in diese Organisation geboren wurden, kommt natürlich noch die Erwartungshaltung der Eltern dazu, sich niemals vom „wahren Glauben“ abzuwenden.
Es ist also der Druck des eigenen Gewissens, der Respekt vor den Ältesten und die Angst zu enttäuschen – abgesehen von der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die dich auf der anderen Seite erwarten. Insgesamt für viele Zeugen eine zu große Last, um sich endgültig von der Gemeinschaft trennen zu können.

„Die Flucht“ war sozusagen mein persönlicher Weg hinaus, um zumindest den eingehenden Gesprächen mit Ältesten und Eltern aus dem Weg zu gehen. So gab es für mich keine Argumente, die mich zurückhalten konnten, keine Vorwürfe und Angstmacherei, keinen zornigen Vater dem ich entgegentreten musste und keine weinende Mutter, die ich beruhigen musste. Immerhin haben meine Eltern zu diesem Zeitpunkt aus ihrer Sicht ihr Kind verloren.
Vielleicht wird dieser Weg von Außenstehenden als feige betrachtet, aber über 2 Jahrzehnte fremdgesteuertes Leben machen dich unsicher und labil.
Ich musste erst einmal selbst einen klaren Gedanken fassen, sehen wo ich stehe, Kraft tanken, die Füße auf die Erde bekommen.

Ich habe schon früh mitbekommen, welche katastrophalen Auswirkungen ein Gemeinschaftsentzug innerhalb einer Familie der Zeugen Jehovas haben kann.
Meine älteste Schwester brachte im Alter von ca. 17 Jahren einen Mann mit nach Hause. Er war kein Zeuge und fast 20 Jahre älter als sie. Ihr wurde aufgrund von vorehelichem Geschlechtsverkehr die Gemeinschaft entzogen und sie flog von zu Hause raus. Meine Eltern durften keinen Kontakt mehr zu ihr haben.
Mein Vater drehte durch und war nicht mehr ansprechbar, meine Mutter weinte sich durch die Nächte und ich versuchte irgendwie die Stellung zu halten und meinen Eltern nicht zusätzlichen Kummer zu bereiten.

Ich möchte hier noch einmal schildern, welche Auswirkungen für einen Zeugen der Gemeinschaftsentzug eines Glaubensbruders hat. Der Betreffende darf weder gegrüßt noch darf mit ihm gesprochen werden. Jeglicher Kontakt ist untersagt. Dieser Mensch ist der Vernichtung geweiht. Die einzige Möglichkeit für ihn ist Reue. Auch bei nahen Verwandten werden hier keine Ausnahmen gemacht.

Ich muss dazu sagen, dass meine Schwester irgendwann ihren „Fehltritt“ bereute und sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Ihr Mann nahm kurze Zeit später ebenfalls diesen Glauben an und sie sind bis heute verheiratet und haben mittlerweile fünf gemeinsame Kinder, die auch alle in diesem Glauben erzogen wurden, bzw. werden.


Mothersdirt: Im Hinblick auf drohende Konsequenzen hast du die Flucht nach vorne angetreten und deine gewohnte Umgebung verlassen. Wie lange warst du danach nicht auffindbar und wie wurde nach dir gesucht?

Ich war ca. drei Monate in der Versenkung verschwunden. Meine Eltern haben natürlich zunächst versucht, mich über Bekannte zu erreichen oder haben Orte aufgesucht, an denen sie mich vermuteten. Später wurde sogar die Polizei informiert.
Ich habe das alles von einem damaligen Weggefährten erfahren, dessen Eltern ebenfalls bei den Zeugen waren. Als ich davon erfuhr, meldete ich mich zunächst telefonisch bei meiner Familie.

Ich muss dazu sagen, dass ich vor meiner sogenannten Flucht ins Leben, Briefe sowohl für die Familie als auch für die Ältestenschaft der Zeugen abschickte.
Ich habe also darüber informiert, dass es nicht mein Ziel war mir mein Leben zu nehmen, sondern mein Leben zu finden.


Mothersdirt: Normalerweise zählt das Verschwinden des eigenen Kindes zum Schlimmsten, dass sich Eltern vorstellen können und eine Anzeige bei der Polizei erscheint dahingehend für die meisten als logischer Schritt. Welchem Umstand ist es schlussendlich zu verdanken gewesen, dass du wieder nach Hause zurückgekehrt bist und wie reagierte deine Familie und die Ältestenschaft darauf?

Zum einen war ich zu diesem Zeitpunkt fast 23 Jahre alt und wohnte nichtmehr bei meinen Eltern. Wie die meisten Zeugen Jehovas habe ich früh geheiratet. Da eine Beziehung zu einem Menschen des anderen Geschlechts in dieser Organisation ohne Heirat nicht wirklich möglich war/ist entscheiden sich viele junge Zeugen früh für diesen Schritt. Ich war gerade 19 Jahre alt.

Zum anderen hatte ich wie schon gesagt Briefe geschrieben, die meinen „Ausbruch“ erklären sollten. Einen Brief an die Ältesten der Versammlung, in dem ich meinen Austritt erklärte und auch meine Beweggründe offenbarte und einen Brief für meine Familie, mit der Bitte nicht nach mir zu suchen.
Ein Zurück in mein altes Leben gab es von diesem Zeitpunkt nicht mehr und ich habe diesen Schritt auch nie bereut.


Mothersdirt: Wie entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren deine Beziehung zu deinen Eltern? Gab es auch nach dem Brief an die Ältestenschaft noch irgendwelche Versuche dich in die Organisation zurückzuholen?

Das persönliche Verhältnis zu meinen Eltern und der Familie im Allgemeinen war von diesem Zeitpunkt an gebrochen. Lediglich zu meiner Mutter hatte ich in unregelmäßigen Abständen noch Kontakt. Da Zeugen Jehovas jedoch keinen Umgang mit Ausgeschlossenen pflegen dürfen, wurde dieser auch immer weniger.
Anfangs versuchte meine Mutter mich immer wieder  durch Gespräche zur „Umkehr“ zu bewegen. Sie gab mir auch immer mal wieder Zeitschriften oder Bücher der Zeugen mit.

Mit 25 Jahren änderte ich meinen Nachnamen, um zum einen mit der Vergangenheit abzuschließen und zum anderen nicht mehr ohne weiteres auffindbar zu sein. Ein weiterer Grund war der Spruch meines Vaters, „er hätte keinen Sohn mehr“.

Es gab von Seiten der Ältestenschaft später zwei Versuche mich zurück in die Organisation zu holen. Sie klingelten irgendwann unerwartet an der Haustür und baten um ein Gespräch. Ich konnte ihnen aber relativ schnell meinen mittlerweile gefestigten Standpunkt klar machen.


Mothersdirt: Seit deinem erfolgreichen Ausstieg sind mittlerweile viele Jahre vergangen und du konntest den geistigen wie auch körperlichen Missbrauch scheinbar gut verarbeiten. Gibt es trotzdem Spuren der seelischen Verletzung, die bis heute in deinem täglichen Leben nachwirken? Wenn ja, welche?

Natürlich haben die Jahre Spuren hinterlassen.
Jeder ist irgendwie das, was aus ihm gemacht wurde. Jeder ist als Kind sowohl von den Eltern als auch von den Umständen, in denen er aufgewachsen ist, geprägt worden. Dazu kommen die jeweilige genetische Veranlagung und natürlich ein wenig das, was man selbst aus seinem Leben macht.
Aus dieser Mischung wird dann wohl das, was man schlechthin als Persönlichkeit bezeichnet.

Auch meine Persönlichkeit wurde geprägt. Ich habe Eigenschaften geerbt, vieles in mir wurde kaputt gemacht, ich wurde in Ansichten hineingezwungen…
Ich weiß nicht, wer ich geworden wäre, wenn ich bei anderen Eltern, in einem anderen Land und unter anderen Umständen groß geworden wäre.

Ich habe nach der Zeit bei den Zeugen keine Freundschaften pflegen können, ich fühle mich bis heute in Gruppen nicht wohl und lasse Menschen meist nicht sehr nahe an mich heran, ich bin in vielen Dingen sehr emotionslos geworden, ich kann weder Trauer noch Freude richtig fühlen. Eines der Gefühle, die ausgeprägt sind, ist Wut. Ich habe lange in meiner eigenen Welt gelebt und noch immer Probleme, diese Welt mit anderen Menschen zu teilen. Ich habe viele Jahre unter Depressionen gelitten, ohne für mich einordnen zu können, dass es welche sind. Fehlende Lebensfreude, mangelnde Motivation und ständige Müdigkeit gehörten lange zu meinem Alltag. Nach zwei gescheiterten Ehen und drei Kindern zu denen kaum, bis gar kein Kontakt besteht, habe ich vor ein paar Jahren den Entschluss gefasst mich zu befreien und für mich zu kämpfen.
Ich habe eine Partnerin, die mir gut tut, ich arbeite an mir, unserem gemeinsamen Kind ein besserer Vater zu sein und ich habe mich vor ca. einem Jahr in psychosomatische Behandlung begeben. Zusätzlich habe ich nach über 20 Jahren im letzten Jahr Kontakt zu einigen Menschen meiner Familie aufgenommen und versucht etwas Vergangenheit aufzuarbeiten.

Es geht bergauf.

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Der Ausstieg aus der Sekte markierte den Anfang vom Ende. 20 Jahre später kämpft Nimrod noch immer, um die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit aufzuarbeiten und diese Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können.


Mothersdirt: Obwohl du bereits im noch jungen Alter einen der ersten realistischen Möglichkeiten zum Ausstieg nutzte, war zu diesem Zeitpunkt deine Jugend bereits zerstört und die weitere Zukunft vorgeprägt. Welchen Rat würdest du aus heutiger Sicht einem jungen Erwachsenen mitgeben, der trotz möglicher Konsequenzen selbst ernsthaft mit dem Gedanken spielt aus der Gemeinschaft auszutreten?

Da ich weiß, wie schwer es ist den Schritt aus dieser Organisation zu gehen, insbesondere bei Menschen, die in diese hineingeboren wurden, ist es nicht leicht einen Rat zu geben, der pauschal eine Lösung bietet.
Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.
Letztendlich sollte aber jeder auf sein Herz hören, und wenn das Gefühl dir sagt, dass der Weg der Zeugen Jehovas nicht deiner ist, dann sollte man auch bereit sein, für sein Leben zu kämpfen.

Es gibt viele Hilfestellungen, die man in solch einem Fall auch in Anspruch nehmen sollte.
Einfache Dinge wie Sportvereine, Hobbys, Internetforen oder vielleicht alte Schulfreunde können behilflich sein, erste Kontakte nach außen zu knüpfen. Wichtig ist, nicht das Gefühl zu haben nach der Zeit als Zeuge alleine zu sein. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit eine Therapie in Anspruch zu nehmen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Gespräche und Erfahrungsaustausch mit anderen ausgeschlossenen Zeugen könnten ebenfalls eine Hilfe sein, sich über seine eigenen Beweggründe im Klaren zu werden.

„Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.“

-Nimrod

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie schwer man sich tun kann, sein vertrautes Leben hinter sich zu lassen. Aber wie heißt es in einem alten Seefahrerspruch: „Man kann keine neuen Ufer entdecken, hat man nicht den Mut die Küste aus den Augen zu verlieren.“
Und jeder der diesen Mut hat, wird irgendwann feststellen, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und dass dieses Leben so viel mehr zu bieten hat als wöchentliche Versammlungen, dem Studium von Publikationen, die von alten religiösen Heuchlern herausgegeben werden und dem ständigen Druck, irgendwelchen Regeln nicht gerecht werden zu können.
Kämpfe um dein Leben, kämpfe für dich selbst. Es lohnt sich.

…..und in 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen. Erfasse den Wind mit deinen Segeln. Erforsche…Träume.


Mothersdirt: Nimrod, herzlichen Dank für das interessante Gespräch und all die detaillierten Eindrücke aus deiner Kindheit bei den Zeugen Jehovas.

Für all jene, die selbst an einen Ausstieg denken oder sich mit diesem Thema noch etwas genauer beschäftigen möchten, gibt es am Ende des Beitrages noch einige Links zu Erzählungen von Ehemaligen, Adressen von Beratungsstellen sowie allgemeine Informationen und Hilfestellungen zum Ausstieg bei den Zeugen Jehovas.


Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Alle Rechte zum Umfang und Inhalt des Artikels, sowie den Abbildungen bleiben bei den Verfassern – im Besonderen bei der Person hinter dem Pseudonym Nimrod. Das Titelbild ist hiervon ausdrücklich ausgenommen.

Titelbild: https://pixabay.com/de/depression-deprimiert-forlorn-1252577/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JW_ORG_logo.jpghttps://encrypted-tbn3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRVk74KnrOFxzjOuddWAP1y4f5V9f5sYbSfLgLUrv7za8xDE7hehttps://pixabay.com/de/dunkel-fenster-leuchten-licht-1309884/ (14.02.2017, 13:59) – Mann sitzt auf einem Sessel im dunklen Raum. Daneben blutendes JW.ORG-Logo (Bild wurde mit Photoshop erstellt).

 

Nimrod_Jugend.jpg (15.02.2017, 00:09) – Schnappschuss aus der Jugend von Nimrod. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.
Nimrod_aktuell.jpg (15.02.2017, 00:11) – Aktuelles Foto von Nimrod mit Kapuze und einer Zigarette rauchend. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.
 

Das ist unser Nazi-Style

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Seien es Badges, Flaggen oder Helme – eine gewisse Begeisterung für Nazi-Devotionalien in Europa und Amerika musste sich nicht erst entwickeln. Die Mischung aus Sammelleidenschaft in Verbindung mit antisemitischem Rassenwahn ist schon lange irgendwie ein (kleiner) Teil unserer Gesellschaft. Dieses lukrative Geschäft mit unserer jüngeren geschichtlichen Vergangenheit schaffte es vor wenigen Jahren auch in Ostasien Fuß zu fassen. Ein Geschäftsmodell, das weniger mit dem ideologischen Wahn(sinn) wirbt, sondern auf die Unwissenheit der Menschen einerseits und der Gier nach Geld, Macht und Aufmerksamkeit andererseits setzt. Das Ergebnis ist der sogenannte Nazi-Style. Ein Trend, der nur wenig mit unserem Verständnis von Nazis gemein hat, aber dennoch eine große Gefahr in sich birgt.

Neo-Nationalismus hat vermutlich nie einen zuerkannten Anfang und wird wohl so schnell auch kein Ende nehmen. Juden- und Rassenhass gipfelten im zweiten Weltkrieg in der Hölle Europas und verstanden sich stets als Abgrenzung. Der Mitte der 70er Jahre aufkommende Nazi-Style der Punk-Subkultur hat damit wenig bis gar nichts mehr zu tun. Das Ziel ist es zu schockieren und gesellschaftliche Tabus zu brechen. Als prominente Beispiele dieser Zeit sind Jonny Rotten von den Sex Pistols in einem T-Shirt mit der Aufschrift „DESTROY“ und Siouxsie Sioux von Siouxsie and the Banshees, die bei ihren Auftritten um das eine oder andere Mal in S und M Kleidung in Verbindung mit einem Hakenkreuzarmband in Erscheinung trat, zu nennen.

Etwa ab den 1980er Jahren etablierte sich die „Nazi-Fashion“ in der asiatischen Pop- und Rock-Kultur. Die gängigsten Stilrichtungen sind „Swastikawaii“ (cute swatikska), dass das Symbol des Hakenkreuzes als Hauptmotiv benutzt und der „Führer-Chic“ – eine oft comichafte, verniedlichende Karikatur von Adolf Hitler.

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Mit 45.000 verkauften Exemplaren wurde die japanische Manga-Comic-Version von HitlersMein Kampf“ (jap. わが闘争) zu einem kleinen kommerziellen Erfolg.

Dass das wiedererkeimende nationalsozialistische Gedankengut im Pop- und Rock-Genre kein rein europäisch– und US-amerikanisches Problem darstellt, zeigte sich erneut Ende 2016 an der Kleidungswahl einer bislang populären japanischen Pop Gruppe. Keyakizaka46, eine Abspaltung der berühmten AKB46 Pop-Gruppe unter der Leitung eines hohen Aufsichtsratsmitgliedes für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, wurden national wie auch international heftig kritisiert, als sie während eines Halloween-Konzertes in nachempfundenen SS-Uniformen auftraten. Veröffentlichte Fotos zeigen Mitglieder der Band in an die nationalsozialistische SS-Einheit ähnelnden Uniformen und einer schwarzen Schirmmütze, auf der ein Adlerabzeichen prangt. Besonders kontrovers sind die Umstände, dass die Mehrheit der über 30 Mitglieder der J-Pop-Band selbst noch minderjährig sind, durch ihren Erfolg große Popularität unter Gleichaltrigen oder jüngeren japanischen Teenager genießen und Yasushi Akimoto, der Songschreiber und Producer der Band eine bedeutende Rolle in den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo innehat.

Kritik in den Social-Media Plattformen – allen voran auf Twitter folgte dem skandalösen Auftritt prompt.

„Nur weil du es nicht wusstest oder die Nazis selbst nicht in den Himmel lobst, gibt es dir noch lange nicht das Recht so etwas zu machen. In Anbetracht ihres Einflusses als „Idols“ ist das unverzeihlich.“

Twitter-User @batayanF3

Kurze Zeit später meldete sich auch Akimoto auf der Webseite von Keyakizaka46 zu Wort, der seine Verfehlungen als Produzent der Band zu tiefst bedauerte. Gleiches tat Sony, der Plattenverlag, der die japanische Gruppe bis heute unter Vertrag hält. Sony gab an, den Vorfall und die eigene Unwissenheit darüber zu tiefst zu bedauern, für die Zukunft daraus zu lernen und diesen Vorfall nicht mehr zu wiederholen.

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Zwei Mädchen der japanischen Pop-Band „Keyakizaka46“ (jap. 欅坂46) in ihrer Nazi-Uniform.

Ein frommer Gedanke, betrachtet man eine ähnlich verunglückte Kostümwahl nur wenige Jahre zuvor. Damals galt der Ärger der Japaner dem Musiklabel Sony, dem Fernsehsender MTV und besonders den Mitgliedern der Gruppe Kishidan, nachdem diese im abendlichen Fernsehprogramm in nachempfundenen Nazi-Uniformen aufgetreten waren. Eine Entschuldigung folgte erst, nachdem das Simon-Wiesenthal Zentrum, dass sich der Aufspürung antisemitischer Aktivitäten verschrieben hat, seinen Schock und Bedauern öffentlich machte.

Doch auch im von der japanischen Besatzungsmacht geschichtlich gebeutelten Südkorea scheint das Mitgefühl für manche nur sehr begrenzt zu existieren. Unter dem Begriff der Trostfrauen mussten Frauen aus Korea und China während der japanischen Besatzungszeit schlimmste sexuelle Übergriffe durch japanische Soldaten über sich ergehen lassen. Ein Schicksal, das das Nachkriegskorea ähnlich stark erschütterte, wie das Erbe des Nationalsozialismus in Europa. Und dennoch schrecken manche Geschäftsleute nicht davor zurück die dunkelste Vergangenheit gewinnbringend zu vermarkten. So geschehen in Busan, die bis 2008 eine „Hitler Techno Bar“ mit Abbild Adolf Hitlers inklusive ausgestreckter Hand zum Hitlergruß, Einheimische wie auch Touristen zum Feiern einladen sollte. Unter dem Eindruck jüdischer Proteste wurde zunächst 2003 die Bar in „Ddolf Ditler-Bar“ und wenig später in „Caesar“ umbenannt, ehe sie um das Jahr 2008 endgültig einer Karaoke-Bar weichen musste.

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Die „Ddolf Ditler Techno Bar“ in Seoul. An einem Schild am Eingang wurde nochmals extra darauf hingewiesen, dass der Betreiber der Bar nicht die Absicht habe die NS-Ideologie zu unterstützen oder zu bewerben. Könnte diese Aufmachung tatsächlich noch missverstanden werden? Ps.: Der unten abgebildete Text wurde sinngemäß ins Englische übersetzt!

Die Hitler oder Ditler-Bar ist nur eine von mehreren Bars in Südkorea, die in den letzten Jahren eröffnet wurden. Eine der bekannteren war die Bar „The Fifth Reich“ in Seouls Shinchon Bezirk. Bereits am Eingang war für jedermann klar ersichtlich – der Führer ist hier Programm! Ein weiteres Hitler-Bildnis zeigte sich dem Besucher über der Bar, an der Kellner und Kellnerinnen mit Hakenkreuzarmbändern Getränke mit vielversprechenden Namen wie „Adolf Hitler and Dead“ mixen. Zumeist junge Studenten aus der unmittelbaren Umgebung trafen sich hier inmitten aus der Romantik nachempfunden Säulen, Statuen mit goldenen Reichsadlern und mit Naziinsignien geschmückten Vitrinen. Neben der Kassa wurden Anstecknadeln und Abzeichen als Souvenirs an die zahlreichen Kunden zum Kauf angeboten. Für viele mag es wie eine Ruhmeshalle für eine Person gewirkt haben, die sechs Millionen Juden in den Holocaust schickte. Aber wie so oft waren sich auch hier viele der Bedeutung, die sich hinter dem Namen Adolf Hitler verbarg, nicht bewusst. So auch der Stammkunde Chung Jae Kyung:

„Ich hasse sie nicht. Ich mag sie aber auch nicht. Aber wenigstens haben sie sich gut angezogen.“

-Stammkunde Chung Jae Kyung über Nazis und Adolf Hitler

Ein Statement, dass in westlichen Ländern am ehesten der Neo-Nazi Szene zuordenbar wäre, aber in Südkorea unter dem Namen „Nazi-Chic“ gebräuchlich ist. Es ist dies eine mehr als bedenkliche Faszination für den militärischen Kleidungsstil aus der Zeit des Nationalsozialismus.

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Nazi-Chic ist vielmehr Teil der asiatischen Cosplayszene, als eine Verherrlichung der NS-Ideologie zu verstehen.

Kritik und Protest folgten. Jedoch zum Großteil nur aus den Reihen westlicher Ausländer. Es hat den Anschein, dass viele Koreaner den emotionalen Schritt des Mitgefühls für die Opfer des Holocausts nicht schaffen, obwohl das Land selbst unter der Besatzung Japans schwer zu leiden hatte. Für viele ist der Nationalsozialismus und der Holocaust ein Produkt des Westens, etwas das sich für Koreaner als sehr weit entfernt anfühlt und scheinbar mit ihnen wenig zu tun hat. Sie erachten es als ein rein europäisches Tabu-Thema, dass unter dem kulturellen Ballast nur wenig Raum für freie Interpretationsmöglichkeiten bietet.

Es dauerte einige Jahre und benötigte den Druck internationaler Organisationen, bis auch die koreanische Regierung den Druck auf die damaligen Eigentümer erhöhte, die Bar endgültig zu schließen. Und das, obwohl kein Gesetz in Südkorea die zur Schau Stellung von Nazi-Devotionalien explizit verbietet. Erst der Protest der israelischen und deutschen Botschaft erwirkte eine Umbenennung vom ursprünglichen Namen „Third Reich“ in „Fifth Reich“ und im Zuge dessen gelobte der neue Eigentümer Kim Kwang Tae Besserung, und die Nazi-Symbole zu entfernen. Den großen Versprechungen folgten kaum Taten: Die großen Reichsflaggen wurden abgehängt und das „Third Reich“ ging ins „Fifth Reich“ über. Alles andere wurde weitestgehend beibelassen. Das große Hitler-Portrait ließ er am angestammten Platz, da er laut eigener Aussage über kein Alternativbild verfügte. Und das Simon Wiesenthal Center? Das fühlte sich genauso wie die deutsche und israelische Botschaft übergangen, forderten sie doch eine gänzliche Schließung oder Denazifizierung des Lokals. Heute, 16 Jahre später erinnert nichts mehr an das „Fifth Reich“ von damals. Schon vor einigen Jahren ist das Lokal verkauft worden und unter einem neuen Eigentümer wurde wenig später ein neues Restaurant eröffnet – mit neuem Konzept gänzlich ohne nationalsozialistischen Nachgeschmack.

Ein guter Ruf ist Gold wert! – Ein Sprichwort ohne weiterer Daseinsberechtigung. Ähnliches dachte sich wohl auch die bis dahin mehr oder weniger unbekannte K-Pop BandPritz“ (프리츠) aus Südkorea, als sich das Management der Mädchenband zu diesem besonders geschmacklosen Kleidungsstil entschied: Die vier gecasteten Mitglieder mit den Namen Hana, Yuna, Ari und Shua – alle zwischen 18 und 24 Jahre alt hatten im Jahr 2014 ihren ersten Hit mit „Go Girls„, als im November des selben Jahres der Skandalauftritt mit den schwarz-roten Armbinden folgte. (Hier ist das Video zu sehen. Der Skandalauftritt startet ab Minute 4:11). Die Mädchenband gab an, sich bei dem Auftritt nichts gedacht zu haben, als sie mit an die NS-Zeit erinnernden Armbinden auftraten. Auch die Talentagentur Pandagram bestritt jeden beabsichtigten historischen Zusammenhang, obgleich bereits der Name „Pritz“ Gegenteiliges vermuten lässt. So steht Pritz nicht nur als mögliche Ableitung zum deutschen Wort Blitz, sondern für „Pretty Rangers In Terrible Zones„, was etwa so viel wie „Hübsche Jäger in schrecklicher Gegend“ heißt. Auch wenn der Auftritt tatsächlich entgegen unserer Vermutung nicht den Bekanntheitsgrad der noch jungen Gruppe fördern sollte, so hat sie eindrucksvoll Gegenteiliges bewirkt. National und international folgte eine Mischung aus Zorn, Spott und Ungläubigkeit als Reaktion auf die veröffentlichten Bilder. Manche sahen in den Armbinden sogar eine klare Referenz zu der ehemaligen faschistischen und antisemitischen Partei der „Pfeilkreuzler„, die zwischen den Jahren 1935 und 1945 in Ungarn bestand. Der Plattenfirma ist es ziemlich egal, ob Kritiker die Symbole mit ungarischen oder deutschen Nazis in Verbindung bringen. Für sie steht fest, dass die Inspiration des Symbols eines Kreuzes auf weißen Grund von einem Straßenschild herbeirührt. Ihrer Definition zufolge weisen die vier Pfeile des Kreuzes in alle vier Richtungen, um die grenzenlos glorreiche Zukunft der vier Mädchen zu symbolisieren. Keine Grenzen kennt zumindest ihr Einfallsreichtum, um auch in Zukunft mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Sei es in der Kostümwahl, oder auch den Stil anderer wie dem, der mittlerweile weltweit bekannten J-Pop/Metal BandBabyMetal“ zu imitieren.

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Die K-Pop BandPritz“ kurz nach dem skandalträchtigen Auftritt im Jahre 2014: Gut zu sehen sind die Armbinden der „glorreichen Zukunft„. Ob Absicht oder nicht, eine Ähnlichkeit zum Symbol der Pfeilkreuzler (Link) ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen.

Der koreanische „Nazi-Style“ hat nicht nur die Pop- und Rock-Kultur für sich entdeckt, sondern sich mittlerweile auch das Massenmedium Fernsehen zunutze gemacht. Eine vor einigen Jahren ausgestrahlte Fernsehwerbung zeigt eine koreanische Frau in Nazi Uniform mit Geräuschen von Artilleriefeuer in Hintergrund, die der Werbung zu Folge genau weiß, wie sich Frau zu pflegen hat. Und wie? – Natürlich mit einer Gesichtscreme, die die Haut pflegt und bleicht um somit der idealen Rasse (Anspielung an den nordischen– oder arischen Rassentypus) zu entsprechen. Besonders hier zeigt sich abermals wie nahe Ignoranz und mögliche Anzeichen von NS-Fanatismus beieinanderliegen können.

“Even Hitler didn’t unite the East and West.“

-Aussage eines koreanischen Werbeclips für Hautcreme aus dem Jahre 2008

Ein weiteres Beispiel für misslungenes „Nazi-Cosplay“ in Südkorea folgte nur ein Jahr später in der Hauptstadt Seoul. Die anwesenden Passanten mögen wohl nicht schlecht gestaunt haben, mitten an einem kalten Jännertag auf eine Gruppe gut gebauter, halbnackter Koreaner zu treffen. Diese Männer im Militäroutfit mit dem Reichsadler auf der Militärmütze waren keine Fanatiker der NS-Ideologie, sondern gerade dabei das Computerspiel „Karma II“ zu promoten. Dabei stellt sich auch hier das Eine um das andere Mal die Frage, wie weit Werbung gehen darf und ob eine ausgestreckte Hand zum Hitlergruß vielleicht schon weit über die Toleranzgrenze hinaus geht.

Wenn auch diese hemmungslose Profitgier in einer rücksichtslosen, nach Aufmerksamkeit strebenden Welt Grund zur Sorge geben sollte, gelten diese Vorfälle in Korea und Japan im Gegensatz zu manch modernem Geschäftsmodell in Südostasien, als traurige Einzelerscheinungen. Dazu zählen unter anderem das indische Geschäft „Hitler Batteries„, das Kosmetikgeschäft „Hitler & Co Basilaromah„, das Bekleidungsgeschäft „Hitler„, „Hitler’s Cafe„, das dem „Kentucky Fried Chicken“ nachgeahmte „H-Ler Chicken Fry“ Restaurant im thilandischen Ubon Ratchathani und bis vor wenigen Jahren das „Soldatenkaffee“ im indonesischen Bandung. (Der jeweilige Standort wurde mit Google-Maps verlinkt)

Trotz mächtigem und aller demokratischen Grundrechten unterdrückendem Militärregime gilt immer noch Thailand als Hochburg der Verbreitung von Nazi-Devotionalien. Dazu sehr gut ins Bild passend verhält es sich mit dem Blogger Henry und seiner Nichte, die er im Urlaub in Thailand treffen wollte. Sie, eine Musikerin hatte sich auf der einen Kopfseite ein Peace-Zeichen rasieren lassen und auf der anderen Seite ein Hakenkreuz! Viele Jugendliche dort kennen die Bedeutung des Hakenkreuzes in der westlichen Welt überhaupt nicht – und die Gründe mögen vielschichtig sein, haben aber in der Regel mit dem westlichen Neo-Nationalsozialistischen Gedankengut kaum etwas zu tun. Dennoch wird dieser Trend mit Sorge betrachtet, erfreuen sich doch Hetzschriften wie „Mein Kampf“ in genau diesen Ländern reißendem Absatz.

Sie kennen zwar den Namen Adolf Hitler und auch seine Verbindung mit der Swastika, empfinden es aber trotzdem als „cool“ oder „rebellisch“ dieses in voller Größe auf dem T-Shirt zu tragen. Natürlich könnte man annehmen, dass hier eine Missinterpretation der Swastika im Buddhismus vorliegt, aber viel näher liegt vermutlich eine Verbindung zum verrückten Hasen Jolly Roger und Darth Vader, dem Bösewicht aus Star Wars. So, oder so, sie sind alle auf ihre ganz bestimmte Weise einfach nur „Bad Ass„.

„Es ist nicht unbedingt so, dass ich Hitler mag, aber er sieht lustig aus und die T-Shirts sind bei Jugendlichen sehr beliebt.“

-Aussage eines thailändischen T-Shirt Verkäufers zu CNN News

Möchte man den Berichten anderer Thailandtouristen Glauben schenken, ist der Trend der Swastika schon längst von einfachen T-Shirts auf nachgebaute Wehrmachtshelme, eigene Moped-Klubs, Hotels und Restaurants übergegangen, die sich der Geschichte des Dritten Reiches mehr oder weniger eingehend widmen. Hitler und das Hakenkreuz auf roten Grund kommen bei den Jugendlichen an und lässt sich gut zu Geld machen. Sie haben aber leider sehr häufig keine Ahnung über die wahre Bedeutung, die hinter der Symbolik steckt! Für sie ist es ein Stück Geschichte – nicht mehr, nicht weniger!

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Mit Adolf Hitler lässt sich bei Thailands Jugend gutes Geld verdienen – und das ganz offiziell und legal!

Ein Trend, der sicher bedenklich ist, aber in keinster Weise mit westlichem Antisemitismus zu vergleichen ist. Sie tragen SS und Hitler T-Shirts, leugnen aber in der Regel den Holocaust nicht – ehestens aus blankem Unwissen, das am Besten mit den Verschwörungstheorien wie der ersten Mondlandung oder dem 11. September 2001 zu vergleichen ist. Das Absetzen von eigenen abstrusen Theorien und Erklärungsversuche zu historischen Ereignissen durch „Laienforscher„, hat nicht nur die westliche Welt ergriffen und hier wie dort schon längst jede Tabugrenze überschritten. Aber denkt man hierzulande an den Umgang mit der Symbolik eines Che Guevara oder Mao Zedong und wie ihr geschichtliches Erbe vermarktet wird, sind die Thais und ihr Unwissen sogar beinahe entschuldbar. Oder welcher Europäer kennt die Bedeutung der „Flagge der aufgehenden Sonne“ – in Japan als Kyokujitsuki (旭日旗) bekannt? Und wer weiß, dass die Verwendung dieser Flagge ähnliche Verstimmungen in den ehemals von Japan besetzten Ländern Korea und China hervorruft? Manchmal sind es doch wir selbst, die sich der Weltgeschichte etwas genauer widmen sollten. Nichtsdestotrotz wird eine Che Guevara Pop-Gruppe oder ein Stalin-Restaurant in Europa auch hoffentlich in Zukunft eine surreale Vorstellung bleiben. Manchmal ist doch noch weniger mehr.

Wie siehst du den neu entfachten Nazi-Trend in Asien? Wie weit darf Werbung und Marketing gehen und ab wann werden eindeutig Tabugrenzen überschritten? Oder sollte es diesbezüglich für ein von braunem kulturellem Ballast unvorbelastetes Asien keine klaren Regeln geben? Schließlich sind auch die ehemaligen Revolutionsführer Che Guevara und Mao Zedong verehrte Kunstikonen in Europa. Die genauen geschichtlichen Hintergründe zu diesen beiden Personen scheinen hier in Europa, wie Adolf Hitler in Asien kaum von Relevanz zu sein. Und das in Anbetracht von geschätzten 45 Millionen Todesopfer, die durch Mord und Folter während der Herrschaft Maos zu Tode kamen. Wie ist deine Meinung dazu? Bin wie immer auf eure zahlreichen Antworten gespannt und verbleibe wieder bis zum nächsten Mal auf Facebook oder hier in den Kommentaren.

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Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: http://asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/05/nazicosplay1.jpg (04.02.2017, 03:01) – Zwei junge koreanische Männer im Nazi-Cosplay Kostüm. Vielen Dank an Andy/Dean, die mir diese Bilder zur Verfügung stellen!

http://scd.observers.france24.com/files/images/manga_Mein_Kampf-couverture_0.jpg (04.02.2017, 03:03) – Titelbild des japanischen Mangas über Hitlers „Mein Kampf“. Vielen Dank an das Team von „The Observers – France 24“.
https://i.guim.co.uk/img/media/ab458f45f470423f3bf8456f2a7ae5bc274cb86a/0_0_1277_766/master/1277.jpg?w=1920&q=55&auto=format&usm=12&fit=max&s=11fad750349590fc968fab3070682cb4 (04.02.2017, 03:04) – Zwei Mädchen der J-Pop Band „Keyakizaka46“ im Nazi-Outfit.
http://www.pusanweb.com/feature/hitlerbar/Apr23-04.jpg, http://www.pusanweb.com/feature/hitlerbar/Apr23-03.jpg (04.02.2017, 03:16) – Ddoif Ditler Techno Bar in Busan von der Außenfassade gesehen (Beide Grafiken im Microsoft Paint zusammengeführt). Der Dank geht an Jeff von Koreabridge, der mir dieses Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat und mich mit wertvollen Informationen versorgt hat.
http://asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/05/nazicosplay5-500×280.jpg (04.02.2017, 03:20) – Junge Frau im Nazi-Cosplay. Vielen Dank an Andy/Dean, die mir diese Bilder zur Verfügung stellen!
http://cfile5.uf.tistory.com/image/260DA4405457A0AB17A550 (04.02.2017, 03:07) – Mitglieder der K-Pop Band „Pritz“ kurz nach derem skandalträchtigen Auftritt im November 2014. Alle Rechte am Bild verbleiben beim „C-Studio“.
https://www.flickr.com/photos/l_amande/6786192564/in/photolist-57ic6m-bkF1C5-Mp16Ah-PLYMy8 (04.02.2017, 03:23) – „Ronald McHitler“ in Thailand.

 

TTIP ist tot

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Sein Wahlsieg war nicht nur ein Unerwarteter, sondern sorgte für eine regelrechte weltweite Schockstarre. Donald Trump: Immobilientycoon, Celebrity und 45. Präsident der Vereinigten Staaten! Seit der Wahl ist nun mehr als ein Monat vergangen, erste Schreckenszenarien sind einer Art Zweckoptimismus gewichen und die Welt versucht sich langsam mit dem neuen Status quo zu arrangieren. Nur die offenen Fragen sind geblieben. Welche Auswirkungen wird ein Donald Trump auf die Weltwirtschaft haben? Wie wird sein Umgang mit Russland, China und Nordkorea sein? Und ganz besonders, wird TTIP unter ihm noch eine Zukunft haben?

Trotz aller Verunsicherung, die mit der Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten einherging, war sich die EU-Kommission schnell einig, dass dieses historische Ereignis zugleich den Verhandlungsstopp für das Freihandelsabkommen TTIP bedeutet. Für die EU-Außenhandelskommissarin Cecilia Malmström herrscht große Unklarheit, was unter einem Präsidenten Donald Trump passieren wird und erwartet daher keine weiteren TTIP-Verhandlungen in absehbarer Zukunft. Laut Diplomaten sagte Cecilia Malmström vor Ministern, dass sie zurzeit nicht wisse, ob nach ein, zwei oder drei Jahren weiterverhandelt wird, oder dies überhaupt irgendwann noch geschehen werde. Frankreich, das bereits vor der US-Wahl einen sofortigen Abbruch der Verhandlungen forderte, sieht sich in der eigenen Einschätzung voll bestätigt und erklärte ihrerseits TTIP für nun endgültig gescheitert.
Frankreichs Außenhandelsstaatssekretär Matthias Fekl, fordert die Verhandlungen nun endgültig zu stoppen. Nach über drei Jahren und 15 Verhandlungsrunden sieht er keine bis nur wenige Vertragseckpunkte auch nur annähernd abgeklärt und bezeichnet den jetzigen Vertragsentwurf als völlig inakzeptabel. Neben Frankreich fordern Österreich und zuletzt auch der deutsche Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einen Verhandlungsstopp. Offiziell unterstützt die deutsche Bundesregierung das Freihandelsabkommen aber weiterhin.

Ähnlich wie die Bundeskanzlerin Merkel, eine der großen Befürworter des transatlantischen Freihandelsabkommens, spricht auch der deutsche Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig von lediglich einer Verhandlungspause. In Angesicht des Macht- und womöglich politischen Richtungswechsels in den USA wird es zwar keine Vertragsunterzeichnung bis zum Ende der Regierungsperiode von Barack Obama mehr geben, aber nach Trumps Regierungsantritt im Jänner möchte er alle verfügbaren Optionen prüfen. Wann und ob eine nächste Verhandlungsrunde angesetzt wird, weiß auch er noch nicht einzuschätzen.

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Und er konnte doch nicht! Unter der Amtszeit von Barack Obama wird es keine TTIP-Vertragsunterzeichnung mehr geben und selbst über die Zukunft des bereits fertig ausverhandelten TPP-Abkommens lässt er Donald Trump frei entscheiden.

Auch Vertreter der Europäischen Union in Brüssel wollen in Hinblick auf die Zukunft von TTIP und anderen Handelsabkommen in denen die USA verstrickt ist, keine voreiligen Schlüsse ziehen und sehen sich mit der Kritik konfrontiert, die Augen vor vollendeten Tatsachen zu verschließen. Kommissionsvizepräsident Jyrki Katainen sieht in der Schaffung neuer Jobs und einem besseren Investitionsklima weiterhin beste Voraussetzung für einen Abschluss der TTIP-Verhandlungen. Obwohl durch den Regierungswechsel in Washington eine Verhandlungspause über mehrere Monate eintreten wird, möchte er auf die bislang fehlende Stellungnahme Donald Trumps verweisen, die klar gegen TTIP sprechen würde.

„Ich persönlich habe keine starken Worte gegen TTIP gehört.“

– EU-Kommissionsvizepräsident Jyrki Kotainen

Bereits im Wahlkampf zeigte sich Donald Trump wiederholt ablehnend gegen die Handelsabkommen TPP und CETA und stellte auch die Option in den Raum, das Handelsabkommen NAFTA von 1994 nochmals neu verhandeln zu wollen. Besonders das von der US-Seite angestrebte TPP-Handelsabkommen mit den Pazifik-Anrainerstaaten stand unter seiner wiederholter Kritik, da er die Vernichtung heimischer Arbeitsplätze infolge einer Auslagerung von einzelnen wirtschaftlich bedeutenden Produktionszweigen in Billiglohnländer befürchtete. Eine Angst, die auch von europäischer Seite mit TTIP geteilt wird, aber bisher von Trump wenig Beachtung geschenkt wurde. Im Gegensatz zu den Großen, mit unabsehbaren Risiken für die eigene Wirtschaft festgeschriebenen Vertragsklauseln, bevorzugt Donald Trump den zukünftigen Fokus maximal auf wesentlich kleinere bilaterale Vereinbarungen mit einzelnen Staaten oder Wirtschaftsnationen zu setzen. Damit ist es wesentlich einfacher auf nationale Belange einzugehen und letztendlich einen soliden und qualitativen Vertrag aufzusetzen.
Ob die großen US-Konzerne um jeden Preis auf ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA nach der Inkraftsetzung von CETA noch angewiesen sind, wird sich erst zeigen müssen. Seit fast jeder namhafte Konzern in den USA auch über eine Niederlassung in Kanada verfügt, kommen sie auch ohne die USA und ohne Gegenleistung in den Genuss aller Vorteile. Da im CETA-Abkommen auf ausdrücklichen Wunsch der EU (!) die Schiedsgerichte nicht herausgenommen wurden, können EU-Staaten von US-Konzernen auch ohne TTIP verklagt werden. Eine Paralleljustiz, die in solchem Umfang leicht zu vermeiden gewesen wäre.

Wenn auch die Republikaner unter Donald Trump eine wesentlich umfassendere Regierungsfreiheit als der scheidende demokratische US-Präsident Barack Obama genießen wird, könnte die Skepsis aus den eigenen Reihen zum Stolperstein des nicht allzu gut vernetzten neuen Präsidenten werden. In den USA ist die Fraktionsdisziplin mitunter nur schwach ausgeprägt und viele Abgeordnete fühlen sich den Wählern mehr verpflichtet als der eigenen Partei. Neben der wiederholten Kritik gegen frühere Präsidentschaftskandidaten aus den eigenen Reihen, sowie seinen verbalen Ausschweifungen gegen Einzelpersonen aus den Kreisen der Republikanischen Partei, halten viele Republikaner äußert wenig von seinem Vorschlag, eine Mauer entlang der Grenze zu Mexiko zu errichten oder aus bereits ausgehandelten Handelsabkommen auszusteigen. Dementsprechend zeichnet der neue Chef des IHS (Institut für höhere Studien) Martin Kocher ein weit weniger düsteres Bild einer USA unter Donald Trump. Er glaube nicht, dass Donald Trump allzu forsch in diese großen Themen einsteigen wird und tatsächlich geltende Handelsabkommen aufkündigt. Überdies profitierte seiner Meinung nach die US-Wirtschaft von Handelsverträgen bisher enorm. An eine Fortsetzung der Verhandlungen zu einem TIPP in der jetzigen Form glaubt aber auch er nicht. Zumindest nicht in absehbarer Zeit.

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Sein Vorschlag eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten, ist innerparteilich sehr umstritten.

Es steht außer Frage, dass durch die Wahl von Donald Trump die Forcierung großer Abkommen stark ins Stocken geraten ist und sich die EU darum vorerst mit wirtschaftlich kleineren Partnern wie Japan, Ecuador und Kanada begnügen muss. So werden über ein Freihandelsabkommen des Andenstaates mit der EU die Einfuhrzölle für das wichtigste Exportgut Bananen von derzeit 124 Euro pro Tonne bis 2020 auf 75 Euro sinken. Obwohl darüber wenig in den Medien berichtet wird, werden zurzeit für CETA alle Weichen gestellt, damit das ebenfalls umstrittene Abkommen zwischen der EU und Kanada im März vorläufig in Kraft treten kann. Auch wenn zuletzt der Sozialausschuss im Europaparlament dazu eine kritische Stellungnahme abgab, erwartet man am zweiten März im Plenum eine klare Mehrheit.

Welche weitreichende Folgen bereits ein Rückzug der USA aus vergleichbar kleineren internationalen Abkommen hat, zeigt sich beim Dienstleistungsabkommen TiSA. Während TTIP bereits lange vor der US-Wahl keine merkbaren Verhandlungsfortschritte mehr verzeichnete und beinahe jeder Annäherungsversuch der beiden Wirtschaftsgroßmächte ins Leere lief, glaubte man bei TiSA noch vor wenigen Wochen kurz vorm finalen Durchbruch zu stehen. Seit 2012 verhandelt die EU mit 22 anderen Staaten wie Japan und den USA um eine Öffnung der Services. Es handelt sich hierbei um die Schaffung eines annähernd barrierefreien Marktes für Notare, Architekten und viele weitere Branchen. Anstatt die Verhandlungen zum Vertrag zu führen, haben die USA „den Stecker gezogen“, berichtet ein ranghoher Beamter in Brüssel. Ohne die USA fehle der wichtige Gegenpol und ein Abschluss ohne Washington wird in Brüssel als nicht zielführend erachtet.

Obwohl Donald Trump noch nicht einmal offiziell angelobt wurde, wirft er bereits erste Schatten voraus. Erst kürzlich wurde beschlossen, dass das bereits ausgehandelte TTP-Abkommen nicht mehr zur Ratifizierung vorgelegt wird und es somit dem zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump obliegt, ob es zum Beschluss kommt, oder nicht. In Hinblick auf seine bisher ablehnende Haltung gegenüber multinationalen Handelsabkommen ist das eher unwahrscheinlich. Auch in Asien gibt es bereits erste Auflösungserscheinungen und so ließ Pablo Kuczynski, der Staatschef des TPP-Unterzeichnerlandes Peru unlängst mit einer neuen Idee aufhorchen: Er fände ein Asien-Pazifik-Abkommen am besten, in dem auch die beiden Großmächte China und Russland vertreten wären. Ein Aufruf zur rechten Zeit? Eine ähnliche Drohung in Richtung Westen gab es erst vor kurzem von China selbst – wenn sich die USA weiterhin in ihre „nationale Interessen“ einmischen sollten. Provokationen, wie das Telefonat zwischen dem designierten US-Präsidenten Donald Trump und Tsai-Ing Wen, Präsidentin der Inselrepublik Taiwan werden vermutlich auch noch in Zukunft für genügend Zündstoff zwischen den beiden Staaten sorgen.

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Seine politische Unerfahrenheit macht ihn für viele unberechenbar und bereitet Politikern weltweit große Sorgen.

Gegner von multinationalen Freihandelsabkommen mögen vielleicht zurzeit allen Grund zum Jubel haben, wissen aber selbst, dass der Unsicherheitsfaktor Donald Trump noch allerhand an Überraschungen mit sich bringen kann. So hielten sich die vehementesten Gegner – Umweltschutzorganisationen und Grüne – bislang auffällig zurück, denn wer von denen möchte schon gerne bei einem US-Präsidenten Donald Trump in öffentlichen Jubel ausbrechen?

Wie es tatsächlich mit TTIP weitergehen wird, entscheidet schätzungsweise die wohl erst Mitte kommenden Jahres festgelegte Handelspolitik von Trump. Bis dahin versuchen die Verhandlungspartner die Zeit bis zum Amtsende Barack Obamas bestmöglich zu nutzen, um möglichst viel vom Vertragstext fertigzubekommen. Beim EU-Handelsrat soll danach der derzeitige Verhandlungsstand dargelegt werden. Über die Haltung von Donald Trump zum Thema Freihandelsabkommen, im Speziellen zu TTIP, gibt es selbst einen Monat nach seinem Wahlsieg kaum etwas Neues zu berichten. Einzig seine ablehnende Haltung gegenüber TPP und NAFTA in Hinblick auf die Undurchsichtigkeit und Komplexität des Vertragstextes, ist bislang bekannt. Trotzdem ist eines ganz gewiss: Wenn TrumpAmerika wieder groß machen möchte“, wird er weiterhin Maschinen und Produkte aus Europa brauchen. Die Wirtschaft der USA wird auch in Zukunft auf ein Wohlwollen der EU angewiesen sein. Welche Zukunft TTIP und andere Freihandelsabkommen tatsächlich noch haben, zeigt sich wohl frühestens im Jänner.

Das war der dritte Teil des großen TTIP-Spezials! Wie ist deine Meinung zur Zukunft von TTIP? Plant der Hardliner Donald Trump TTIP und TPP endgültig zu Grabe tragen oder wird er gemeinsam mit der Europäischen Union womöglich ein neues Abkommen forcieren? Welche positiven oder negativen Auswirkungen wird der zukünftige US-Präsident auf unser Leben in Europa haben? Schreibt mir eure Meinung in den Kommentaren!   
Die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten und das damit verbundene womögliche Aus von TTIP ist unserer Beitragsserie unverhofft dazwischengekommen. Momentan ist kein weiterer Beitrag zu TTIP geplant, sollte das geplante Handelsabkommen aber nochmals neuen Schwung bekommen, werden wir davon hier exklusiv für dich berichten. Bis dahin verbleiben wir auf Facebook oder hier in den Kommentaren!

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TTIP – Wo liegt das Problem?
TTIP: Das Ende unserer Landwirtschaft

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Quellenangaben:
Titelbild: https://pixabay.com/static/uploads/photo/2016/04/22/13/02/ttip-1345714_960_720.jpghttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/9b/Republicanlogo.svg/600px-Republicanlogo.svg.png (17.12.2016, 23:03) – Logo Ortstafel TTIP Vs. Demokratie (Abänderung auf „Trump mit Elefant der Republikaner Vs. TTIP“ und Farbänderung mit Photoshop)


https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/48/2016-04-23_Anti-TTIP-Demonstration_in_Hannover%2C_%2810028%29.jpg/800px-2016-04-23_Anti-TTIP-Demonstration_in_Hannover%2C_%2810028%29.jpg (17.12.2016, 23:10) – Mann hält Schild mit „Yes We Can – Stop TTIP“. Bild wurde von Bernd Schwabe aufgenommen.
https://www.flickr.com/photos/16216900@N00/174045778 (17.12.2016, 23:15) – Mauer zwischen Mexiko und den USA. Bild wurde von EdmontMeinfelder aufgenommen.
https://www.flickr.com/photos/gageskidmore/8566717881 (17.12.2016, 23:18) – Donald Trump während der „Concervative Political Action Conference 2013“. Rechte obliegen Gage Skidmore.