Gefangener der Zeugen Jehovas: Interview mit einem Aussteiger

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Nimrod, der unter seinem bürgerlichen Namen nicht genannt werden möchte verbrachte seine gesamte Jugend gemeinsam mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern in der christlichen Sekte der Zeugen Jehovas, bis er im Erwachsenenalter den Entschluss zum Ausstieg und der Abkehr zur Religionsgemeinschaft fasste. Bis dahin bestimmte die Sekte bereits seit über 20 Jahren sein Leben – eine Zeit, die bis heute an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Uns gab er die Möglichkeit für einen Einblick in seinen damaligen Alltag, um zu verstehen was es für ihn bedeutete als Jugendlicher im Kreise der Zeugen Jehovas aufzuwachsen.

Heute spreche ich mit einem der interessantesten Interviewpartner seit Langem: Dem 45 Jahre alten Nimrod aus Schleswig Holstein. Seine Eltern konvertierten in den 60er Jahren zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, der seine zwei älteren Schwestern, deren Familien und seine eigenen Eltern bis heute angehören. Er selbst fasste den Entschluss zum Austritt im Jahre 1993.


Mothersdirt: Wenn du an deine Kindheit bei den Zeugen Jehovas zurückblickst, welche Erinnerung hat dich bis heute am stärksten geprägt?

Ich glaube, es gibt da nicht DIE Erinnerung, die mich am stärksten geprägt hat. Natürlich erinnere ich mich daran, als kleines Kind, abends in den Zusammenkünften im Königreichssaal müde und unruhig auf dem Stuhl hin und her gerutscht zu sein, bis mich mein Vater an den Haaren in einen Nebenraum geschliffen hat. Dort wurden die Kinder sozusagen zur Ruhe gezüchtigt.
Ich erinnere mich auch an Geburtstage oder Weihnachtsfeiern in den ersten Schuljahren, an denen man als Zeuge Jehovas nicht teilnehmen durfte. Man gewöhnte sich früh daran „anders“ zu sein.

Als Einschlaflektüre lasen mir meine Eltern vor dem Zubettgehen biblische Geschichten vor. Am interessantesten waren da natürlich die alttestamentarischen Horrorgeschichten von einem brutalen Gott, der seine Widersacher ohne Gnade vernichtete. Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand. So wurde ich von frühester Kindheit geschult.

Ich glaube, es ist das Gesamtpaket der Erinnerungen und Erlebnisse in frühester Kindheit, die mich geprägt haben.
Was aber als starke Erinnerung immer wieder zurückkommt, ist die Anspannung und Angst vor dem Vater, der damals als einer der Ältesten in der Versammlung eingesetzt war und einen Gummiriemen als Rute der Zucht missbrauchte. Angst vor Dämonen, Angst vor Vernichtung, Angst vor Sünde, Angst vor Bestrafung. Ich denke das Leben in ständiger Angst und Unsicherheit als Kind haben mein späteres Leben sehr geprägt. Ich wurde sozusagen auch nach dem Bruch mit den Zeugen von meinem Gewissen gejagt.

„Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand.“

-Nimrod


Mothersdirt: Der körperliche und geistige Missbrauch besonders bei sehr jungen Menschen bleibt meist der Öffentlichkeit nicht gänzlich verborgen. Wie war dein Verhältnis zu Gleichaltrigen außerhalb der Zeugen Jehovas und war dir der Umgang mit nicht Gläubigen überhaupt gestattet?

Aus meiner Erfahrung macht sich die breite Öffentlichkeit nicht viele Gedanken über die Zeugen Jehovas. Natürlich gibt es bei den Meisten irgendeine Vorstellung oder Vorurteile, die in der Regel nicht viel mit der Realität zu tun haben. Es wird schnell verurteilt, ohne nach Tatsachen zu forschen oder sich Gedanken über die einzelnen Schicksale der Menschen innerhalb dieser Organisation zu machen. So wurde mir in der Schule weiß gemacht, Zeugen Jehovas hätten keinen Fernseher und auch keine Türen im Haus. Doch… das haben sie!
Das liegt wohl in der Natur des Menschen, dem Unbekannten noch etwas Geheimnisumwobenes zuzudichten.

Was mein Verhältnis zu Gleichaltrigen betrifft, so kam ich in der Schulzeit ganz gut mit ihnen klar.
Der Umgang mit Menschen außerhalb der Organisation wird trotzdem, wenn möglich auf ein Nötigstes beschränkt. Schule, Arbeit… das war`s in der Regel. Vereinsmitgliedschaften und private Aktivitäten mit „Weltmenschen“ sind nicht gerne gesehen, Besuche von Diskotheken waren zu meiner Zeit Tabu und „weltliche Musik“ wurde oft dämonisiert. Auch hatten weder meine Schwestern noch ich je ein Poster aus der BRAVO an der Wand, da dies nach Ansicht der Zeugen, hauptsächlich aber meines Vaters, Personenkult darstellen würde und man keine Ideale außer Gott oder Jesus haben sollte.


Mothersdirt: Du beschreibst deinen Vater als aggressive und beherrschende Person in der Familie. Wurden die Verbote allein von deinem Vater, oder auch von deiner Mutter ausgesprochen? Wie würdest du das Verhältnis zwischen euch Kinder und den beiden Elternteilen beschreiben?

Ich denke, man muss zwischen den Regeln, die der Vater als Person durchsetzte und den Regeln, die von der Organisation der Zeugen Jehovas aufgestellt wurden, differenzieren. Die religiösen Regeln galten für alle und wurden sowohl vom Vater als auch von der Mutter durchgesetzt. Die Strenge des Vaters fehlte allerdings bei unserer Mutter.

Das Verhältnis zwischen uns drei Geschwistern war etwas schwierig, da meine Schwestern sieben und neun Jahre älter sind als ich. Meine älteste Schwester verließ mit 17 das Haus. Da war ich acht Jahre alt. Meine andere Schwester ging zwei Jahre später auch im Alter von 17. Beide heirateten sehr früh. Es fehlte irgendwie immer die Herzlichkeit oder der Zusammenhalt, den man innerhalb einer Familie und zwischen Geschwistern vielleicht erwartet. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf.
Auch zwischen unseren Eltern war soweit ich mich erinnern kann nie ein herzliches Verhältnis. Mein Vater war ein Tyrann und so behandelte er nicht nur uns Kinder sondern auch seine Frau.

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Schnappschuss einer vermeintlich sorglosen Kindheit.


Mothersdirt: Würdest du die Spannungen innerhalb der Familie auf den Einfluss der Lehren der Zeugen Jehovas zurückführen? Oder ist es davon klar trennbar?

Die Spannungen, die innerhalb unserer Familie auftraten waren zum großen Teil dem Leben innerhalb dieser Organisation geschuldet. Natürlich trug die individuelle Art unseres Vaters gewisse Dinge umzusetzen ihren Teil dazu bei. Insofern sind die Spannungen nicht klar trennbar. Aber im Großen und Ganzen ist unsere Familie dem dogmatischen Irrglauben der Zeugen zum Opfer gefallen. Eine zerstörte Familie und zerstörte Persönlichkeiten im zweifelhaften Auftrag des Herrn.


Mothersdirt: Wenn du heute vom Irrglauben der Zeugen sprichst, wie waren deine Gedanken zur Lehre als Kind und Jugendlicher? Warst du überzeugter Anhänger, oder gab es auch größere Zweifel an der Richtigkeit der Auslegung?

Als Kind und selbst noch als Jugendlicher habe ich nie die Lehre der Zeugen in Frage gestellt. Wenn ich etwas in Frage gestellt habe, dann eher meine eigene Kraft, diesen Glauben auszuüben. Ich fühlte mich oft zu schwach, sündhaft, unwürdig.
Ich war definitiv überzeugter Anhänger und für mich war diese Lehre keine Auslegung, sondern DIE Wahrheit und als solche bezeichnen die Zeugen ihren Glauben nach wie vor. „DIE WAHRHEIT“, neben Theokratie, Weltmenschen, Überrest, usw. etwas, was zum Sondervokabular der Zeugen Jehovas gehört.


Mothersdirt: Wenn du für dich die Lehre der Zeugen als „DIE WAHRHEIT“ angenommen hast und es für dich daran keinen Zweifel gab, wie und wann kam dir der Gedanke trotzdem auszusteigen?

Es war kein plötzlicher Gedanke, es war eher ein Prozess, der schleichend begann. Es fing auch nicht damit an, dass ich die Lehren in Frage stellte, sondern dass ich mich selbst immer weniger in der Lage sah, diese Lehren befolgen zu können. Am Anfang plagte mich mein Gewissen, dann wurde es für mich mehr und mehr ein praktiziertes Doppelleben. Irgendwann endete es dann im Chaos. Ich ging nicht mehr von Haus zu Haus und immer weniger in die Zusammenkünfte. Je mehr ich mich geistig entfernte, desto mehr wuchs gleichzeitig der Druck von Familie und Organisation. In einer Nacht- und Nebelaktion packte ich meine Sachen und verschwand einfach aus der vertrauten Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt fehlte mir der Mut und die Kraft meine Entscheidung bei den Zeugen und meiner Familie öffentlich zu offenbaren. Ich verschwand sozusagen spurlos, hatte lediglich die nötigsten Dinge und Papiere im Gepäck. Anfangs kam ich bei den wenigen Bekannten unter, die ich außerhalb der Organisation hatte. Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.
Das, was ich hier in kurzer Form beschreibe, war ein langer Prozess, der irgendwann im Teenageralter begann und sein Finale in meinem 23. Lebensjahr hatte. Selbst die ersten Jahre nach den Zeugen konnte ich an der Lehre an sich nichts Falsches erkennen. Ich verteufelte lediglich die Menschen, die diese praktizierten. Erst mit sehr viel Abstand begann sich mein Geist neu zu orientieren und gleichzeitig meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

„Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.“

-Nimrod


Mothersdirt: Hier und da hört man von ähnlichen Fällen wie deiner Geschichte und dem Druck, die willige Aussteiger erfahren. In welcher Form und Weise wurde auf dich vor deinem fluchtartigen Verschwinden Druck vonseiten der Familie und Organisation ausgeübt? Welche zu erwartende Konsequenzen hatten dich damals zur Flucht verleitet?

Wie schon beschrieben ist es zum großen Teil ein passiver Druck, dem man alleine schon durch sein von Kindheitstagen geschultes Gewissen ausgesetzt ist. Ein Druck, der sich bei jedem Fehltritt in Form von reuigen Gedanken meldet. Das Ergebnis einer über die Jahrzehnte perfektionierten Gehirnwäsche.
Eine andere Art von Druck ist natürlich auch die Beobachtung von Glaubensbrüdern und Schwestern, die jedes Schaf, das ihrer Meinung nach vom rechten Pfad abkommt bei der Ältestenschaft melden.
Es wird beobachtet, ob man regelmäßig die Zusammenkünfte besucht, sich aktiv daran beteiligt und gut vorbereitet hat, ob man seiner Pflicht der Verkündigung nachkommt und wie eng der Kontakt zu Menschen außerhalb der Organisation ist.

Für Kinder, die in diese Organisation geboren wurden, kommt natürlich noch die Erwartungshaltung der Eltern dazu, sich niemals vom „wahren Glauben“ abzuwenden.
Es ist also der Druck des eigenen Gewissens, der Respekt vor den Ältesten und die Angst zu enttäuschen – abgesehen von der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die dich auf der anderen Seite erwarten. Insgesamt für viele Zeugen eine zu große Last, um sich endgültig von der Gemeinschaft trennen zu können.

„Die Flucht“ war sozusagen mein persönlicher Weg hinaus, um zumindest den eingehenden Gesprächen mit Ältesten und Eltern aus dem Weg zu gehen. So gab es für mich keine Argumente, die mich zurückhalten konnten, keine Vorwürfe und Angstmacherei, keinen zornigen Vater dem ich entgegentreten musste und keine weinende Mutter, die ich beruhigen musste. Immerhin haben meine Eltern zu diesem Zeitpunkt aus ihrer Sicht ihr Kind verloren.
Vielleicht wird dieser Weg von Außenstehenden als feige betrachtet, aber über 2 Jahrzehnte fremdgesteuertes Leben machen dich unsicher und labil.
Ich musste erst einmal selbst einen klaren Gedanken fassen, sehen wo ich stehe, Kraft tanken, die Füße auf die Erde bekommen.

Ich habe schon früh mitbekommen, welche katastrophalen Auswirkungen ein Gemeinschaftsentzug innerhalb einer Familie der Zeugen Jehovas haben kann.
Meine älteste Schwester brachte im Alter von ca. 17 Jahren einen Mann mit nach Hause. Er war kein Zeuge und fast 20 Jahre älter als sie. Ihr wurde aufgrund von vorehelichem Geschlechtsverkehr die Gemeinschaft entzogen und sie flog von zu Hause raus. Meine Eltern durften keinen Kontakt mehr zu ihr haben.
Mein Vater drehte durch und war nicht mehr ansprechbar, meine Mutter weinte sich durch die Nächte und ich versuchte irgendwie die Stellung zu halten und meinen Eltern nicht zusätzlichen Kummer zu bereiten.

Ich möchte hier noch einmal schildern, welche Auswirkungen für einen Zeugen der Gemeinschaftsentzug eines Glaubensbruders hat. Der Betreffende darf weder gegrüßt noch darf mit ihm gesprochen werden. Jeglicher Kontakt ist untersagt. Dieser Mensch ist der Vernichtung geweiht. Die einzige Möglichkeit für ihn ist Reue. Auch bei nahen Verwandten werden hier keine Ausnahmen gemacht.

Ich muss dazu sagen, dass meine Schwester irgendwann ihren „Fehltritt“ bereute und sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Ihr Mann nahm kurze Zeit später ebenfalls diesen Glauben an und sie sind bis heute verheiratet und haben mittlerweile fünf gemeinsame Kinder, die auch alle in diesem Glauben erzogen wurden, bzw. werden.


Mothersdirt: Im Hinblick auf drohende Konsequenzen hast du die Flucht nach vorne angetreten und deine gewohnte Umgebung verlassen. Wie lange warst du danach nicht auffindbar und wie wurde nach dir gesucht?

Ich war ca. drei Monate in der Versenkung verschwunden. Meine Eltern haben natürlich zunächst versucht, mich über Bekannte zu erreichen oder haben Orte aufgesucht, an denen sie mich vermuteten. Später wurde sogar die Polizei informiert.
Ich habe das alles von einem damaligen Weggefährten erfahren, dessen Eltern ebenfalls bei den Zeugen waren. Als ich davon erfuhr, meldete ich mich zunächst telefonisch bei meiner Familie.

Ich muss dazu sagen, dass ich vor meiner sogenannten Flucht ins Leben, Briefe sowohl für die Familie als auch für die Ältestenschaft der Zeugen abschickte.
Ich habe also darüber informiert, dass es nicht mein Ziel war mir mein Leben zu nehmen, sondern mein Leben zu finden.


Mothersdirt: Normalerweise zählt das Verschwinden des eigenen Kindes zum Schlimmsten, dass sich Eltern vorstellen können und eine Anzeige bei der Polizei erscheint dahingehend für die meisten als logischer Schritt. Welchem Umstand ist es schlussendlich zu verdanken gewesen, dass du wieder nach Hause zurückgekehrt bist und wie reagierte deine Familie und die Ältestenschaft darauf?

Zum einen war ich zu diesem Zeitpunkt fast 23 Jahre alt und wohnte nichtmehr bei meinen Eltern. Wie die meisten Zeugen Jehovas habe ich früh geheiratet. Da eine Beziehung zu einem Menschen des anderen Geschlechts in dieser Organisation ohne Heirat nicht wirklich möglich war/ist entscheiden sich viele junge Zeugen früh für diesen Schritt. Ich war gerade 19 Jahre alt.

Zum anderen hatte ich wie schon gesagt Briefe geschrieben, die meinen „Ausbruch“ erklären sollten. Einen Brief an die Ältesten der Versammlung, in dem ich meinen Austritt erklärte und auch meine Beweggründe offenbarte und einen Brief für meine Familie, mit der Bitte nicht nach mir zu suchen.
Ein Zurück in mein altes Leben gab es von diesem Zeitpunkt nicht mehr und ich habe diesen Schritt auch nie bereut.


Mothersdirt: Wie entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren deine Beziehung zu deinen Eltern? Gab es auch nach dem Brief an die Ältestenschaft noch irgendwelche Versuche dich in die Organisation zurückzuholen?

Das persönliche Verhältnis zu meinen Eltern und der Familie im Allgemeinen war von diesem Zeitpunkt an gebrochen. Lediglich zu meiner Mutter hatte ich in unregelmäßigen Abständen noch Kontakt. Da Zeugen Jehovas jedoch keinen Umgang mit Ausgeschlossenen pflegen dürfen, wurde dieser auch immer weniger.
Anfangs versuchte meine Mutter mich immer wieder  durch Gespräche zur „Umkehr“ zu bewegen. Sie gab mir auch immer mal wieder Zeitschriften oder Bücher der Zeugen mit.

Mit 25 Jahren änderte ich meinen Nachnamen, um zum einen mit der Vergangenheit abzuschließen und zum anderen nicht mehr ohne weiteres auffindbar zu sein. Ein weiterer Grund war der Spruch meines Vaters, „er hätte keinen Sohn mehr“.

Es gab von Seiten der Ältestenschaft später zwei Versuche mich zurück in die Organisation zu holen. Sie klingelten irgendwann unerwartet an der Haustür und baten um ein Gespräch. Ich konnte ihnen aber relativ schnell meinen mittlerweile gefestigten Standpunkt klar machen.


Mothersdirt: Seit deinem erfolgreichen Ausstieg sind mittlerweile viele Jahre vergangen und du konntest den geistigen wie auch körperlichen Missbrauch scheinbar gut verarbeiten. Gibt es trotzdem Spuren der seelischen Verletzung, die bis heute in deinem täglichen Leben nachwirken? Wenn ja, welche?

Natürlich haben die Jahre Spuren hinterlassen.
Jeder ist irgendwie das, was aus ihm gemacht wurde. Jeder ist als Kind sowohl von den Eltern als auch von den Umständen, in denen er aufgewachsen ist, geprägt worden. Dazu kommen die jeweilige genetische Veranlagung und natürlich ein wenig das, was man selbst aus seinem Leben macht.
Aus dieser Mischung wird dann wohl das, was man schlechthin als Persönlichkeit bezeichnet.

Auch meine Persönlichkeit wurde geprägt. Ich habe Eigenschaften geerbt, vieles in mir wurde kaputt gemacht, ich wurde in Ansichten hineingezwungen…
Ich weiß nicht, wer ich geworden wäre, wenn ich bei anderen Eltern, in einem anderen Land und unter anderen Umständen groß geworden wäre.

Ich habe nach der Zeit bei den Zeugen keine Freundschaften pflegen können, ich fühle mich bis heute in Gruppen nicht wohl und lasse Menschen meist nicht sehr nahe an mich heran, ich bin in vielen Dingen sehr emotionslos geworden, ich kann weder Trauer noch Freude richtig fühlen. Eines der Gefühle, die ausgeprägt sind, ist Wut. Ich habe lange in meiner eigenen Welt gelebt und noch immer Probleme, diese Welt mit anderen Menschen zu teilen. Ich habe viele Jahre unter Depressionen gelitten, ohne für mich einordnen zu können, dass es welche sind. Fehlende Lebensfreude, mangelnde Motivation und ständige Müdigkeit gehörten lange zu meinem Alltag. Nach zwei gescheiterten Ehen und drei Kindern zu denen kaum, bis gar kein Kontakt besteht, habe ich vor ein paar Jahren den Entschluss gefasst mich zu befreien und für mich zu kämpfen.
Ich habe eine Partnerin, die mir gut tut, ich arbeite an mir, unserem gemeinsamen Kind ein besserer Vater zu sein und ich habe mich vor ca. einem Jahr in psychosomatische Behandlung begeben. Zusätzlich habe ich nach über 20 Jahren im letzten Jahr Kontakt zu einigen Menschen meiner Familie aufgenommen und versucht etwas Vergangenheit aufzuarbeiten.

Es geht bergauf.

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Der Ausstieg aus der Sekte markierte den Anfang vom Ende. 20 Jahre später kämpft Nimrod noch immer, um die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit aufzuarbeiten und diese Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können.


Mothersdirt: Obwohl du bereits im noch jungen Alter einen der ersten realistischen Möglichkeiten zum Ausstieg nutzte, war zu diesem Zeitpunkt deine Jugend bereits zerstört und die weitere Zukunft vorgeprägt. Welchen Rat würdest du aus heutiger Sicht einem jungen Erwachsenen mitgeben, der trotz möglicher Konsequenzen selbst ernsthaft mit dem Gedanken spielt aus der Gemeinschaft auszutreten?

Da ich weiß, wie schwer es ist den Schritt aus dieser Organisation zu gehen, insbesondere bei Menschen, die in diese hineingeboren wurden, ist es nicht leicht einen Rat zu geben, der pauschal eine Lösung bietet.
Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.
Letztendlich sollte aber jeder auf sein Herz hören, und wenn das Gefühl dir sagt, dass der Weg der Zeugen Jehovas nicht deiner ist, dann sollte man auch bereit sein, für sein Leben zu kämpfen.

Es gibt viele Hilfestellungen, die man in solch einem Fall auch in Anspruch nehmen sollte.
Einfache Dinge wie Sportvereine, Hobbys, Internetforen oder vielleicht alte Schulfreunde können behilflich sein, erste Kontakte nach außen zu knüpfen. Wichtig ist, nicht das Gefühl zu haben nach der Zeit als Zeuge alleine zu sein. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit eine Therapie in Anspruch zu nehmen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Gespräche und Erfahrungsaustausch mit anderen ausgeschlossenen Zeugen könnten ebenfalls eine Hilfe sein, sich über seine eigenen Beweggründe im Klaren zu werden.

„Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.“

-Nimrod

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie schwer man sich tun kann, sein vertrautes Leben hinter sich zu lassen. Aber wie heißt es in einem alten Seefahrerspruch: „Man kann keine neuen Ufer entdecken, hat man nicht den Mut die Küste aus den Augen zu verlieren.“
Und jeder der diesen Mut hat, wird irgendwann feststellen, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und dass dieses Leben so viel mehr zu bieten hat als wöchentliche Versammlungen, dem Studium von Publikationen, die von alten religiösen Heuchlern herausgegeben werden und dem ständigen Druck, irgendwelchen Regeln nicht gerecht werden zu können.
Kämpfe um dein Leben, kämpfe für dich selbst. Es lohnt sich.

…..und in 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen. Erfasse den Wind mit deinen Segeln. Erforsche…Träume.


Mothersdirt: Nimrod, herzlichen Dank für das interessante Gespräch und all die detaillierten Eindrücke aus deiner Kindheit bei den Zeugen Jehovas.

Für all jene, die selbst an einen Ausstieg denken oder sich mit diesem Thema noch etwas genauer beschäftigen möchten, gibt es am Ende des Beitrages noch einige Links zu Erzählungen von Ehemaligen, Adressen von Beratungsstellen sowie allgemeine Informationen und Hilfestellungen zum Ausstieg bei den Zeugen Jehovas.


Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Alle Rechte zum Umfang und Inhalt des Artikels, sowie den Abbildungen bleiben bei den Verfassern – im Besonderen bei der Person hinter dem Pseudonym Nimrod. Das Titelbild ist hiervon ausdrücklich ausgenommen.

Titelbild: https://pixabay.com/de/depression-deprimiert-forlorn-1252577/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JW_ORG_logo.jpghttps://encrypted-tbn3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRVk74KnrOFxzjOuddWAP1y4f5V9f5sYbSfLgLUrv7za8xDE7hehttps://pixabay.com/de/dunkel-fenster-leuchten-licht-1309884/ (14.02.2017, 13:59) – Mann sitzt auf einem Sessel im dunklen Raum. Daneben blutendes JW.ORG-Logo (Bild wurde mit Photoshop erstellt).

 

Nimrod_Jugend.jpg (15.02.2017, 00:09) – Schnappschuss aus der Jugend von Nimrod. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.
Nimrod_aktuell.jpg (15.02.2017, 00:11) – Aktuelles Foto von Nimrod mit Kapuze und einer Zigarette rauchend. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.
 
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Die unendliche Katastrophe von Bhopal

Wir schreiben die Nacht zum 3. Dezember 1984: In der Chemiefabrik der Union Carbide im indischen Bhopal kommt es aufgrund technischer Mängel infolge massiver Kosteneinsparungen zur größten Chemiekatastrophe aller Zeiten. Binnen zwei Stunden breitete sich über die Millionenstadt eine Decke aus Giftgas aus, die innerhalb der ersten 48 Stunden Tausende Todesopfer fordert. Der Chemiekonzern hat sich anschließend aus der Verantwortung zurückgezogen und hinterließ Krankheit und Elend in der Bevölkerung.
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Bhopal, die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Madhya Pradesh war ein idealer Produktionsstandort für das indische Tochterunternehmen der amerikanischen Pestizidfabrik Union Carbide: Umweltstandards waren kaum vorhanden, Arbeiter als Tagelöhner gab es genug in den benachbarten Slums und staatliche Sicherheitsstandards galten im internationalen Vergleich als besonders niedrig. P. M. Butsch, einstiger Stadtplaner von Bhopal legte fest, dass giftige Industrien weit nordöstlich der Stadt zu platzieren seien, um Bewohner im Stadtzentrum im Falle eines Unfalls zu schützen. Das zuständige Management hatte enge verwandtschaftliche und freundschaftliche Kontakte zur Regierung und überging aus wirtschaftlichem Interesse seinen Ratschlag. P. M. Butsch wurde daraufhin strafversetzt und die Union Carbide durfte in der Stadt bauen. 1969 wurde die Produktion auf einem rund 35 Hektar großen Gelände, nur unweit der Bahnstrecke und den angrenzenden Slums errichtet.

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Ab 1977 hatte der Konzern nur etwa 2.500 Tonnen des Schädlingsbekämpfungsmittels Sevin produziert, obwohl die Anlage für eine Produktion von bis zu 5.000 Tonnen ausgelegt war. Da die Nachfrage in Indien Anfang der 80er Jahre stark rückläufig war, versuchte man über Kostensenkungen die Anlage weiterhin rentabel zu betreiben. Längere Wartungsintervalle, die Verwendung billiger Ersatzteile (Stahl statt Aluminium), Einsparung im Personalbereich, indem sukzessive Fachleute durch Hilfsarbeiter ersetzt wurden und zuletzt die Entsorgung der giftigen Chemikalien in Mulden der unmittelbaren Umgebung sorgten dazu, dass das Grundwasser stark mit krebserregenden Giftstoffen angereichert wurde und es zu mehreren gravierenden Zwischenfällen mit Verletzten und sogar Toten kam. Sogar eine Schließung der Fabrik wurde in Erwägung gezogen.

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1984 geschah das Undenkbare: Kurz nach Mitternacht des 3. Dezember entdeckte ein Kontrolleur ein Gasleck in einer der Anlagen und meldete dies der Leitstelle. Das Leck, das sich im Bereich mit den gefährlichsten Chemikalien der Anlage befand, wurde umgehend untersucht. Neben Phosgen, das im 1. Weltkrieg als chemische Waffe zum Einsatz kam, lagerte dort in riesigen unterirdischen Tanks der Pestizidbestandteil MIC. Aus einen der Rohre trat Gas aus, aber kleine Lecks und Störungen in der 15 Jahre alten Anlage gehörten mittlerweile zum Alltag. Da auch die Messinstrumente keine besorgniserregenden Druckänderungen in den Tanks anzeigten, kehrte man wieder unverrichteter Arbeit zurück zum Kontrollraum. Innerhalb weniger Minuten erfolgte ein zweiter Anruf. Die Überprüfung der Messinstrumente zeigte, dass der Druck in einem der MIC-Tanks innerhalb kurzer Zeit ins unermessliche gestiegen war. Um 20 Minuten nach Mitternacht eilten Arbeiter in den Lagerbereich, um den Grund für den plötzlichen Druckanstieg zu eruieren. Doch da war es bereits zu spät: Durch eine chemische Reaktion des MICs mit in den Tank eingedrungenem Wasser, ging das Flüssiggas in den gasförmigen Aggregatzustand über, erhitze sich und dehnte sich schlagartig aus. Der dicke Betonmantel um den Tank begann stark zu vibrieren und bekam Risse, bis das Sicherheitsventil dem Druck nachgab und das Gas unkontrolliert in das Röhrensystem der Anlage strömte.

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Zehn Minuten später läutete man die ersten Notfallmaßnahmen ein: Ein Gaswäscher sollte das austretende Gas neutralisieren. Aber infolge massiver Kosteneinsparungen war dieser seit einiger Zeit ausgeschalten und somit funktionsunfähig. Da MIC leicht entzündlich ist, sollte das Gas an einem weiteren Sicherheitssystem, einer Gasfackel vorbeiströmen. Da nur wenige Tage vor dem Unglück infolge von notwendig gewordenen Reparaturarbeiten ein rostiges Rohr ausgebaut wurde und seither nicht ersetzt worden war, strömte das Gas auch daran ungehindert vorbei und entwich in den Nachthimmel Bhopals. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit, um die Bevölkerung Bhopals vor dem Gifttod zu bewahren: Mit Wasser das austretende Gas binden, bevor es die angrenzenden Wohnviertel der Metropole erreicht. Doch auch das allerletzte Sicherheitssystem konnte das Unglück nicht mehr abwenden. Da der Wasserstrahl der Sprinkleranlagen um den Auslass zu schwach war und somit das ausströmende Gas am oberen Schlotende nicht erreichte, traten 25-40 Tonnen MIC unter hohem Druck ungehindert in die Atmosphäre und legten sich wegen der höheren Masse als Luft wie ein todbringendes Tuch über die schlafende Stadt.

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Direkt neben der Fabrik der Union Carbide lagen bereits die ersten Wohnhäuser der 500.000 Einwohner zählenden Stadt, die infolge eines Südwestwindes als Erstes vom tödlichen Nebel erfasst wurden. Hustend und nach Luft ringend erwachten die Bewohner. Panik machte sich breit. Groß und Klein, Jung und Alt strömten in alle Richtungen der Stadt, um das nächstgelegene Krankenhaus zu erreichen. Die Menschen erbrachen, husteten oder kollabierten und viele starben noch auf der Straße. Hinzu kam, dass es durch die Einsparungen der vergangenen Jahre keinen Katastrophenschutzplan gab und somit viele Menschen in ihrer Unwissenheit direkt in die hochverdichtete weiße Gaswolke liefen. Die Ärzte in den anliegenden Krankenhäusern waren mit der Situation und dem plötzlichen Ansturm von derart vielen Patienten völlig überfordert. Dazu fehlten genauere Informationen, um welche Art von Gas es sich handelte und wie den Opfern geholfen werden kann. Innerhalb von nur zwei Stunden breitete sich das MIC auf einer Fläche von 65 eng besiedelten Quadratkilometern aus. In der Stadt herrschten apokalyptische Zustände.

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Was ist MIC? MIC steht für Methylisocyanat und ist eine stark reaktive chemische Verbindung. Diese flüchtige und farblose Flüssigkeit weist in hoher Konzentration einen stechenden Geruch auf und ist stark tränenerregend. Es ist ab einer Temperatur von -7 °C leicht entflammbar und geht ab einer Temperatur von 38 °C in den gasförmigen Zustand über. Da MIC schwerer als Luft ist, legte es sich wie ein Leichentuch über die schlafende Stadt und tötete vorrangig Personen, die sich in Bodennähe aufhielten. Methylisocyanat verursacht schwere Verätzungen der Schleimhäute, Augen und Lungen. Darüber hinaus wurde in Bhopal überraschenderweise festgestellt, dass besonders viele Opfer starke Verätzungen der inneren Organe aufwiesen. MIC reagierte mit dem körpereigenen Wasser der Opfer und drückte Blut in die Lungenbläschen. Viele ertranken qualvoll an den eigenen Körperflüssigkeiten.

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Am Tag nach dem Unglück verflüchtigte sich das Gas über der Stadt und das ganze Ausmaß des Unglücks wurde sichtbar: In der Nacht vom zweiten auf den dritten Dezember 1984 starben vermutlich mehr als 3.000 Personen am ausströmenden MIC und mehr als 300.000 erleiden qualvolle Schmerzen. Noch am selben Tag beauftragte die indische Regierung die Sicherung des Fabrikgeländes und die Frage zu klären, ob womöglich noch weiteres Gas ausströmen könnte. Es bewahrheitete sich die schlimmste Befürchtung! Da aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln die Produktion zeitweise eingestellt wurde und sich der Betrieb der Anlage auf Erhaltungsarbeiten beschränkte, lagerten in den unterirdischen Tanks noch riesige Mengen an unaufbereitetem MIC. Im Unglückstank Nr. 610 lag der Füllstand zuvor bei 75 %, obwohl die empfohlene Menge lediglich 50 % beträgt. Insgesamt verdampften in der Unglücksnacht mehr als 40 Tonnen MIC! Doch der Schrecken war noch nicht vorbei: Im Tank Nr. 611 lagerten weitere 30-35 Tonnen des tödlichen Gases!

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Die Frage war: Wenn Gas aus dem Tank Nr. 610 entwich, kann das auch bei dem anderen Tank passieren? Um jegliche Gefahr auszuschließen, entwickelten die Ingenieure einen mutigen wie auch riskanten Plan. Die Idee sah vor, die Produktion in der Fabrik wieder zu starten und das verbliebene MIC innerhalb weniger Tage zu verarbeiten. Dabei konnte selbst nach ihrer Einschätzung ein neuerliches Unglück nicht ausgeschlossen werden. Manche Experten erachteten ein zweites Bhopal sogar als sehr wahrscheinlich. Die Bewohner Bhopals empfanden diesen Plan, nur wenige Tage nach dem Unglück als ungeheuerliches Vorhaben und verließen daraufhin fluchtartig die Stadt. Selbst die Kranken zogen die Flucht dem Risiko vor, sofern sie nicht bettlägerig waren. Mit meterhohen feuchten Stoffbahnen versuchte man die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, und eventuell austretendes Gas innerhalb der Anlage zu halten. Die Stadt war zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage wie ausgestorben und die wenigen Verbliebenden auf das Schlimmste vorbereitet. Es dauerte lange sieben Tage, bis das gesamte MIC zu Sevin verarbeitet werden konnte und die Bewohner in die Stadt zurückkehrten. Eine weitere Katastrophe konnte zum Glück abgewendet werden.

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Bereits wenige Tage nach dem Unglück entschloss sich Warren Anderson, der Vorstandsvorsitzende des US-amerikanischen Chemiekonzerns Union Carbide selbst nach Bhopal zu fliegen. Als die dortigen Behörden erfuhren, dass er die Verantwortung für die Fabrik trägt, ließ man ihn noch am Flughafen festnehmen – zumindest offiziell und medienwirksam. Tatsächlich brachte man ihn zum Union Carbide Gästehaus, das damals eines der schönsten Häuser Bhopals war, und ließ ihn bereits wenige Stunden später gegen eine Kaution von lediglich 18.000 Dollar frei. Noch am selben Tag trat er die Rückreise an. Viele indische Journalisten sahen darin eine Inszenierung der Regierung. Warren Anderson lebte bis zu seinem Tod im Jahre 2014 auf Long Island bei New York (USA) und wurde nie für die Katastrophe zur Verantwortung gezogen. Viele der Opfer sehen in ihm bis zum heutigen Tag einen Massenmörder, der für den Profit leichtfertig Zehntausende Todesopfer in Kauf nahm.

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Viele der Opfer wurden nach einem vergleichbar kurzen Krankenhausaufenthalt wieder entlassen. Meist lautete die Diagnose in den Krankenakten „Pneumonitis“ – Lungenentzündung. In Klammern wurde dann noch „dem Gas ausgesetzt“ beigefügt. Am Ende des Dokuments wurde das Wort „Improved“ angefügt.  Diese „Gebesserten“ fühlten sich oftmals zu schwach, um eigenständig vom Krankenhaus zurück nach Hause zu gehen! Hatten sie den Rückweg doch geschafft, konnten sie sich oft vor Schmerzen die nächsten drei Tage nicht mehr vom Bett erheben. Wirksame Medikamente für eine adäquate Nachbehandlung wurden nur selten oder in unzureichenden Mengen mitgegeben. Für die Behörden erhöhte jeder weitere akzeptierte Langzeitpatient den Druck, das Ausmaß der Krankheiten öffentlich zugeben zu müssen. Um die Auswirkungen vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu verbergen, wurde nur wenige Tage nach dem Unglück die Meldung, 1.064 Personen seien aufgrund des ausgetretenen MIC erblindet, dementiert. Der Regierung von Madhja Pradesh zufolge handelte es sich in all diesen Fällen nur um „vorübergehende Sehverluste“, aber keinesfalls um langfristige Schäden. Auch der Leiter des staatlichen Hamidia-Hospitals, Professor N. R. Bhandari konnte sich die vielen Haut-, Magen-, Leber- und Milzschmerzen nicht erklären. Der Chef des Krankenhauses, in dem mehr als 80.000 Gasopfer behandelt wurden, meinte: „Die Armen schieben alles aufs Gas!“

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Welches skandalöse Verhalten die Behörden von Bhopal an den Tag legten und wie gering die gesicherten Fakten selbst nach mehr als 30 Jahren sind, zeigte sich im Fall eines Medikaments mit Natriumthiosulfat. Dieses Mittel wurde damals kurz nach dem Unglück von Bhopal von US-Experten der Union Carbide als wirksames Behandlungsmittel gegen die Krankheitssymptome empfohlen. Da sich die Firmenleitung in Bhopal zum damaligen Zeitpunkt mit der US-Führung geeinigt hatte, dass es sich beim ausgetretenen Gas um MIC handelte, machte die Empfehlung keinen Sinn mehr, da das Mittel bei Vergiftungen mit Cyanid, einer tödlichen Blausäure eingesetzt wird. Ein interessanter Fakt, da erste Untersuchungen zeigten, dass beim Unglück womöglich auch Cyanid eine Rolle spielte und sich im Körper infolge des Kontakts, etwa mit Schwefel, zu einem Giftcocktail verwandelte. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine erste Sendung des Medikaments nach Bhopal unterwegs, die anschließend verschwand. Jüngere Ärzte glauben auch zu wissen wie: Sie vermuten, dass das Behandlungsmittel vorrangig an Minister und die elitäre Bevölkerung verteilt wurde.

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 Besonders die Slums, in denen sich die Armenhäuser wie an einer Perlenkette aneinanderreihen, eingepfercht zwischen den Werksmauern der Union Carbide und dem Bahndamm, traf es am schnellsten und schwersten. Dort hausen die ärmsten der Armen, vorwiegend Moslems, Personen der niedrigsten Kaste und die keiner Kaste zugeordneten Unberührbaren, denen man höchstens das Leben im Dreck und den Fäkalien zugesteht. Ein Job in der Düngemittelfabrik galt für viele als hohes Gut, oftmals die einzige Möglichkeit die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen und den Kindern eine Zukunft außerhalb der Slums zu ermöglichen. Ihnen blieben die zahlreichen Missstände, die sich selbst im toxischen Trinkwasser vor der eigenen Armenhütte zeigten, nicht verborgen. Viele wussten über die zahlreichen Mängel der Fabrik und befürchteten schon seit längerer Zeit einen chemischen Super-GAU.

steckscheibe_bhopal

Während Warren Anderson bis zuletzt auf die These beharrte, ein unzufriedener Mitarbeiter hätte die Anlage sabotiert und somit absichtlich das Wasser dem hochreaktiven MIC zugeführt, gingen unabhängige Experten davon aus, dass das Unglück auf von Menschen herbeigeführte technische Fehler zurückzuführen sei. Einer unabhängigen Expertenkommission wurde weder vonseiten der indischen Regierung ein Arbeitsvisum erteilt, noch von Union Carbide der Zutritt zum Werksgelände erlaubt. Somit konnte das Unglück bis heute nicht restlos aufgeklärt werden. Aufzeichnungen und Befragungen von in der Unglücksnacht tätigen Arbeitern legen die Vermutung nahe, dass in der Nacht während einer Leitungsspülung einer chemischen Aufbereitungsanlage unbemerkt größere Mengen Wasser mit MIC in Verbindung kam. Dieses begann anschließend mit explosiver Kraft zu kochen und wechselte infolge eines Temperaturanstiegs in den gasförmigen Aggregatzustand. Eigentlich hätte Wasser niemals mit dem gefährlichen MIC in Verbindung kommen dürfen, da im Normalfall die Wasser und MIC-Leitung voneinander getrennt zu führen sind. Um dennoch bei einer Zweifachnutzung der Leitungen ein solches Unglück zu verhindern, hätte zwischen den Rohren eine einfache Steckscheibe wie hier im Bild, genügt. Doch diese fehlte in der besagten Nacht. Da einfachste Sicherheitsmechanismen entweder fehlten oder abgeschalten waren, blieb dieser chemische Vorgang bis zum kritischen Punkt unbemerkt. Aber selbst die Frage, ob es sich bei dem ausgetretenen Gas „nur“ um MIC handelte, oder womöglich auch andere chemische Verbindungen im Spiel waren, konnte bis heute nicht gänzlich bewiesen werden.

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Schon kurz nach dem Unglück begann das Feilschen um die Opferzahlen und somit die Registrierung der Verletzten und Toten. Die Landesregierung des Staates Madhja Pradesh gab zunächst die Opferzahl mit 1.400 an, eine Zahl über die sich selbst die Zentralregierung wunderte und ihrerseits die Zahl von 2.500 bereits kurz nach der Todesnacht nicht mehr dementierte. Heute gehen Schätzungen unabhängiger Experten von 5.000 bis 10.000 Opfer aus, die unmittelbar oder innerhalb weniger Tage zu Tode kamen. Viele Personen flohen damals in Panik und bereits schwer gezeichnet in andere Städte und verstarben dort oder wurden auf Ladeflächen von Lastfahrzeugen geladen und in anonyme Massengräber beerdigt. Da die Beweislage oftmals unzureichend ist, es keinen Totenschein gibt, die Bestätigung eines Leichenschauhauses fehlte oder Opfer aus anderen Gründen nicht anerkannt wurden, blieb vielen jegliche Entschädigungszahlung verwehrt.

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Erst fünf Jahre nach der Katastrophe stimmte die Union Carbide America einer Entschädigungszahlung in der Höhe von 470 Millionen Dollar zu. Das entspricht etwa 500 Dollar für jeden Verletzten und 1.100 Dollar für jedes Todesopfer. In Anbetracht eines erwirtschafteten Jahresumsatz von etwa neun Milliarden Dollar kam damit der Konzern sehr glimpflich davon, zumal ein Passus die Forderung zukünftiger Entschädigungszahlungen im Vorhinein ausschließt. Im Jahre 2010 wurden ehemalige Manager der indischen Tochterfirma Union Carbide wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von lediglich je 2.000 Dollar verurteilt.

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Selbst mehr als 30 Jahre nach dem Unglück scheint die Stadt Bhopal nicht wieder zum gewohnten Leben zurückgefunden zu haben. Zu groß sind Not, Angst und Krankheit. Die Fehlgeburtenrate ist um einiges höher als im indischen Durchschnitt und besonders viele Kinder kommen mit Fehlbildungen zur Welt: Ohne Beine, ohne Hände, ohne Augen, … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. In den Jahren nach dem Unglück, starben nach Schätzungen der indischen Regierung weitere 15.000-25.000 Menschen an den Folgen des ausgetretenen Gases und mehr als 150.000 leiden bis heute an massiven Gesundheitsschäden. Die Beschwerden umfassen Erblindung, Atembeschwerden, Krebserkrankungen, Hirnschädigungen und schwere Organschäden sowie Missbildungen bei Neugeborenen. Selbst mehr als 30 Jahre danach stirbt jede Woche zumindest eine Person an den Spätfolgen des größten Chemieunfalls der Geschichte. Zuvor gesunde Männer, die tagtäglich in der Fabrik Schwerarbeit verrichteten, waren bereits kurz nach der Katastrophe zu schwach, um beispielsweise ein Fahrrad über einen kleinen Hang zu schieben. Nicht wenige sehen in den Toten des dritten Dezembers die Glückseligen, die Überlebenden als die wahren Opfer.

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2001 wurde die Union Carbide vom US-amerikanischen Chemieriesen DOW übernommen. Geändert hat sich seither nichts! Trotz zahlreicher Versprechen, die Umgebung von den hochgiftigen Altlasten zu befreien, rostet die Anlage weiterhin vor sich hin und sickern ungehindert Unmengen an austretende Chemikalien ins Grundwasser. Einer Studie des indischen Instituts für toxische Studien bestätigte, dass sich weiterhin rund 8.000 Tonnen Giftmüll auf dem ehemaligen Gelände der Union Carbide befinden. Obwohl einer Schweizer Expertenkommission zufolge die Reinigung und der Rückbau des gesamten Areals lediglich rund 30 Millionen Euro kosten würde und sich die indische Regierung vor Jahren bereit erklärte die Sache selbst in die Hand zu nehmen, hat sich bis heute am Status quo nichts geändert.

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Viele der Opfer sehen in den täglichen Qualen nur noch einen Antrieb: Die Verantwortlichen des Unglücks zur Rechenschaft zu ziehen. Teilerfolge gibt es sogar zu verbuchen, wenn auch die Ziele über die Jahre bescheidener wurden. So gibt es seit 2014 einmal alle zwei Tage für eine halbe Stunde Zugang zu sauberem Trinkwasser in den Slums. Mittlerweile fordert die Zentralregierung von Delhi unter dem Druck von Menschenrechtsaktivisten, zusätzliche 1,2 Milliarden Dollar an Entschädigungszahlungen von den USA. Dieser Rechtsstreit wird vermutlich noch Jahre dauern – Ausgang ungewiss.

Erst vor wenigen Wochen erlebten wir in Deutschland die Gefahr, die von großen Chemiekonzernen ausgeht, als drei Arbeiter bei BASF infolge einer Explosion starben. Wie realistisch ist nun die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Bhopals und wie können wir uns im Ernstfall schützen? Was können wir (Deutschland) aus 1984 lernen und besser machen? Nach der Bhopal-Katastrophe gab es kaum Unterstützung für die vielen Opfer und die Fabrikruinen sind selbst 30 Jahre nach dem Unglück noch tickende Zeitbomben: Welche Chancen siehst du für die Zukunft der Opfer und deren Nachfahren? Wie und was hätte Union Carbide, DOW und die Behörden anders machen sollen bzw. was würde bei einer Katastrophe dieser Größenordnung in Deutschland anders/besser ablaufen? Sind wir überhaupt darauf vorbereitet, oder sind die Anlagen heutzutage sicher genug, dass ein Unglück dieser Größenordnung auszuschließen sei? Deine Meinung – wie immer ab in die Kommentare!


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Weiterführende Links:
Srf: Artikel, Fotostrecke und Video-Clips zum Unglück von 1984. (05.11.2016, 07:52) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Unglück von Bhopal. (05.11.2016, 07:53) – Deutsch
Spiegel-Online: Fotostrecke zum Bhopal Unglück. (05.11.2016, 07:54) – Deutsch
The Toronto Star: Ausführlicher Artikel zu den Hintergründen und Ursachen der Katastrophe und dem Leben der Bewohner. Inklusive beeindruckender 360° Aufnahmen aus den Fabrikruinen. (05.11.2016, 07:56) – Englisch
India Environmental Portal.org: Eigene Seite mit (fast) allen Infos zum Unglück vor und nach 1984. Inklusiver Berichte der Opfer und erklärender Grafiken. (05.11.2016, 07:59) – Englisch
Spiegel-Online: Bericht zum Bhopal-Unglück aus dem Jahre 1985. Mit dem Stand der Ermittlungen und Mutmaßungen von damals. (05.11.2016, 08:01) – Deutsch

Quellenangaben:
Titelbild: http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0014.jpg (05.11.2016, 00:09) – Erblindeter Mann infolge des Gasunglücks von Bhopal. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen.

 

http://www.indiaenvironmentportal.org.in/media/iep/infographics/Bhopal%20Gas%20Disaster/images/hot_spot.jpg (05.11.2016, 00:11) – Karte der Fabrikanlage von union Carbide; Kartenmaterial stammt von Google.maps (Bearbeitung beider Karten mit Photoshop).
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14705037464/in/album-72157645812162402/ (05.11.2016, 00:16) – Safety First – Warnung in der Pestizidfabrik von Bhopal (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14119398488/in/photolist-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-7tKnXA-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-7tFqvk-632FGs-7tDYgZ-aKJnkX-7tKobh-65A2Ty-7tHVME-7tFqLt-7tDYmD-FDiJMZ-65A5P5-7tKo2Y-62Xks2-cRjKTE-fuZ8Cz-65vAJ2-62XqS8-7tFqfi-5SEbhX-7tDYbF-7tDYek-632Cps-65A6Eo-7tKo7s-7tDYsz-7tFqEZ-7tFq88-kL4oWx-qSCSHH-nN9A7b-nvGMpp-kMQgZS-nvFp6M-nvJVWb-rPqRtz-nvJWz5-DyM37 (05.11.2016, 00:18) – Union Carbide Fabrik in Bhopal im Jahre 1985 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/83d1693652.gif (05.11.2016, 00:20) – Grafik der Sicherheitssysteme, die das Unglück 1984 hätten verhindern können (Bildgröße in Photoshop angepasst). Vielen Dank an Bhopal.org!
Bild von Bhopal.org mit Erlaubnis zur Verfügung gestellt (05.11.2016, 00:27) – Mehrere Schwerverletzte in weiße Tücher gewickelt. (Bildgröße in Photoshop angepasst) Vielen Dank an Bhopal.org
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0014.jpg (05.11.2016, 00:30) – Erblindeter Mann infolge des Gasunglücks von Bhopal. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a2/Bhopal_Plant_7.JPG (05.11.2016, 00:33) – Tank Nr. 610. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/dalbera/16944288732/in/photolist-rPiUHb-DyLUn-62Xsaz-DyLWB-DyLw9-7tDY52-632C4f-nN7WzE-632zTN-DyLsV-62XpGz-DyLe7-65zTxu-DyLk6-62XsEx-DyLHG-7tKnUf-7tHVYo-632yUL-DyLhf-7tFqGv-632Dxf-632yAA-DyLMP-aKJmQz-nvHABS-nN9BWd-nN3sso-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-5SEbhX-7tKnXA-DyLRL-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-sjPpug-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-DyLQq-7tFqvk-632FGs-DyLyY-DyLbM-7tDYgZ (05.11.2016, 00:39) – Mann vor seiner Hütte in einem Slum von Bhopal. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/Bhopal_Gas_Warren_Anderson.jpg (05.11.2016, 00:41) – Warren Anderson vor einer Gruppe protestierender Inder. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://ndsharma.files.wordpress.com/2011/12/bhopalgas11.jpg (05.11.2016, 00:43) – Blinder Mann mit Kinder. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0007.jpg (05.11.2016, 00:45) – Opfer des Bhopal-Unglücks auf der Straße sitzend. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14305405224/in/photolist-nN7WzE-DyLsV-DyLe7-DyLk6-DyLHG-rPiUHb-DyLhf-DyLMP-62Xsaz-7tDY52-632C4f-632zTN-62XpGz-65zTxu-62XsEx-7tKnUf-7tHVYo-632yUL-7tFqGv-632Dxf-632yAA-aKJmQz-DyLRL-DyLQq-DyLyY-DyLbM-nvHABS-nN9BWd-nN3sso-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-5SEbhX-7tKnXA-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-sjPpug-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-7tFqvk-632FGs-7tDYgZ-7L1b2L-aKJnkX-7tKobh (05.11.2016, 00:48) – Alltagsszene aus einem Slum Bhopals. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.youtube.com/watch?v=7B4BiFeBKuQ (05.11.2016, 00:51) – Fehlende „Steckscheibe“: Abbildung aus der Dokumentation „51 – Sekunden vor dem Unglück – Der Chemie-Supergau von Bhopal.“ (Bildgröße in Photoshop angepasst)
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0009.jpg (05.11.2016, 00:55) – Opfer des Gasunglücks werden abtransportiert. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/dalbera/16325581883/in/photolist-qSCSHH-7tFqBe-7hRyLA-7tDYwg-nN9A7b-nvGMpp-7hMBEg-7tFqjp-nvFp6M-7tDYBM-7tDYzZ-65vFCv-nvJVWb-65vLkX-rPqRtz-65A5nq-7tDY78-nvJWz5-7tKodf-632BFE-65A7cs-7tHVJ1-8TxDMQ-65vCqx-9QA9Au-65zXnq-65vRVB-dTSiZP-DyM37-65vDxK-4RmM5C-65A3v3-62XmUa-65A2uW-7hMBCz-65vPZc-65vNSR-65vMrt-65zZgq-65A6Wh-65vG6i-boppu4-7tDYqt-kMQgZS-7tHVrW-65A7Xd-4RmMLA-dpsDm9-4RmM2G-65A8LL (05.11.2016, 00:57) – Graffiti auf der Fabriksmauer von Union Carbide / DOW. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bhopal_plant?uselang=de#/media/File:Bhopal_Plant_5.JPG (05.11.2016, 01:00) – Verlassenes Fabriksgelände von Bhopal. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bhopal_Plant_1.JPG?uselang=de (05.11.2016, 06:59) – Chemikalien im Labor der verlassenen Fabrik in Bhopal. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14120158967/in/photolist-nvKvjF-nNb7b7-nN14fW-nL89BE-bctxFM-bcty4R-bctzn2-bctAUH-b49q8p-b49pzp-bctyDP-b49par-bctzDP-bctADz-b49oYK-bctyxD-bctyZt-b49pRD-bctyhZ-bctycF-khHwWn-mZpUF-4C3Kon-6qruBT-95FmHf-fwugza-ynSjzh-cSQuA9-bctAk4-bctA7a-bctzee-bctzKg-bctA2p-bctz5H-vxnjy4-vfm3AJ-vfpFhL-vuFKKy-vfpU7b-dc2KVr-hKBoVD-nPWY74-nMZEZd-nMSXza-8L6DEc-nL7NS9-8qrNDT-nNecji-2PhBQ8-zuiSSu (05.11.2016, 07:02) – Frühe Proteste in Bhopal gegen Union Carbide USA. (Bildgröße in Photoshop angepasst)

 

Neue Trendsportart: Obdachlose verprügeln

Bumfight

Geld wird bereits mit bekanntlich allem gemacht. Vor allem Filme scheinen vor gar nichts mehr zurückzuschrecken: Brutal verstümmelte Leichen in Horrorfilmen wie  „Saw“, bis über mordende Zombienazis in „Dead Snow“ gehören zum alltäglichen Repertoire der Produzenten. Nachdem man bereits alle Facetten der Gewalt gezeigt hat und bereits Volksschüler damit vertraut sind, war der Überraschungseffekt irgendwann verflogen. Da man neue Ideen braucht um das vorangezeigte Gewaltpotential noch zu übertreffen und die Kundschaft bei Laune zu halten, zeigte eine amerikanische Produktionsfirma gemeinsam mit dem Fernsehsender MTV eine Serie namens „Jackass“. Darin verletzen sich die Protagonisten in halsbrecherischen Stunts und lächerlich dumm anmutenden Mutproben selber, um im nächsten Moment lachend (vor Schmerzen?) wieder aufzustehen und das Selbe zu wiederholen. Nach großem Erfolg sollte natürlich damit nicht Schluss sein und man versuchte dies noch zu übertreffen.

Angefangen hat alles mit einer Hand voll junger Typen, die ein erfolgreiches Independencevideo drehen wollten. Wie man dies anstellt hat bereits Jonny Knoxville in „Jackass“ gezeigt. Genügte es noch damals sich in Stunts und Mutproben selbst zu verletzen, gilt dies bereits als Trend von gestern. Wie kann man da noch schockieren?

So oder ähnlich müssen die Überlegungen gewesen sein, die zu den Schockvideos den „Bumfights“ führten. Die Idee dahinter ist schnell erklärt. Man nehme ein paar Jungs, die für Geld fast alles machen würden und Leute der untersten Gesellschaftsschicht, für die sich nach ihrer Sichtweise sowieso niemand mehr interessiert und Geld nötiger haben als alle Anderen.

So werden Obdachlose für ein paar Dollar und viel Alkohol bezahlt, dass sie sich vor laufender Kamera verprügeln, sich die Zähne ausreißen und „Bumflight“ auf die Stirn oder Handgelenke tätowieren lassen.

Beim ersten Film „Bumfights: A Cause for Concern“ aus dem Jahr 2002 wird gezeigt wie ein Obdachlose mit Namen Rufus“ zuerst im Vollrausch mit dem Kopf voran durch eine Glasscheibe läuft, um in der nächsten Szene seinem Freund zu verprügeln und  ihm anschließend die Zähne auszureißen. Bis dahin könnte man eventuell noch behaupten, dass der Obdachlose immerhin noch etwas, in diesem Fall Alkohol, als Gegenleistung für dieses blutige Schauspiel bekommt. Bis dahin so gut (oder schlecht). (Beschreibung der DVD hier)

In weiterer Folge des Films wird ein sogenannter „Bum Hunter“ gezeigt. Normalerweise fangen diese „Hunter“ Krokodile oder andere wilde Tiere mit bloßer Hand, von denen er oftmals unbeabsichtigt gebissen wird. Bei den „Bum Hunters“ ist das Prinzip ähnlich, mit dem Unterschied, dass die wilden Tiere durch Obdachlose ersetzt werden. Nichtsahnend sitzen diese Personen neben der Straße oder schlafen in der Nacht, als plötzlich dieser „Bum Hunter“ auf sie zukommt und ohne Vorwarnung auf ihn eintritt. Erst nachdem die ganze Szene gefilmt ist und der Obdachlose sich vor Schmerzen krümmt, wird von ihm abgelassen. War bis dahin vielleicht noch eine Spur von Spaß und Unterhaltung auszumachen, ist spätestens hier Schluß. Viele werden sich jetzt fragen, wie man dies noch übertreffen kann. Und ja, auch dafür gibt der Film eine klare, wie erschreckende Antwort. In „Bumfights“ sieht man nicht nur sich prügelnde Obdachlose, sondern auch die Crackdealer „T-Bone“ und seinen Kollegen „BlingBling“. In aufklärender Weise wird hier vermittelt, wie man eine Crackpfeife am besten versteckt. Anschließend werden zu allem Überdruß vor laufender Kamera Drogen konsumiert und wird auf den Bürgersteig gekackt!

Die Produzenten der Firma Indecline haben vom ersten Film in etwa 300.000 Kopien verkauft, wobei die eigentlichen Protagonisten bis auf ein bisschen Alkohol, der hier auch als Mittel zum Zweck diente, nichts sahen. Übrig blieben nur die reichen Filmemacher und erniedrigte sowie in erheblichem Maß verletzte Obdachlose.

Obwohl die Idee von anderen Produzenten in späterer Folge aufgenommen wurde und noch 3 weitere „Bumfight-Filme“ produziert wurden, gibt es auch eine gute Nachricht: Viele der Verantwortlichen, wie der Produzent Ryan McPherson und der vorhin erwähnte Drogendealer „BlingBling“ wurden zu Haftstrafen verurteilt und die „BumFight-Videos“ in etlichen Us-Bundestaaten verboten. Doch die beste Nachricht betrifft den vermeintlichen Hauptdarsteller des 1. „Bumfight-Videos“, Rufus Hannah. Seit 2003 ist er trocken und arbeitete anschließend in einem 40-Stundenjob als Anstreicher, baute Zäune und Anderes. Heute tritt er für die Rechte Obdachloser ein. Sein Äußeres konnte er zwar soweit wieder herstellen und geheiratet hat er auch heiratete nochmals, doch die „B-U-M-F-I-G-H-T“ Tätowierung, die seine Fingerknöchel ziert, konnte er trotz mehrerer Laserbehandlungen noch nicht gänzlich entfernen lassen (siehe hier)

Neben all den guten Meldungen, gibt es bis in heutige Zeit viele Opfer. Motiviert durch die „Bumfight“ wurde eine Vielzahl von Obdachlosen durch selbsternannte „Bumhunters“ halbtot geprügelt und manche, wie ein Fall in Australien zeigt,  sogar getötet. Hier ein Link zu solch einem Fall.

Schreibt mir in den Kommentaren eure Meinungen zu den Bumhunters oder auch eure eigenen Erfahrungen. Habt ihr auch bereits von diesen Filmen zuvor gehört oder diese gesehen? Wie seht ihr die Zunahme der Gewalt in den Filmen wie Saw, Jackass…? Wohin wird das führen bzw. was ist die Folge für unsere Gesellschaft? Lasst es mich wissen! Weitere Informationen in den Links!

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Weiterführende Links:
Rufus Hannah heute  (23.08.2015, 23:56) – English
Hannah Rufus auf Wikipedia  (24.08.2015, 00:04) – English
Interview eines Jugendlichen der einen Obdachlosen zu Tode prügelte (24.08.2015, 00:05) – English
Beschreibung der DVD (24.08.2015, 00:05) – English

Quellenangaben:
Titelbild:
http://share11.goingviralposts.biz/this-bum-fight-legend-made-an-astounding-transformation-wow/ (23.08.2015, 23:55)
http://old.eayz.net/artikel/bumfights/ (24.08.2015, 00:05)
https://en.wikipedia.org/wiki/Rufus_Hannah (24.08.2015, 00:04) – English