Und wann kommt der König?

Stadtschloss_Humboldt Forum
Der Wiederaufbau des Stadtschlosses Berlin als Humboldt-Forum ist seit 2013 die größte und zugleich umstrittentste Kulturbaustelle Deutschlands. Was ab 1950 nicht mehr sein durfte, soll nun wieder rekonstruiert werden – doch genau hier liegt das Problem! Wie viel an Neuinterpretation lässt dieser geschichtsträchtige Ort überhaupt noch zu und wie wird man der Vergangenheit gerecht? Ein „Altbau“ in neuem Gewand zwischen moderner Interpretation, Geschichtsheilung und Architekturdenkmal.
Friedrich II_Eisenzahn

Die Geschichte des Schlosses kann auch als geschichtlicher Umriss Berlins der letzten 500 Jahre gelesen werden. Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche lassen sich von Beginn an auch an der Schlossgeschichte ablesen. Den Anfang machte Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern die Doppelstadt Cölln und Berlin zu seiner Residenz wählte. Diese Region hatte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem wirtschaftlichen, wie auch politischen Zentrum der Mark Brandenburg entwickelt. Das Residenzschloss der Hohenzollern wurde 1443 im Auftrag der Marktgrafen und Kurfürsten von Brandenburg in Alt-Cölln, dem heutigen Ortsteil Mitte erbaut. Damals noch am Stadtrand gelegen, rückte es erst durch die Stadterweiterung zu Barockzeiten in den geographischen Mittelpunkt der Stadt. Dieses an der Stelle des späteren Schlüterhofes und dem Hof III erbaute Schloss hatte überwiegend die Funktion einer Wehranlage, über die, die an der Spree verlaufenden Handelswege kontrolliert werden konnten und übernahm somit eine zentrale Rolle im Aufstieg zur bedeutenden Großstadt. Im Gegensatz zu allen Nachfolgebauten ist das Aussehen des ersten Schlosses nicht überliefert worden.

Renaissancemodell_Stadtschloss Berlin

Kurfürst Joachim II. ließ die Schlossanlage abtragen und errichtete an ihrer Stelle einen Renaissancebau. Der Neubau wurde mit der ersten Berliner Domkirche verbunden, die dem Schlossherrn als Schlosskirche diente. Sie lag im Osten der Residenz, in etwa an der heutigen Einmündung der Breiten Straße in den Schlossplatz. Ende des 16. Jahrhunderts wurde auf Erlass von Kurfürst Johann Georg der Bau um einen Westflügel, sowie der nördlichen Hofapotheke erweitert.

Stadtschloss_Schlueterhof

Unter dem Kurfürsten Friedrich III. erfolgte der Ausbau des Schlosses zur Königsresidenz. 1699 erhielt Andreas Schlüter die Stelle als Bauleiter am Zeughaus und stieg noch im selben Jahr zum Schlossbaumeister auf. Er plante das Schloss zu einer Vierflügelanlage auszubauen, die aber letztlich nicht umgesetzt wurde. Er konnte nur den Flügel zum Lustgarten und zur Stadt, sowie den nach ihn später benannten Schlüterhof (siehe Abbildung) fertigstellen. Auf den Bau des Schlüterhofes folgte die Barockisierung der Fassaden, die Errichtung des Eosanderportals sowie die einiger repräsentativen Bauten im Westen. Dazu zählen unter anderem die Oper, die Bibliothek und die Hedwigskirche. Weiters gehen die Planungen, den Münzturm des Schlosses bis auf eine Höhe von 94 Metern aufzustocken und diesen mit einem Glockenspiel auszustatten, auf Entwürfe Schlüters zurück. Unglücklicherweise erwiesen sich für dieses Vorhaben die Fundamente als unzureichend dimensioniert und somit für den nichtbindigen Untergrund als nicht ausreichend tragfähig. Nach mehreren Versuchen mit Eisenarmierungen musste der Turm aus statischen Gründen wieder abgetragen werden und Schlüter wurde in weiterer Folge als Hofbaumeister abgesetzt.

Stadtschloss_Schloßfreiheit

Da sich Friedrich Wilhelm von Brandenburg mehr Leben am Schloss wünschte, wies er 1671 per Erlass die Bebauung am Spree-Ufer an. Nur ein Jahr später wurden insgesamt zehn Häuser als Schloßfreiheit erbaut, deren Errichtung sich wegen des sumpfigen Untergrundes als sehr kostspielig herausstellte. Darum gewährte Wilhelm den Bewohnern der Schloßfreiheit mehrere Freiheiten: Dazu zählten die Befreiungen von Grundzins, vom Wachdienst, von militärischen Einquartierungen sowie die Gewerbefreiheit. Die Gebäude wurden mehrmals erweitert und verändert, bestanden aber bis ins 19. Jahrhundert.

Stadtschloss_Eosanderportal

Ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert führte einzig die hölzerne Hundebrücke Richtung Westen zu den neuen Prachtbauten Unter den Linden. Als 1824 Schinkels repräsentative Brücke zum Schloss fertig wurde und ab 1854 die weithin sichtbare Kuppel den Westflügel des Schlosses krönte, war die große Drehung des Schlosses nach Westen hin vollzogen.

Wilhelm_I_Nationaldenkmal

Dem Kaiser Wilhelm II. missfielen die relativ kleinen Bürgerhäuser der Schloßfreiheit, die den freien Blick auf das Schloss verstellten, und ließ diese 1894 abreißen. Anstelle der Bürgerhäuser wurde seinem Großvater zu Ehren das Kaiser-Wilhelm I. – Nationaldenkmal errichtet.
Das Zentrum zum 21 Meter hohen Monument bildete ein neun Meter hohes Reiterstandbild mit Wilhelm I. und der Genius des Friedens. Aus nördlicher Richtung des Reiterdenkmals gesehen gab es einen eigenen Zugang zum Spree-Kanal, dessen noch vorhandener Anlegersteg in der Vergangenheit vermutlich für Schleppkähne Verwendung fand. Die gesamte Denkmalanlage stand auf einem erhöhten Unterbau aus poliertem, roten Wirbogranit aus Schweden. Die Reiterstatue wurde von einer ionischen Säulengalerie, den Kolonnaden, eingefasst, die mit einem Eckpavillon auf jeder Seite abschlossen. Neben dem Reiterstandbild und den Kolonnaden zierte die Anlage noch allerlei Beiwerk: Dazu gehörten 19 halbnackte Frauen, 22 Männer, 12 Kinder, 21 Pferde, 2 Ochsen, 8 Schafe, 4 Löwen, 16 Fledermäuse und weitere Tiere. Viele Berliner verliehen dem Denkmal daher den spöttischen Namen „Zoo von Wilhelm zwo„. Obwohl im Gegensatz zum Stadtschloss das Denkmal den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hatte, wurde es 1950 ebenfalls zur Gänze abgetragen. Einzig der Denkmalsockel blieb bis heute erhalten und soll in Zukunft das neue Denkmal tragen.

Ruine Stadtschloss_Berlin

Die barocke Periode des Schlosses währte etwa 250 Jahre. Während dieser Zeit diente das Gebäude als Zentrale des Deutschen Kaiserreichs und beherbergte zahlreiche Prunksäle. In der Zeit der Weimarer Republik gelangte das Schloss in Staatseigentum und diente fortan als Kunstgewerbemuseum. Bislang weitestgehend vom Kriegsgeschehen verschont, endete am 3. Februar 1945 die über 500 Jahre währende Geschichte des Schlosses, als ein Großfeuer infolge mehrerer Bombentreffer rasch den Großteil der Trakte erfasste und die wertvollen Inneneinrichtungen der Prunkräume zerstörte. Einzig der Nordwestflügel mit dem Weißen Saal und der Großteil der Gebäudefassaden blieben weitestgehend erhalten.
Obwohl Karl Bonatz, der ab Dezember 1946 im demokratisch gewählten Magistrat Ostrowski tätig war, sich für einen Wiederaufbau des Schlosses einsetzte, entschied sich nur wenige Jahre später die SED auf dem III. Parteitag, die Schlossruine zu sprengen und durch den Palast der Republik zu ersetzen. Die Restfläche sollte fortan als Fest- und Aufmarschplatz, sowie als Parkplatz (Marx-Engels-Platz) dienen. Diese Vernichtung von Kulturgut wurde weltweit heftig kritisiert und ist mitunter ein weiterer Grund für die raschen Wiederaufbaupläne nach 1990, obwohl die enormen Kosten sowie geschichtliche Altlasten durchaus ernstzunehmende Kritikpunkte sind.

Bau_Palast_der_Republik

Bis zur 1. Mai Feier 1951 war der Platz geebnet und mit rotem Ziegelsplitt bedeckt. Ab 1973 wurde nach den Plänen von Heinz Graffunder am Platz des ehemaligen Schlosses, hin zum nordöstlichen Arm der Spree, der Palast der Republik errichtet und dieser nach 32-monatiger Bauzeit im Jahre 1976 eröffnet. Er war Sitz der Volkskammer und beherbergte eine Vielzahl an Veranstaltungsräumen.
Fast 5.000 Tonnen Spritzasbest – das entspricht etwa 720 Tonnen Reinasbest – wurden auf die Stahlkonstruktion aufgebracht. Nur wenige Jahrzehnte ein großes Sanierungs- und Recyclingproblem, aber in den 70ern ein international übliches Verfahren, um einen ausreichenden Brandschutz zu gewährleisten.

Entkernung_Palast_der_Republik

Bereits kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands war klar, dass auch in der ehemaligen DDR die Europäischen und Bundesdeutschen Arbeitsschutz- und Gesundheitsnormen zur Anwendung kommen würden. Vor diesem Hintergrund hatte man ab 1990 das Gebäude wegen krebserregender Asbestfasern in Einbauten geschlossen und zwischen den Jahren 1997 und 2007 von diesen befreit. Da zuvor das gesamte Gebäude bis auf das Beton- und Stahlskelett zu entkernen war, ließ man sich vorerst noch beide Optionen – Abriss oder Sanierung – offen. Ebenfalls nach der Wende erfolgten archäologische Grabungen, die Teile der Schlossfundamente und Kellerbereiche zutage brachten. Zusätzlich errichtete Schautafeln erläuterten den Besuchern die einzelnen Funktionen der Räume und Einrichtungen, wie als Beispiel die technische Beschaffenheit der Fußbodenheizungen.

Wann_kommt_der_Koenig

Die Nachnutzung des Areals mit dem Palast der Republik war angesichts ihrer zentralen Lage in der Stadt und der geschichtlichen Bedeutung Gegenstand intensiver Diskussionen. Die Befürworter erkannten darin eine wohl einmalige Chance, die historische Mitte Berlins zu rekonstruieren und durchaus als legitim, die entkernte, architektonisch eher wenig anspruchslose Architektur der Abrissbirne freizugeben. Nach unzähligen Diskussionen, Kundgebungen von Gegnern und Befürwortern des Neubaus, einer Protestaktion von Gregor Gysi und einer Klärung, ob der Palast im Sinne des Denkmalschutzes als besonders schützenswert zu erachten sei, gab letztendlich der Deutsche Bundestag das Gebäude zum Abriss frei.

Abbruch_Palast_der_Republik

Ab dem 6. Februar 2006 wurde das Gebäude mit insgesamt fünf Kränen rückgebaut. Die Abrissarbeiten sollten eigentlich bereits Mitte 2007 abgeschlossen sein, verzögerten sich jedoch um mehr als ein Jahr. Bei den Abbrucharbeiten durch die beauftragten Firmen wurden an mehreren Stellen weitere Asbestreste entdeckt, die zuvor noch aufwendig zu beseitigen waren. Als Zwischenlösung bis zum tatsächlichen Baubeginn des Humboldt – Forums angedacht, wurde nach Abschluss der Abrissarbeiten das erhaltene Kellerbecken mit Sand zugeschüttet und anschließend begrünt. Interessanter Fakt am Rande: Ein Teil des demontierten Stahls wurde eingeschmolzen und nur kurze Zeit später für den Bau des Burj Kalifa in Dubai wiederverwendet.

Karte_Schloss_Berlin

Der Palast der Republik war Geschichte und mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte zu einer Rasenfläche nivelliert. Und danach kam erstmal nichts! Bereits 2010 hat der Haushaltsausschuss des Bundestages etwa 590 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Schlosses bewilligt, aber den anvisierten Baubeginn infolge des auferlegten Sparkurses der Bundesregierung um drei Jahre, auf mindestens 2014 verschoben. Viele deuteten dies bereits als Ende des monumentalen Bauvorhabens. Inmitten der Krise mussten erstmals die Banken gerettet werden, bevor man sich der Rettung deutscher Kultur bemühte. Dabei stand es um die Kunstwerke außereuropäischer Kulturen aus preußischer Zeit mindestens genauso schlecht, wie um die europäische Wirtschaft: Die Depots mit Tausenden unwiederbringlichen Schätzen konnten wegen der DDT-Verseuchung nur noch mit Schutzanzügen betreten werden und in den ohnehin viel zu kleinen Ausstellungsräumen lief bereits das Wasser die Wände herunter. Allein 2010 mussten rund zwölf Millionen Euro für die Instandhaltung der Kunstobjekte aufgebracht werden, um zumindest die allernötigsten Sicherungsmaßnahmen durchführen zu können. Momentan wird zeitgleich mit der Schlossrekonstruktion auch ein neues Depot in Potsdam gebaut.

Bau_Schloss_Berlin

Mit dem Stichtag des 12. Juni 2013 erfolgte durch den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck die Grundsteinlegung zum Berliner Schloss – Humboldt-Forum. Der Neubau des Architekten Franco Stella ist eine Rekonstruktion nach historischem Vorbild, die in zeitgemäßer Materialiensprache umgesetzt wird. Die Tragstruktur als Stahlbetonskelett, das nach Abschluss der Rohbauarbeiten eher an ein Parkhaus als an ein barockes Schloss erinnerte, wurde ab 2016 mit Ziegeln und Zierelementen aus Sandstein verblendet, um für den Betrachter von außen dem Bild einer Architektursprache aus barocker Zeit zu entsprechen. Nach innen hin soll der hochmoderne Mehrzweckbau die preußischen Sammlungen außereuropäischer Kulturen vereinigen und die Museumsinsel ergänzen. Ein neuer Inhalt, der sich im historischen Gewand präsentiert.

Ostfassade

Ausgerechnet dort, wo sich die ältesten Schlossgebäude den Bürgerstädten zuwandten, nivelliert der Architekt des Neubaus die Schlossgeschichte zu einer grauen Betonwand. Dort wird für das alltägliche Leben der Berliner Platz geschaffen und sich mehrere Cafés ansiedeln. Von einem Denkmal des italienischen Architekten oder sogar einer Reichskanzlei 2.0 wird vielfach geredet, sobald die Fassade zur Spree ins Gespräch kommt. Ein Gebäudeabschluss im Norden, als würde dieser nicht Teil des Gebäudes sein. Ein Stilbruch inmitten der Zierelemente aus Sandstein. Plattenarchitektur in Verbindung mit Barock des 18. Jahrhunderts – eine Mischung, die für die Befürworter erst recht den Reiz dieses Gebäudes ausmacht. Bei einem Gebäude der Jahrhunderte sollte auch Platz für die Moderne sein.
War der Wiederaufbau der Frauenkirche durch die Eingliederung originaler Bruchsteine in die neu erschaffene Tragstruktur aus Sandstein noch echte Handwerkskunst, wird das Berliner Schloss ähnlich zum Potsdamer Stadtschloss oder dem Braunschweiger Schloss nur von außen an die historische Vergangenheit erinnern – und auch das nur an drei der vier Fassadenseiten. Außen das historische Stadtschloss, innen ein hochmodernes Humboldt-Forum.

Fassadenkonstruktion_Detail

Anders als der Rohbau sollten die gesamten Kosten für die Fassaden(re-)konstruktion vom Förderverein Berliner Schloss getragen werden. Schätzungen gehen von etwa 105 Millionen Euro aus. Noch 2010, nur wenige Jahre vor dem ursprünglich angedachten Baubeginn herrschte in den politischen Lagern große Uneinigkeit, ob das Schloss nun tatsächlich gebaut werden soll, oder nicht. Auch in einer Umfrage unter den Bürgern Berlins fanden sich nur wenige, die vom Wiederaufbau als Humboldt-Forum tatsächlich überzeugt waren. In Hinblick auf die Notwendigkeit der Teilfinanzierung durch Spenden ein nicht zu ignorierendes Hindernis. Wie soll man jemanden überzeugen, eine Geldspende zu tätigen, wenn dieser generell gegen das Projekt ist? Die Spendenfreudigkeit konnte sich im Laufe der letzten Jahre stark steigern, wie auch die Zustimmung zum Projekt allgemein, wenn auch viele der kritischen Stimmen selbst nach sieben Jahren nicht verstummt sind. Das festgelegte Spendenziel tatsächlich zu erreichen erscheint mit jedem Tag realistischer zu werden. Insgesamt konnten bis Anfang April 2017 über 81 Millionen Euro an Spenden aufgebracht werden.
Um das Engagement der Spender zu ehren, werden alle Namen, die 50 Euro oder mehr gespendet haben, per großer elektronischer Deckenprojektion im Durchgang des Kuppelportals genannt. Hunderte von Spendernamen können somit für jeden sichtbar werden. Großspender sollen gut ersichtlich auf repräsentativen Namenstafeln an besonders stark frequentierten Orten des Humboldt-Forums genannt werden. Spenden über eine Million Euro werden zusätzlich besonders geehrt: Unter Berücksichtigung individueller Wünsche ist eine Namensgebung eines Saals oder repräsentativen Raumes denkbar.
Möchtest auch du den Wiederaufbau der Schlossfassaden unterstützen? Schon viele kleine Beträge konnten bislang Großartiges bewirken. Hier geht’s zur offiziellen Seite des Fördervereins Berliner Schloss e. V.

Humboldt_Forum_Agora

Ab 2019 soll das Humboldt-Forum die Sammlungen der außereuropäischen Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beherbergen. Die große Eingangshalle (Agora) des Gebäudekomplexes soll mit themenübergreifenden Veranstaltungen bespielt werden und als Publikumsmagnet wirken. Über einen fest installierten Medienturm wird der Besucher vorweg über aktuelle Ausstellungen informiert werden. Zusätzlich soll dieser Bereich die medizinischen Sammlungen von Rudolf Virchov beherbergen und eine dem Thema zugeschnittene Büchersammlung der Zentral- und Landesbibliothek Berlins dem Publikum zugänglich machen. Im zweiten Stock widmet man sich den Kulturen Ozeaniens, Amerikas und Afrikas und im Dritten der Asiens. Die momentan im Depot gelagerte Sammlung außereuropäischer Kulturen umfasst etwa 500.000 Artefakte und Kunstwerke.

Breite_Straße_Lustgarten

Abgesehen von fix bespielten Ausstellungsräumen, wird das Humboldt-Forum viel mehr als ein Museum sein. Der Schlüterhof mit seinen drei nach historischem Vorbild rekonstruierten Fassaden wird in Zukunft wieder als Kulisse für Open Air Veranstaltungen dienen und im neu geschaffenen Auditorium werden Veranstaltungen für bis zu 500 Besucher möglich sein. Anders als das historische Vorbild wird das Schlossforum zum Durchgang zwischen Breite Straße und Lustgarten in klarer, moderner Formensprache umgesetzt. Besonders hier lässt sich bereits jetzt die Außenraumwirkung für zukünftige Besucher am besten nachempfinden.

Schlueterhof_Veranstaltung


Das Stadtschloss galt als die Mitte der Stadt und der Schlüterhof mit seinen Hauptsteigen als Mittelpunkt des Schlosses. Aber warum? Die Architektur des Schlüterhofes ist eine Assoziation der antiken Kaiserforen. Diese Plätze Roms bildeten den Mittelpunkt, in einer Zeit, in der sich die Stadt als das Zentrum der westlichen Welt verstand. Auch auf den Kaiserforen waren diese zentralen Bauten von Kolonnaden eingefasst, die im Beispiel des Schlüterhofes zu besonderen Anlässen als Zuschauerlogen gedient haben könnten. Diese Gebäude galten in der Antike nicht nur als Herrschaftszentren und geheiligte Orte, sondern wurden im Rahmen von Festen und Feierlichkeiten als Kulissen, Bühnen und Logen verwendet, um sich und die Stadt zu inszenieren.

Einbau_Portal_V

Auch wenn der Wiederaufbau dem Architekturstil des Historismus aus dem 19. Jahrhundert entspricht, wurden möglichst viele historische Anknüpfungspunkte geschaffen.
Im Portal IV zur Lustgartenseite wurde der Grundstein eingemauert. Er trägt die Jahreszahl 1443, die die Grundsteinlegung des kurfürstlichen Schlosses markiert, sowie die Zahl 2013, das Jahr des Wiederaufbaus als Humboldt-Forum. Daneben befindet sich ein Stein aus dem im Jahr 1950 gesprengten Schlosses. Dieser trägt noch die Markierung der roten Ölfarbe, mit der er von den Sprengmeistern vor dem Abbruch markiert wurde. Viele erhaltene Überreste von vor 1950 gibt es leider nicht mehr, aber es werden so viele wie möglich wieder in den Neubau eingefügt. Dazu zählen auch mehrere Skulpturen, die vor der Zerstörungswut der SED-Funktionäre gerettet werden konnten und man jetzt wieder in das Gebäude integriert. Unter anderem betrifft dies das Kapitell im Foyer von Portal III, dass als Einziges vollständig erhalten blieb.

Liebknecht_Portal_Staatsratsgebäude

Als einziges größeres Gebäudeteil des ehemaligen Stadtschlosses blieb bis heute das ehemalige Portal IV (Karl-Liebknecht-Portal) erhalten, das 1963 in das Staatsratsgebäude der DDR eingebaut wurde. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, wurden kurz vor der Sprengung des Stadtschlosses mehrere plastische Arbeiten und Architekturteile geborgen und auch teilweise archivarisch dokumentiert. Die Gebäudeteile wurden auf einem Lagerplatz zwischengelagert und später auf anderen öffentlichen Plätzen oder privaten Häusern wieder aufgestellt. Nur ganz besonders wertvolle Skulpturen, wie die barocken Sandsteinfiguren Schlüters wurden gerettet und landeten im Museum. Diese sind neben den historischen Fotoaufnahmen, die wichtigsten Quellen für die Replika aus Sandstein für den Wiederaufbau. Die restlichen Schuttmassen des Schlosses wurden zerkleinert und an mehreren Orten Berlins vergraben oder zu Trümmerbergen aufgeschüttet.

Modell_Humboldt_Forum

Damit die verbliebene Fläche um das Schloss nicht erneut zur Pflastersteinwüste verkommt und eher an eine Miniaturausgabe des DDR-Aufmarschplatzes erinnert, anstatt zur städtebaulichen Aufwertung der Schlossumgebung zu werden, gilt es nach wie vor über die zukünftige Platzgestaltung zu entscheiden. Ist im Siegerprojekt eine Bepflasterung im Granit nordisch gelb-grau und mit nur vereinzelten Grünbeeten zur Auflockerung geplant, zeigte man sich im Abgeordnetenhaus darüber wenig erfreut. Sie fordern, die Platzgestaltung im Hinblick auf Aufenthaltsqualitäten nochmals zu überdenken. Gefürchtet wird, dass ein 38.000 m² großer versiegelter freier Platz im Winter für reichlich kalten Luftzug sorgen wird und an heißen Sommertagen einen längeren Aufenthalt auf dem Kopfsteinpflaster unerträglich macht. Der Förderverein Berliner Schloss e. V. fordert diesbezüglich mehr Grünflächen und den Platz mit historischen Elementen zu schmücken. Der Senat wiederum stellt etwaigen Diskussionen einen Riegel vor. Für sie gibt es keine adäquate Alternative, solange städteplanerische Maßnahmen aus dem 21. Jahrhundert zu berücksichtigen sind. Dazu zählen unter anderem eine allgemeine Barrierefreiheit und eine Feuerwehrzufahrt, die eben nicht über Rasenbeete führen kann. Betrachtet man die Umgebung des Domes und der Museen etwas genauer, wird man unweigerlich feststellen müssen, dass auch dort nicht alles von Barrieren frei ist, wie es beim Schloss gefordert wird. Sollte an diesen Orten tatsächlich Barrierefreiheit herrschen, dann ist sie zumindest schön im Ensemble versteckt. Warum ist eine ähnliche Selbstverständlichkeit beim Schloss nicht möglich? Auch der angrenzende Lustgarten war zu DDR-Zeiten eine versiegelte Fläche und erst durch den Rückbau zum Grünraum zu einer Fläche mit hohem Aufenthaltspotential geworden, der an warmen Sommertagen mitunter durchaus stark frequentiert wird. Wegen dieser Qualitäten und nicht aufgrund eines auferlegten Paragraphenzwanges, steht die Museumsinsel unter dem Schutz der UNESCO und präsentiert sich dem Besucher in seiner heutigen Schönheit.

Neptunbrunnen

Wie bereits jetzt ein Blick in das Innere des Humboldt-Forums zeigt, wird nicht das originale Bauwerk nachgebaut, sondern ein Ensemble nach dem Vorbild des Originals. Zu diesem zählt auch der Neptunbrunnen von 1891, der seinerzeit vom Schloßplatz vor dem Portal II abgebaut – und vor dem Roten Rathaus wieder Stein für Stein zusammengesetzt wurde. Als Nabel Berlins (Nullpunkt) geschaffen, wurde er durch die Versetzung an anderen Ort seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Erst am Originalplatz wird für den Besucher die direkte Verbindung zwischen den Brunnen als Nullpunkt und der Fassade erlebbar. Ähnlich zum Nullpunkt Roms beim Triumphbogen des Septimius Severus, von dem aus die Meilen in das Römische Reich gemessen wurden, entwickelte sich vom Neptunbrunnen aus, das preußische Meilensystem. Dessen noch immer überall sichtbare Meilensteine messen ihre Entfernung immer von diesem Nullpunkt aus. Auch wenn für eine Übersiedelung des Neptunbrunnens an den Originalstandort die angrenzende Straße zuerst noch verschmälert werden müsste, steht hier der Wille einer Vervollständigung des historischen Ensembles über den städtebaulichen Anforderungen – zumindest zum momentanen Zeitpunkt.

Das_Nationale_Freiheits_und_Einheitsdenkmal

Die „Bürgerwippe“, die als wippende Schüssel vor dem Eosanderportal den Mut und die Zivilcourage der DDR-Bürger zur Einheit würdigen sollte, war nach einer voraussichtlichen Kostensteigerung von elf auf 14,6 Millionen Euro eigentlich schon vom Tisch und die Befürworter der Rekonstruktion eines Gesamtensembles konnten abermals neue Hoffnung schöpfen.
Für viele bedeutet die Rekonstruktion des Kaiser-Wilhelm Denkmals mitsamt der Kolonnaden nicht nur die Heilung der historischen Mitte Berlins, sondern eine umfassende Wiederherstellung des geschichtlichen Kontextes. Die Architektur der Kolonnaden wurde zwar nicht mit dem Eosanderportal gemeinsam geplant, aber in Stil und Anordnung exakt darauf ausgerichtet und ist daher für viele Befürworter mit der Schlossarchitektur untrennbar verbunden. Und nun soll doch (wieder) alles ganz anders kommen: Erst im Februar dieses Jahres wurde nach langem Hin und Her entschieden, das Einheitsdenkmal zu verwirklichen und pünktlich zum 30. Jahrestag der Revolution von 1989 zu eröffnen. Die Zeichen stehen abermals auf ungewiss, forderten Promis doch bereits 1998 in einem offenen Brief zum zehnten Jahrestag der Revolution ein Einheitsdenkmal zu errichten. Das Projekt wurde bereits vor fast zehn Jahren genehmigt, aber bisher nicht verwirklicht. Etwas süffisant könnte man es mit den damals von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften im Osten“ vergleichen: Die Jahre sind ins Land gezogen, aber der Osten wartet noch immer darauf.

Wenn weiterhin alle Terminpläne ohne größere Verzögerungen eingehalten werden können, wird mit dem 14. September 2019 nicht nur die Mitte Berlins wiederhergestellt sein, sondern auch ein Stück deutscher Geschichte wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren.
Um sich auch als Nichtberliner ein Bild des aktuellen Baufortschrittes (letzter Stand: März 2017) machen zu können, folgt abschließend ein kurzer Zeitrafferfilm.

Ist es nun eine Rekonstruktion des Stadtschlosses unter einem anderen Namen, um das Bauvorhaben in unserer heutigen Zeit zu legitimieren, oder doch etwas gänzlich Neues? Oder wird es erst mit einem Kaiser oder König zu einem echten Schloss und ist somit als Museumsneubau zu sehen?
Das Schloss wird mit modernen Materialien erbaut, aber ein historisches Antlitz erhalten. Aber ist das überhaupt noch zeitgemäß oder läuft man hier einem geschichtlichen Versäumnis hinterher, das sowieso durch keine Maßnahme mehr wettzumachen ist?
Wie weit soll eine Rekonstruktion gehen und wo hört diese auf? Ist mit den Fassaden schon alles erledigt, oder gehört dazu doch noch viel mehr? Vielleicht ein Neptunbrunnen, ein Nationaldenkmal mitsamt den Kolonnaden oder sogar ein Nachbau der künstlerisch gestalteten Innenräume?
Wie ist deine Meinung dazu? Bin wie immer auf eure zahlreichen Antworten gespannt und verbleibe wieder bis zum nächsten Mal auf Facebook oder hier in den Kommentaren.

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Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Stadtschloss_1920er.jpg, https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/mzIHZvnQk00C422AeCIaw/c85c61529475fc4ce40fe45edea39375/SHF_Portal3_Foto_Stephan_Falk_300916.jpg Copyright SHF/Humboldt Forum (10.04.2017, 21:54) – Gegenüberstellung altes Stadtschloss und neues Humboldt-Forum im Bau. (Bild wurde in Photoshop bearbeitet).

 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_II_300f.jpg (10.04.2017, 22:10) – Bild von Friedrich II. aus dem Buch „Geschichtsbilder“ von 1896 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dom_Berlin_Stadtschlossminiatur.jpg (10.04.2017, 22:15) – Miniaturmodell des Berliner Stadtschlosses während der Rennaissance (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stadtschloss_schlueterhof_1.jpg (10.04.2017, 22:17) – Gemälde des Schlüterhofes von Eduard Gärtner (1801-1877) – Öl auf Leinwand (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Stadtschloss.jpg (10.04.2017, 22:26) – Bild des Berliner Schlosses mit der Schloßfreiheit nach 1853 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Stadtschloss_1920er.jpg (10.04.2017, 22:29) – Postkarte des Berliner Stadtschlosses aus den 1920er Jahren (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/ wiki/File:Berlin_Nationaldenkmal_Kaiser_Wilhelm_1900.jpg (10.04.2017, 22:30)  Originalquelle: Album von Berlin; Globus Verlag, Berlin 1904. – Das Kaiser Wilhelm I. Nationaldenkmal (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fotothek_df_pk_0000180_048.jpg (10.04.2017, 22:34) – Ruine des Stadtschlosses Berlin. (Originaltitel: Auf Berliner Straßen. Zwischen 1945 und 1946. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Fotograph: Abraham Pisarek. ID-Nr.: df_pk_0000180_048)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0402-003,_Berlin,_Palast_der_Republik,_Bau.jpg (10.04.2017, 22:38) – Bau des Palast der Republik. (Fotograph: Peter Heinz Junge.) Bild wurde am 2. April 1975 aufgenommen (Bildgröße in Photoshop angepasst). ID-Nr.: ADN-ZB Junge 2.4.75     bzw.     Bild 183-P0402-003)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palast_der_Republik_%E2%80%93_detail.jpg (10.04.2017, 22:43) – Entkernung des Palastes der Republik (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stoppt_den_Palastabriss_Koenig_140106.JPG (10.04.2017, 22:46) – Protestaktion gegen den Abriss des Palastes der Republik am 14. Jänner 2006 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_palast_der_republik_rueckbau_schlossplatz_2008_04_24.jpg (10.04.2017, 23:00) Abriss Palast der Republik. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Autor: Sir James
https://www.google.at/maps/place/Schloss+Berlin/@52.5171677,13.4004538,17z/data=!4m5!3m4!1s0x47a851df1aff53eb:0x7c1c9f9055789ad1!8m2!3d52.5171366!4d13.4014, https://imgur.com/JRkl0ZY, https://i.imgur.com/e1vMzCV.jpg, https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Schloss#/media/File:Mittlere-berliner-spreeinsel.png (11.04.2017, 00:01) – Karte von Berlin mit dem alten Stadtschloss, dem Palast der Republik und dem neuen Humboldt-Forum.(Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://miesmagazin.files.wordpress.com/2016/03/img_6498.jpg (11.04.2017, 00:06) – Bau des Schloss Berlin – Fassaden (Bildgröße in Photoshop angepasst). (Der Dank gilt Arian vom Mies.Magazin (www.miesmagazin.tv) der mir freundlicherweise dieses Bild zur freien Verfügung gestellt hat.
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/6v1nnJT9XUeCoAG424Ue0G/1ddc5d8891b5bbda485dc145720ac704/Ostfassade.jpg (11.04.2017, 00:10) – Grafik der Süd-Ostfassade des zukünftigen Humboldt-Forums. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/6pEYznkj4ccQ8M6OUCQeOS/8bc756b6e983a60617b85f5a876d0173/SHF_Eckkartusche_Foto_Marco_Urban.jpg (11.04.2017, 00:15) – Eckkartusche. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright SHF / Marco Urban
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/t9bS6dlXtAAogmuWoe8sI/a128dfa23c7ed47f1f031656c98e7c11/20140324_HUF_HSA_foyer_bild1-tag.jpg (11.04.2017, 00:17) – Grafik des zukünftigen Foyes. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/2rYBGXwO1GYsIyyK8omCII/eaa6be530b3aec5dfa7ef7c3a2bc598d/SHF_Passage_Foto_Stephan_Falk_270916.jpg (11.04.2017, 00:19) – Blick in den Durchgang zwischen Breite Straße und Lustgarten. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright SHF / Stephan Falk
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/NO9GzwIT4GeWiCaQ8QqWI/b202cfb5745dc7a83c96b63444cbb6aa/20150107Schluterhof.jpg (11.04.2017, 00:22) – Grafik des zukünftigen Schlüterhofes während einer Veranstaltung (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/PiOLHJpReuk2oQai0EY08/a46aeb8f9e8af70a6683a299bc55d5cd/SHF_Einbau_Hermen_PT5_Foto_Stephan_Falk_20161121_DSC0408.jpg (11.04.2017, 00:24) – Einbau Hermen am Portal V. (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright SHF / Stephan Falk
https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsratsgeb%C3%A4ude#/media/File:State_Council_building_in_Berlin.jpg (11.04.2017, 00:26) – Blick auf die Fassade des Staatsratsgebäudes mit dem Eosanderportal (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: BY-SA 3.0
https://images.contentful.com/74pdx9dpsku1/NO9GzwIT4GeWiCaQ8QqWI/b202cfb5745dc7a83c96b63444cbb6aa/20150107Schluterhof.jpg (11.04.2017, 00:30) – Modell des Humboldt Forums im Berliner Schloss (Bildgröße in Photoshop angepasst). Fototgraph: Jean-Pierre Dalbéra.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_-_Neptunbrunnen_-_um_1900.jpg (11.04.2017, 00:33) – Neptunbrunnen vor dem alten Standort, dem Berliner Schloss (Bildgröße in Photoshop angepasst). ID-Nr.: LC-DIG-ppmsca-00334
https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheits-_und_Einheitsdenkmal#/media/File:Das_Nationale_Freiheits_und_Einheitsdenkmal.jpg (11.04.2017, 00:36) – Grafik des überarbeiteten Freiheitsdenkmals vor dem Berliner Schloss (Bildgröße in Photoshop angepasst). Copyright: BY-SA 3.0
 
Berliner Zeitung: Kurzer geschichtlicher Überblick zum Stadtschloss Berlin. (11.04.2017, 00:45) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Palast der Republik. (11.04.2017, 00:46) – Deutsch
Rbb-Online: Artikel zur Idee das Kaiser-Wilhelm I. Denkmal mit den Kolonnaden zu Rekonstruieren, nachdem das Einheitsdenkmal (angeblich) gescheitert war. (11.04.2017, 00:48) – Deutsch
Youtube-Mothersdirt: Zeitrafferfilm über den Bau des Berliner Schlosses (Stand März 2017). (11.04.2017, 00:50) – Deutsch
Welt.de: Artikel von 2010, als die Wiederaufbaupläne vorerst gescheitert waren. (11.04.2017, 00:52) – Deutsch
Berliner-Zeitung: Bericht zur Rekonstruktion der Barockfassaden und Zierelemente. Copyright: 2017 (11.04.2017, 00:53) – Deutsch
Welt.de: Artikel aus dem Jahre 2010 über die Pläne, den Baustart des Schlosses um mehrere Jahre zu verschieben (11.04.2017, 00:55) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zur Schloßfreiheit. (11.04.2017, 00:57) – Deutsch
Youtube.com: Kurzer Bericht über die Diskussion um die zukünftige Platzgestaltung vor dem Humboldt-Forum. (11.04.2017, 00:58) – Deutsch
Skyscrapercity.com: Gutes Diskussionsforum zum Bau des neuen Schloss Berlin als Humboldt-Forum. (11.04.2017, 01:00) – Deutsch
Berliner Schloss.de: Die „Bundeswippe“ kommt doch! (Artikel aus 2017) (11.04.2017, 01:02) – Deutsch
Berliner Extrablatt Nr. 86 (11.04.2017, 01:03) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Staatsratsgebäude mit dem Eosanderportal. (11.04.2017, 01:03) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. (11.04.2017, 01:04) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Berliner Schloss. (11.04.2017, 01:05) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Humboldtforum. (11.04.2017, 01:05) – Deutsch
Berliner Seiten: Neuer Inhalt im historischen Gewand. (11.04.2017, 01:08) – Deutsch

Die unendliche Katastrophe von Bhopal

Wir schreiben die Nacht zum 3. Dezember 1984: In der Chemiefabrik der Union Carbide im indischen Bhopal kommt es aufgrund technischer Mängel infolge massiver Kosteneinsparungen zur größten Chemiekatastrophe aller Zeiten. Binnen zwei Stunden breitete sich über die Millionenstadt eine Decke aus Giftgas aus, die innerhalb der ersten 48 Stunden Tausende Todesopfer fordert. Der Chemiekonzern hat sich anschließend aus der Verantwortung zurückgezogen und hinterließ Krankheit und Elend in der Bevölkerung.
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Bhopal, die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Madhya Pradesh war ein idealer Produktionsstandort für das indische Tochterunternehmen der amerikanischen Pestizidfabrik Union Carbide: Umweltstandards waren kaum vorhanden, Arbeiter als Tagelöhner gab es genug in den benachbarten Slums und staatliche Sicherheitsstandards galten im internationalen Vergleich als besonders niedrig. P. M. Butsch, einstiger Stadtplaner von Bhopal legte fest, dass giftige Industrien weit nordöstlich der Stadt zu platzieren seien, um Bewohner im Stadtzentrum im Falle eines Unfalls zu schützen. Das zuständige Management hatte enge verwandtschaftliche und freundschaftliche Kontakte zur Regierung und überging aus wirtschaftlichem Interesse seinen Ratschlag. P. M. Butsch wurde daraufhin strafversetzt und die Union Carbide durfte in der Stadt bauen. 1969 wurde die Produktion auf einem rund 35 Hektar großen Gelände, nur unweit der Bahnstrecke und den angrenzenden Slums errichtet.

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Ab 1977 hatte der Konzern nur etwa 2.500 Tonnen des Schädlingsbekämpfungsmittels Sevin produziert, obwohl die Anlage für eine Produktion von bis zu 5.000 Tonnen ausgelegt war. Da die Nachfrage in Indien Anfang der 80er Jahre stark rückläufig war, versuchte man über Kostensenkungen die Anlage weiterhin rentabel zu betreiben. Längere Wartungsintervalle, die Verwendung billiger Ersatzteile (Stahl statt Aluminium), Einsparung im Personalbereich, indem sukzessive Fachleute durch Hilfsarbeiter ersetzt wurden und zuletzt die Entsorgung der giftigen Chemikalien in Mulden der unmittelbaren Umgebung sorgten dazu, dass das Grundwasser stark mit krebserregenden Giftstoffen angereichert wurde und es zu mehreren gravierenden Zwischenfällen mit Verletzten und sogar Toten kam. Sogar eine Schließung der Fabrik wurde in Erwägung gezogen.

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1984 geschah das Undenkbare: Kurz nach Mitternacht des 3. Dezember entdeckte ein Kontrolleur ein Gasleck in einer der Anlagen und meldete dies der Leitstelle. Das Leck, das sich im Bereich mit den gefährlichsten Chemikalien der Anlage befand, wurde umgehend untersucht. Neben Phosgen, das im 1. Weltkrieg als chemische Waffe zum Einsatz kam, lagerte dort in riesigen unterirdischen Tanks der Pestizidbestandteil MIC. Aus einen der Rohre trat Gas aus, aber kleine Lecks und Störungen in der 15 Jahre alten Anlage gehörten mittlerweile zum Alltag. Da auch die Messinstrumente keine besorgniserregenden Druckänderungen in den Tanks anzeigten, kehrte man wieder unverrichteter Arbeit zurück zum Kontrollraum. Innerhalb weniger Minuten erfolgte ein zweiter Anruf. Die Überprüfung der Messinstrumente zeigte, dass der Druck in einem der MIC-Tanks innerhalb kurzer Zeit ins unermessliche gestiegen war. Um 20 Minuten nach Mitternacht eilten Arbeiter in den Lagerbereich, um den Grund für den plötzlichen Druckanstieg zu eruieren. Doch da war es bereits zu spät: Durch eine chemische Reaktion des MICs mit in den Tank eingedrungenem Wasser, ging das Flüssiggas in den gasförmigen Aggregatzustand über, erhitze sich und dehnte sich schlagartig aus. Der dicke Betonmantel um den Tank begann stark zu vibrieren und bekam Risse, bis das Sicherheitsventil dem Druck nachgab und das Gas unkontrolliert in das Röhrensystem der Anlage strömte.

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Zehn Minuten später läutete man die ersten Notfallmaßnahmen ein: Ein Gaswäscher sollte das austretende Gas neutralisieren. Aber infolge massiver Kosteneinsparungen war dieser seit einiger Zeit ausgeschalten und somit funktionsunfähig. Da MIC leicht entzündlich ist, sollte das Gas an einem weiteren Sicherheitssystem, einer Gasfackel vorbeiströmen. Da nur wenige Tage vor dem Unglück infolge von notwendig gewordenen Reparaturarbeiten ein rostiges Rohr ausgebaut wurde und seither nicht ersetzt worden war, strömte das Gas auch daran ungehindert vorbei und entwich in den Nachthimmel Bhopals. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit, um die Bevölkerung Bhopals vor dem Gifttod zu bewahren: Mit Wasser das austretende Gas binden, bevor es die angrenzenden Wohnviertel der Metropole erreicht. Doch auch das allerletzte Sicherheitssystem konnte das Unglück nicht mehr abwenden. Da der Wasserstrahl der Sprinkleranlagen um den Auslass zu schwach war und somit das ausströmende Gas am oberen Schlotende nicht erreichte, traten 25-40 Tonnen MIC unter hohem Druck ungehindert in die Atmosphäre und legten sich wegen der höheren Masse als Luft wie ein todbringendes Tuch über die schlafende Stadt.

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Direkt neben der Fabrik der Union Carbide lagen bereits die ersten Wohnhäuser der 500.000 Einwohner zählenden Stadt, die infolge eines Südwestwindes als Erstes vom tödlichen Nebel erfasst wurden. Hustend und nach Luft ringend erwachten die Bewohner. Panik machte sich breit. Groß und Klein, Jung und Alt strömten in alle Richtungen der Stadt, um das nächstgelegene Krankenhaus zu erreichen. Die Menschen erbrachen, husteten oder kollabierten und viele starben noch auf der Straße. Hinzu kam, dass es durch die Einsparungen der vergangenen Jahre keinen Katastrophenschutzplan gab und somit viele Menschen in ihrer Unwissenheit direkt in die hochverdichtete weiße Gaswolke liefen. Die Ärzte in den anliegenden Krankenhäusern waren mit der Situation und dem plötzlichen Ansturm von derart vielen Patienten völlig überfordert. Dazu fehlten genauere Informationen, um welche Art von Gas es sich handelte und wie den Opfern geholfen werden kann. Innerhalb von nur zwei Stunden breitete sich das MIC auf einer Fläche von 65 eng besiedelten Quadratkilometern aus. In der Stadt herrschten apokalyptische Zustände.

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Was ist MIC? MIC steht für Methylisocyanat und ist eine stark reaktive chemische Verbindung. Diese flüchtige und farblose Flüssigkeit weist in hoher Konzentration einen stechenden Geruch auf und ist stark tränenerregend. Es ist ab einer Temperatur von -7 °C leicht entflammbar und geht ab einer Temperatur von 38 °C in den gasförmigen Zustand über. Da MIC schwerer als Luft ist, legte es sich wie ein Leichentuch über die schlafende Stadt und tötete vorrangig Personen, die sich in Bodennähe aufhielten. Methylisocyanat verursacht schwere Verätzungen der Schleimhäute, Augen und Lungen. Darüber hinaus wurde in Bhopal überraschenderweise festgestellt, dass besonders viele Opfer starke Verätzungen der inneren Organe aufwiesen. MIC reagierte mit dem körpereigenen Wasser der Opfer und drückte Blut in die Lungenbläschen. Viele ertranken qualvoll an den eigenen Körperflüssigkeiten.

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Am Tag nach dem Unglück verflüchtigte sich das Gas über der Stadt und das ganze Ausmaß des Unglücks wurde sichtbar: In der Nacht vom zweiten auf den dritten Dezember 1984 starben vermutlich mehr als 3.000 Personen am ausströmenden MIC und mehr als 300.000 erleiden qualvolle Schmerzen. Noch am selben Tag beauftragte die indische Regierung die Sicherung des Fabrikgeländes und die Frage zu klären, ob womöglich noch weiteres Gas ausströmen könnte. Es bewahrheitete sich die schlimmste Befürchtung! Da aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln die Produktion zeitweise eingestellt wurde und sich der Betrieb der Anlage auf Erhaltungsarbeiten beschränkte, lagerten in den unterirdischen Tanks noch riesige Mengen an unaufbereitetem MIC. Im Unglückstank Nr. 610 lag der Füllstand zuvor bei 75 %, obwohl die empfohlene Menge lediglich 50 % beträgt. Insgesamt verdampften in der Unglücksnacht mehr als 40 Tonnen MIC! Doch der Schrecken war noch nicht vorbei: Im Tank Nr. 611 lagerten weitere 30-35 Tonnen des tödlichen Gases!

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Die Frage war: Wenn Gas aus dem Tank Nr. 610 entwich, kann das auch bei dem anderen Tank passieren? Um jegliche Gefahr auszuschließen, entwickelten die Ingenieure einen mutigen wie auch riskanten Plan. Die Idee sah vor, die Produktion in der Fabrik wieder zu starten und das verbliebene MIC innerhalb weniger Tage zu verarbeiten. Dabei konnte selbst nach ihrer Einschätzung ein neuerliches Unglück nicht ausgeschlossen werden. Manche Experten erachteten ein zweites Bhopal sogar als sehr wahrscheinlich. Die Bewohner Bhopals empfanden diesen Plan, nur wenige Tage nach dem Unglück als ungeheuerliches Vorhaben und verließen daraufhin fluchtartig die Stadt. Selbst die Kranken zogen die Flucht dem Risiko vor, sofern sie nicht bettlägerig waren. Mit meterhohen feuchten Stoffbahnen versuchte man die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, und eventuell austretendes Gas innerhalb der Anlage zu halten. Die Stadt war zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage wie ausgestorben und die wenigen Verbliebenden auf das Schlimmste vorbereitet. Es dauerte lange sieben Tage, bis das gesamte MIC zu Sevin verarbeitet werden konnte und die Bewohner in die Stadt zurückkehrten. Eine weitere Katastrophe konnte zum Glück abgewendet werden.

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Bereits wenige Tage nach dem Unglück entschloss sich Warren Anderson, der Vorstandsvorsitzende des US-amerikanischen Chemiekonzerns Union Carbide selbst nach Bhopal zu fliegen. Als die dortigen Behörden erfuhren, dass er die Verantwortung für die Fabrik trägt, ließ man ihn noch am Flughafen festnehmen – zumindest offiziell und medienwirksam. Tatsächlich brachte man ihn zum Union Carbide Gästehaus, das damals eines der schönsten Häuser Bhopals war, und ließ ihn bereits wenige Stunden später gegen eine Kaution von lediglich 18.000 Dollar frei. Noch am selben Tag trat er die Rückreise an. Viele indische Journalisten sahen darin eine Inszenierung der Regierung. Warren Anderson lebte bis zu seinem Tod im Jahre 2014 auf Long Island bei New York (USA) und wurde nie für die Katastrophe zur Verantwortung gezogen. Viele der Opfer sehen in ihm bis zum heutigen Tag einen Massenmörder, der für den Profit leichtfertig Zehntausende Todesopfer in Kauf nahm.

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Viele der Opfer wurden nach einem vergleichbar kurzen Krankenhausaufenthalt wieder entlassen. Meist lautete die Diagnose in den Krankenakten „Pneumonitis“ – Lungenentzündung. In Klammern wurde dann noch „dem Gas ausgesetzt“ beigefügt. Am Ende des Dokuments wurde das Wort „Improved“ angefügt.  Diese „Gebesserten“ fühlten sich oftmals zu schwach, um eigenständig vom Krankenhaus zurück nach Hause zu gehen! Hatten sie den Rückweg doch geschafft, konnten sie sich oft vor Schmerzen die nächsten drei Tage nicht mehr vom Bett erheben. Wirksame Medikamente für eine adäquate Nachbehandlung wurden nur selten oder in unzureichenden Mengen mitgegeben. Für die Behörden erhöhte jeder weitere akzeptierte Langzeitpatient den Druck, das Ausmaß der Krankheiten öffentlich zugeben zu müssen. Um die Auswirkungen vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu verbergen, wurde nur wenige Tage nach dem Unglück die Meldung, 1.064 Personen seien aufgrund des ausgetretenen MIC erblindet, dementiert. Der Regierung von Madhja Pradesh zufolge handelte es sich in all diesen Fällen nur um „vorübergehende Sehverluste“, aber keinesfalls um langfristige Schäden. Auch der Leiter des staatlichen Hamidia-Hospitals, Professor N. R. Bhandari konnte sich die vielen Haut-, Magen-, Leber- und Milzschmerzen nicht erklären. Der Chef des Krankenhauses, in dem mehr als 80.000 Gasopfer behandelt wurden, meinte: „Die Armen schieben alles aufs Gas!“

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Welches skandalöse Verhalten die Behörden von Bhopal an den Tag legten und wie gering die gesicherten Fakten selbst nach mehr als 30 Jahren sind, zeigte sich im Fall eines Medikaments mit Natriumthiosulfat. Dieses Mittel wurde damals kurz nach dem Unglück von Bhopal von US-Experten der Union Carbide als wirksames Behandlungsmittel gegen die Krankheitssymptome empfohlen. Da sich die Firmenleitung in Bhopal zum damaligen Zeitpunkt mit der US-Führung geeinigt hatte, dass es sich beim ausgetretenen Gas um MIC handelte, machte die Empfehlung keinen Sinn mehr, da das Mittel bei Vergiftungen mit Cyanid, einer tödlichen Blausäure eingesetzt wird. Ein interessanter Fakt, da erste Untersuchungen zeigten, dass beim Unglück womöglich auch Cyanid eine Rolle spielte und sich im Körper infolge des Kontakts, etwa mit Schwefel, zu einem Giftcocktail verwandelte. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine erste Sendung des Medikaments nach Bhopal unterwegs, die anschließend verschwand. Jüngere Ärzte glauben auch zu wissen wie: Sie vermuten, dass das Behandlungsmittel vorrangig an Minister und die elitäre Bevölkerung verteilt wurde.

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 Besonders die Slums, in denen sich die Armenhäuser wie an einer Perlenkette aneinanderreihen, eingepfercht zwischen den Werksmauern der Union Carbide und dem Bahndamm, traf es am schnellsten und schwersten. Dort hausen die ärmsten der Armen, vorwiegend Moslems, Personen der niedrigsten Kaste und die keiner Kaste zugeordneten Unberührbaren, denen man höchstens das Leben im Dreck und den Fäkalien zugesteht. Ein Job in der Düngemittelfabrik galt für viele als hohes Gut, oftmals die einzige Möglichkeit die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen und den Kindern eine Zukunft außerhalb der Slums zu ermöglichen. Ihnen blieben die zahlreichen Missstände, die sich selbst im toxischen Trinkwasser vor der eigenen Armenhütte zeigten, nicht verborgen. Viele wussten über die zahlreichen Mängel der Fabrik und befürchteten schon seit längerer Zeit einen chemischen Super-GAU.

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Während Warren Anderson bis zuletzt auf die These beharrte, ein unzufriedener Mitarbeiter hätte die Anlage sabotiert und somit absichtlich das Wasser dem hochreaktiven MIC zugeführt, gingen unabhängige Experten davon aus, dass das Unglück auf von Menschen herbeigeführte technische Fehler zurückzuführen sei. Einer unabhängigen Expertenkommission wurde weder vonseiten der indischen Regierung ein Arbeitsvisum erteilt, noch von Union Carbide der Zutritt zum Werksgelände erlaubt. Somit konnte das Unglück bis heute nicht restlos aufgeklärt werden. Aufzeichnungen und Befragungen von in der Unglücksnacht tätigen Arbeitern legen die Vermutung nahe, dass in der Nacht während einer Leitungsspülung einer chemischen Aufbereitungsanlage unbemerkt größere Mengen Wasser mit MIC in Verbindung kam. Dieses begann anschließend mit explosiver Kraft zu kochen und wechselte infolge eines Temperaturanstiegs in den gasförmigen Aggregatzustand. Eigentlich hätte Wasser niemals mit dem gefährlichen MIC in Verbindung kommen dürfen, da im Normalfall die Wasser und MIC-Leitung voneinander getrennt zu führen sind. Um dennoch bei einer Zweifachnutzung der Leitungen ein solches Unglück zu verhindern, hätte zwischen den Rohren eine einfache Steckscheibe wie hier im Bild, genügt. Doch diese fehlte in der besagten Nacht. Da einfachste Sicherheitsmechanismen entweder fehlten oder abgeschalten waren, blieb dieser chemische Vorgang bis zum kritischen Punkt unbemerkt. Aber selbst die Frage, ob es sich bei dem ausgetretenen Gas „nur“ um MIC handelte, oder womöglich auch andere chemische Verbindungen im Spiel waren, konnte bis heute nicht gänzlich bewiesen werden.

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Schon kurz nach dem Unglück begann das Feilschen um die Opferzahlen und somit die Registrierung der Verletzten und Toten. Die Landesregierung des Staates Madhja Pradesh gab zunächst die Opferzahl mit 1.400 an, eine Zahl über die sich selbst die Zentralregierung wunderte und ihrerseits die Zahl von 2.500 bereits kurz nach der Todesnacht nicht mehr dementierte. Heute gehen Schätzungen unabhängiger Experten von 5.000 bis 10.000 Opfer aus, die unmittelbar oder innerhalb weniger Tage zu Tode kamen. Viele Personen flohen damals in Panik und bereits schwer gezeichnet in andere Städte und verstarben dort oder wurden auf Ladeflächen von Lastfahrzeugen geladen und in anonyme Massengräber beerdigt. Da die Beweislage oftmals unzureichend ist, es keinen Totenschein gibt, die Bestätigung eines Leichenschauhauses fehlte oder Opfer aus anderen Gründen nicht anerkannt wurden, blieb vielen jegliche Entschädigungszahlung verwehrt.

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Erst fünf Jahre nach der Katastrophe stimmte die Union Carbide America einer Entschädigungszahlung in der Höhe von 470 Millionen Dollar zu. Das entspricht etwa 500 Dollar für jeden Verletzten und 1.100 Dollar für jedes Todesopfer. In Anbetracht eines erwirtschafteten Jahresumsatz von etwa neun Milliarden Dollar kam damit der Konzern sehr glimpflich davon, zumal ein Passus die Forderung zukünftiger Entschädigungszahlungen im Vorhinein ausschließt. Im Jahre 2010 wurden ehemalige Manager der indischen Tochterfirma Union Carbide wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von lediglich je 2.000 Dollar verurteilt.

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Selbst mehr als 30 Jahre nach dem Unglück scheint die Stadt Bhopal nicht wieder zum gewohnten Leben zurückgefunden zu haben. Zu groß sind Not, Angst und Krankheit. Die Fehlgeburtenrate ist um einiges höher als im indischen Durchschnitt und besonders viele Kinder kommen mit Fehlbildungen zur Welt: Ohne Beine, ohne Hände, ohne Augen, … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. In den Jahren nach dem Unglück, starben nach Schätzungen der indischen Regierung weitere 15.000-25.000 Menschen an den Folgen des ausgetretenen Gases und mehr als 150.000 leiden bis heute an massiven Gesundheitsschäden. Die Beschwerden umfassen Erblindung, Atembeschwerden, Krebserkrankungen, Hirnschädigungen und schwere Organschäden sowie Missbildungen bei Neugeborenen. Selbst mehr als 30 Jahre danach stirbt jede Woche zumindest eine Person an den Spätfolgen des größten Chemieunfalls der Geschichte. Zuvor gesunde Männer, die tagtäglich in der Fabrik Schwerarbeit verrichteten, waren bereits kurz nach der Katastrophe zu schwach, um beispielsweise ein Fahrrad über einen kleinen Hang zu schieben. Nicht wenige sehen in den Toten des dritten Dezembers die Glückseligen, die Überlebenden als die wahren Opfer.

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2001 wurde die Union Carbide vom US-amerikanischen Chemieriesen DOW übernommen. Geändert hat sich seither nichts! Trotz zahlreicher Versprechen, die Umgebung von den hochgiftigen Altlasten zu befreien, rostet die Anlage weiterhin vor sich hin und sickern ungehindert Unmengen an austretende Chemikalien ins Grundwasser. Einer Studie des indischen Instituts für toxische Studien bestätigte, dass sich weiterhin rund 8.000 Tonnen Giftmüll auf dem ehemaligen Gelände der Union Carbide befinden. Obwohl einer Schweizer Expertenkommission zufolge die Reinigung und der Rückbau des gesamten Areals lediglich rund 30 Millionen Euro kosten würde und sich die indische Regierung vor Jahren bereit erklärte die Sache selbst in die Hand zu nehmen, hat sich bis heute am Status quo nichts geändert.

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Viele der Opfer sehen in den täglichen Qualen nur noch einen Antrieb: Die Verantwortlichen des Unglücks zur Rechenschaft zu ziehen. Teilerfolge gibt es sogar zu verbuchen, wenn auch die Ziele über die Jahre bescheidener wurden. So gibt es seit 2014 einmal alle zwei Tage für eine halbe Stunde Zugang zu sauberem Trinkwasser in den Slums. Mittlerweile fordert die Zentralregierung von Delhi unter dem Druck von Menschenrechtsaktivisten, zusätzliche 1,2 Milliarden Dollar an Entschädigungszahlungen von den USA. Dieser Rechtsstreit wird vermutlich noch Jahre dauern – Ausgang ungewiss.

Erst vor wenigen Wochen erlebten wir in Deutschland die Gefahr, die von großen Chemiekonzernen ausgeht, als drei Arbeiter bei BASF infolge einer Explosion starben. Wie realistisch ist nun die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Bhopals und wie können wir uns im Ernstfall schützen? Was können wir (Deutschland) aus 1984 lernen und besser machen? Nach der Bhopal-Katastrophe gab es kaum Unterstützung für die vielen Opfer und die Fabrikruinen sind selbst 30 Jahre nach dem Unglück noch tickende Zeitbomben: Welche Chancen siehst du für die Zukunft der Opfer und deren Nachfahren? Wie und was hätte Union Carbide, DOW und die Behörden anders machen sollen bzw. was würde bei einer Katastrophe dieser Größenordnung in Deutschland anders/besser ablaufen? Sind wir überhaupt darauf vorbereitet, oder sind die Anlagen heutzutage sicher genug, dass ein Unglück dieser Größenordnung auszuschließen sei? Deine Meinung – wie immer ab in die Kommentare!


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Weiterführende Links:
Srf: Artikel, Fotostrecke und Video-Clips zum Unglück von 1984. (05.11.2016, 07:52) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Unglück von Bhopal. (05.11.2016, 07:53) – Deutsch
Spiegel-Online: Fotostrecke zum Bhopal Unglück. (05.11.2016, 07:54) – Deutsch
The Toronto Star: Ausführlicher Artikel zu den Hintergründen und Ursachen der Katastrophe und dem Leben der Bewohner. Inklusive beeindruckender 360° Aufnahmen aus den Fabrikruinen. (05.11.2016, 07:56) – Englisch
India Environmental Portal.org: Eigene Seite mit (fast) allen Infos zum Unglück vor und nach 1984. Inklusiver Berichte der Opfer und erklärender Grafiken. (05.11.2016, 07:59) – Englisch
Spiegel-Online: Bericht zum Bhopal-Unglück aus dem Jahre 1985. Mit dem Stand der Ermittlungen und Mutmaßungen von damals. (05.11.2016, 08:01) – Deutsch

Quellenangaben:
Titelbild: http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0014.jpg (05.11.2016, 00:09) – Erblindeter Mann infolge des Gasunglücks von Bhopal. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen.

 

http://www.indiaenvironmentportal.org.in/media/iep/infographics/Bhopal%20Gas%20Disaster/images/hot_spot.jpg (05.11.2016, 00:11) – Karte der Fabrikanlage von union Carbide; Kartenmaterial stammt von Google.maps (Bearbeitung beider Karten mit Photoshop).
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14705037464/in/album-72157645812162402/ (05.11.2016, 00:16) – Safety First – Warnung in der Pestizidfabrik von Bhopal (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14119398488/in/photolist-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-7tKnXA-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-7tFqvk-632FGs-7tDYgZ-aKJnkX-7tKobh-65A2Ty-7tHVME-7tFqLt-7tDYmD-FDiJMZ-65A5P5-7tKo2Y-62Xks2-cRjKTE-fuZ8Cz-65vAJ2-62XqS8-7tFqfi-5SEbhX-7tDYbF-7tDYek-632Cps-65A6Eo-7tKo7s-7tDYsz-7tFqEZ-7tFq88-kL4oWx-qSCSHH-nN9A7b-nvGMpp-kMQgZS-nvFp6M-nvJVWb-rPqRtz-nvJWz5-DyM37 (05.11.2016, 00:18) – Union Carbide Fabrik in Bhopal im Jahre 1985 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/83d1693652.gif (05.11.2016, 00:20) – Grafik der Sicherheitssysteme, die das Unglück 1984 hätten verhindern können (Bildgröße in Photoshop angepasst). Vielen Dank an Bhopal.org!
Bild von Bhopal.org mit Erlaubnis zur Verfügung gestellt (05.11.2016, 00:27) – Mehrere Schwerverletzte in weiße Tücher gewickelt. (Bildgröße in Photoshop angepasst) Vielen Dank an Bhopal.org
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0014.jpg (05.11.2016, 00:30) – Erblindeter Mann infolge des Gasunglücks von Bhopal. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a2/Bhopal_Plant_7.JPG (05.11.2016, 00:33) – Tank Nr. 610. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/dalbera/16944288732/in/photolist-rPiUHb-DyLUn-62Xsaz-DyLWB-DyLw9-7tDY52-632C4f-nN7WzE-632zTN-DyLsV-62XpGz-DyLe7-65zTxu-DyLk6-62XsEx-DyLHG-7tKnUf-7tHVYo-632yUL-DyLhf-7tFqGv-632Dxf-632yAA-DyLMP-aKJmQz-nvHABS-nN9BWd-nN3sso-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-5SEbhX-7tKnXA-DyLRL-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-sjPpug-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-DyLQq-7tFqvk-632FGs-DyLyY-DyLbM-7tDYgZ (05.11.2016, 00:39) – Mann vor seiner Hütte in einem Slum von Bhopal. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/Bhopal_Gas_Warren_Anderson.jpg (05.11.2016, 00:41) – Warren Anderson vor einer Gruppe protestierender Inder. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://ndsharma.files.wordpress.com/2011/12/bhopalgas11.jpg (05.11.2016, 00:43) – Blinder Mann mit Kinder. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0007.jpg (05.11.2016, 00:45) – Opfer des Bhopal-Unglücks auf der Straße sitzend. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14305405224/in/photolist-nN7WzE-DyLsV-DyLe7-DyLk6-DyLHG-rPiUHb-DyLhf-DyLMP-62Xsaz-7tDY52-632C4f-632zTN-62XpGz-65zTxu-62XsEx-7tKnUf-7tHVYo-632yUL-7tFqGv-632Dxf-632yAA-aKJmQz-DyLRL-DyLQq-DyLyY-DyLbM-nvHABS-nN9BWd-nN3sso-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-5SEbhX-7tKnXA-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-sjPpug-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-7tFqvk-632FGs-7tDYgZ-7L1b2L-aKJnkX-7tKobh (05.11.2016, 00:48) – Alltagsszene aus einem Slum Bhopals. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.youtube.com/watch?v=7B4BiFeBKuQ (05.11.2016, 00:51) – Fehlende „Steckscheibe“: Abbildung aus der Dokumentation „51 – Sekunden vor dem Unglück – Der Chemie-Supergau von Bhopal.“ (Bildgröße in Photoshop angepasst)
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0009.jpg (05.11.2016, 00:55) – Opfer des Gasunglücks werden abtransportiert. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/dalbera/16325581883/in/photolist-qSCSHH-7tFqBe-7hRyLA-7tDYwg-nN9A7b-nvGMpp-7hMBEg-7tFqjp-nvFp6M-7tDYBM-7tDYzZ-65vFCv-nvJVWb-65vLkX-rPqRtz-65A5nq-7tDY78-nvJWz5-7tKodf-632BFE-65A7cs-7tHVJ1-8TxDMQ-65vCqx-9QA9Au-65zXnq-65vRVB-dTSiZP-DyM37-65vDxK-4RmM5C-65A3v3-62XmUa-65A2uW-7hMBCz-65vPZc-65vNSR-65vMrt-65zZgq-65A6Wh-65vG6i-boppu4-7tDYqt-kMQgZS-7tHVrW-65A7Xd-4RmMLA-dpsDm9-4RmM2G-65A8LL (05.11.2016, 00:57) – Graffiti auf der Fabriksmauer von Union Carbide / DOW. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bhopal_plant?uselang=de#/media/File:Bhopal_Plant_5.JPG (05.11.2016, 01:00) – Verlassenes Fabriksgelände von Bhopal. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bhopal_Plant_1.JPG?uselang=de (05.11.2016, 06:59) – Chemikalien im Labor der verlassenen Fabrik in Bhopal. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14120158967/in/photolist-nvKvjF-nNb7b7-nN14fW-nL89BE-bctxFM-bcty4R-bctzn2-bctAUH-b49q8p-b49pzp-bctyDP-b49par-bctzDP-bctADz-b49oYK-bctyxD-bctyZt-b49pRD-bctyhZ-bctycF-khHwWn-mZpUF-4C3Kon-6qruBT-95FmHf-fwugza-ynSjzh-cSQuA9-bctAk4-bctA7a-bctzee-bctzKg-bctA2p-bctz5H-vxnjy4-vfm3AJ-vfpFhL-vuFKKy-vfpU7b-dc2KVr-hKBoVD-nPWY74-nMZEZd-nMSXza-8L6DEc-nL7NS9-8qrNDT-nNecji-2PhBQ8-zuiSSu (05.11.2016, 07:02) – Frühe Proteste in Bhopal gegen Union Carbide USA. (Bildgröße in Photoshop angepasst)

 

Wenn das Walt Disney wüsste…

Endlich ist es soweit: Shanghai hat seit Juni diesen Jahres ein eigenes Disneyland! Trotz aller Neuigkeit, ist ein chinesischer Themenpark mit Goofy, Mickey Maus und Donald Duck nichts Neues – existiert ein Disney-Park in Peking unter dem Namen Shijingshan Freizeitpark doch bereits seit dem Jahr 1986. Eine Welt voller Wunder in der nichts so ist wie es scheint und Urheberrechte keinerlei Gültigkeit besitzen.
Schloss Shijingshan

Im Jahr 1986, als der Shijingshan Freizeitpark (北京石景山游乐园) in Chinas Hauptstadt Peking eröffnet wurde, war dies vermutlich einer der ersten offensichtlichen Annäherungen an der westlichen Definition von Freizeitvergnügen. Um was es sich bei diesem Park nun tatsächlich handelt, weiß scheinbar trotz jahrelangem Bestehen nicht einmal der Betreiber selbst. Irgendetwas zwischen einem ganzjährigen Jahrmarkt und Disneyland des schlechten Geschmacks. Wie unverschämt man sich hierbei am Original bediente, zeigt bereits das weithin sichtbare Wahrzeichen des Freizeitparks, das Dornröschenschloss.

Schneewittchen Shijingshan

Nicht viel besser wird es, sobald man den Hauptboulevard erst einmal verlassen hat. Besonders in den Mai-Feiertagen wurden die Parkwege von einer Vielzahl von Mitarbeitern in Kostümen nachgebildeter bekannter Figuren gesäumt. Sei es Schneewittchen und die sieben Zwerge eine Frau und sieben Zwerge,

Ente im Matrosenanzug Peking 2008

Donald Duck eine Ente im Matrosenanzug neben dem Maskottchen für die olympischen Sommerspiele 2008 in Peking,

Fake Shrek

ein grüner Oger, der nicht zufällig Shrek aus dem gleichnamigen Film ist,

Fake Goofy

Goofy ein Cartoon-Hund,

Fake Doremon

ein katzenähnliches Wesen, das natürlich nichts mit der beliebten japanischen Figur Doraemon gemeinsam hat

Fake Hello Kitty

und eine weiße Katze mit einer Masche auf dem Kopf.

Epcot Shijingshan

Und was muss ein Fake-Disneyland neben all den Figuren und einem Märchenschloss noch haben? Natürlich ein Epcot Center – wenn es auch etwas kleiner ausgefallen ist, als das Original.

Shijingshan Park Touristen

Erst als 2007 ein Reporterteam von Japans Fuji TV den Shijingshan Freizeitpark besuchte, wurde dieser über Nacht einem großen Publikum außerhalb Chinas bekannt. Es waren natürlich nicht die Attraktionen, die auf den ersten Blick durchaus unterhaltsam erscheinen, sondern die Vielzahl an Urheberrechtsverletzungen die ihn berühmt machten. Bereits der Slogan „Disney ist zu weit weg, darum besuche den Shijingshan Freizeitpark“ lässt vermuten, dass Ähnlichkeiten mit den bekannten Figuren um Mickey Maus, Donald Duck und Shrek nicht nur beabsichtigt sind, sondern das Kernkonzept des Parks darstellen. Selbst der weltweit operierende Disney-Konzern wusste bis dahin nichts von der Existenz dieses Parks, obwohl dieser zum damaligen Zeitpunkt bereits beinahe 30 Jahre lang existierte.

Shijingshan verlassen

Trotz aller offensichtlichen Urheberrechtsverletzungen war die Einsicht vonseiten des stellvertretenden Geschäftsführers nicht sonderlich groß. Dieser räumte zwar ein, dass es keine Verträge zwischen Disney und dem Shijingshan Freizeitpark gäbe und die Figuren auch Ähnlichkeiten zu bekannten Vorbildern zeigten, aber bestritt vehement, dass es sich hierbei um Kopien handle. Obwohl seither nicht mehr viel über den Park berichtet wurde, zeigen aktuelle Bilder, dass Darstellungen von Mickey, Donald und Co mittlerweile mehrheitlich aus dem Park verschwunden sind, aber seither auch die Besucher ausbleiben und viele der Attraktionen völlig überaltert oder mittlerweile überhaupt geschlossen wurden.

Dumbo Ride Shijingshan

Der Eintritt beträgt heute umgerechnet 1,50€ und ist in Relation zu den Preisen eines Disneyland-Resorts fast geschenkt, müsste man nicht für jede Attraktion weitere 1.40€ – 8.00€ zahlen. Und was bekommt man dafür geboten? Wie wäre es zum Beispiel mit einem Dumbo Elefanten Karussell?

Shrek Fake

Eine Fahrt mit der Shrek King Kong Schaukel?

Bugs Bunny Shijingshan

Oder Bugs Bunny auf einem LSD-Trip? Wobei es sich hier „natürlich“ nur um einen Hasen im Frack handelt und Ähnlichkeiten zu der Figur von Looney Tunes völlig von der Hand zu weisen sind.

Dreamworld Map Laos

Betrug ist zeitlos und Geschichte wiederholt sich in regelmäßigen Abständen! Genauso ergeht es dem Disneykonzern seit das südasiatische Land Laos verkündete, innerhalb eines neuen städteplanerischen Großprojekts mit dem Namen „Thaklek Dreamworld City“ ein eigenes Disneyland namens „Disney Laos“ zu errichten. Um die geltenden Copyright-Gesetze zu umgehen, ist man sich auch in Laos keiner Ausrede zu schade. Einem offiziellen Statement zufolge sieht Somijith Aliyaphaphone, einer der Vorstandsmitglieder und Miteigentümer des zukünftigen Parks, keine Konflikte mit den bestehenden Gesetzen, da seiner Meinung zufolge der geschützte Name „Disneyland“ hier keine Verwendung findet und „Disney Laos“ auch etwas gänzlich anderes sei und die Aufmachung sowie die Namensgebung  des Parks nichts mit dem bekannten Konzern gemeinsam haben. Es darf bezweifelt werden, dass Disney seiner Auslegung des geltenden Patentschutzes folgen wird.

Schloss Disney Shanghai

Zumindest in China dürfte sich die Diskussion um Urheberrechtsverstöße weitgehend beruhigt haben, seit das offizielle Disney nicht nur Produkte im Reich der Mitte verkauft, sondern im Juni 2016 ein eigenes Disney Resort in Shanghai eröffnet hat. Damit erhofft man sich neben einem großen Geldsegen, die Marke gegen Fälschungen und Fake-Resorts zu stärken. Dass der neue Markt mitunter durchaus Schwierigkeiten bereiten kann, beweisen wohl diese Bilder.

Trotz aller offensichtlichen und umfangreichen Verstöße gegen geltende Urheber- und Markenrechte bleibt die Frage, wie man sich als Unternehmen gegen staatlich genehmigte Fälschungen entgegenstellen kann. In der Musik- und Filmindustrie wurden uns die Entwicklungen sehr deutlich gezeigt: Um Ideen und Waren zu fälschen braucht es seit vielen Jahren keine gut organisierte Banden mehr, sondern lediglich einen Computer mit Internetanschluss. Das illegale Kopieren von Musik und der Betrug am Künstler sind längst zum Massenphänomen geworden, an dem P2P-Netzwerke wie Limewire oder Torrent gut verdienen. Wie weit darf ein Staat wie im Fall des Shijingshan Freizeitparkes gehen, um das Volk zu einem leistbaren Preis zu unterhalten? Und welche Qualität darf dabei erwartet werden? Welcher Preis ist hier fair und wieviel sind wir selbst bereit zu zahlen? Deine Meinung – wie immer ab in die Kommentare!


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Weiterführende Links:
Bericht zum Freizeitpark vom japanischen Fernsehsender Fuji TV (08.08.2016, 01:18) – Japanisch, Deutsche Untertitel
Informationen über den Shijingshan Freizeitpark für Touristen (HP, Adresse, Telefon) (08.08.2016, 01:54) – Deutsch
CNN: Bericht zu den Hintergründen der Urheberrechtsstreeitigkeiten um den pekinger Freizeitpark (08.08.2016, 01:57) – Englisch
China Highlights: Touristeninformationen rund um Anfahrt, Öffnungszeiten, Preise und den einzelnen Attraktionen. China-freundlich! (08.08.2016, 01:59) – Englisch
Vielzahl an Bilder auf Flickr, die den Zustand des Parks nach 2008 dokumentieren (08.08.2016, 02:01)
Reisebericht eines Bloggers zum Shijingshan Park aus dem Jahre 2013 (08.08.2016, 01:29) -Englisch
Asiaobscura: Der Freizeitpark heute mit all den vorhandenen (Disney-Like) Attraktionen (08.08.2016, 01:31) – Englisch
Englischsprachiger Artikel, der alle Fernsehausschnitte zum Park nochmls zeigt und diese erläutert (08.08.2016, 01:33) – Englisch
Dailymail: Hintergründe zu den Urheberechtsverstößen (08.08.2016, 01:36) – Englisch
Leitartikel zum „Disney Laos“ mit Bezugname auf den pekinger Freizeitpark (08.08.2016, 01:38) – Englisch
Weitere seltsame Vergnügungsparks weltweit (08.08.2016, 02:08) – Englisch
Offizielle Seite der „Thaklek Dreamworld City“ (08.08.2016, 01:42) – Englisch
Aktuelle Bilder zu den Attraktionen des Shijingshan Vergnügungsparks (08.08.2016, 02:13) – Portugiesisch
Bericht eines Besuchers des Shanghai Disney-Resorts (08.08.2016, 02:15) – Enlisch
Probleme im Disney-Resort Shanghai mit Müll und Urin (08.08.2016, 01:48) – Englisch

Quellenangaben:
Titelbild: http://blog-imgs-96.fc2.com/n/i/w/niwaka2pow/691_20160504095105d82.jpghttp://www.disneyeveryday.com/wp-content/uploads/2011/02/N7-51_8x50973521-819×1024.jpg (07.08.2016, 20:47) – Mickey Maus im Disney  Resort im Vergleich zur Fake Maus im Shijingshan Freizeitpark / Bild mit Photoshop zugeschnitten.

 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/31/Beijing_Shijingshan_Amusement_Park.JPG (07.08.2016, 20:50) – Dornröschenschloss im Shijingshan Freizeitpark in Peking.
https://i.yomyomf.com/wp-content/uploads/2011/05/Shijingshan-Amusement-Park-400×300.jpg (07.08.2016, 21:01) – Schneewittchen und die sieben Zwerge im Fake Disneyland.
http://www.japanprobe.com/2007/01/fake-donald-beijing.jpg (07.08.2016, 21:06) – „Donald Duck“ mit Maskottchen der olympischen Sommerspiele 2008 im pekinger Freizeitpark Shijingshan.
https://www.youtube.com/watch?v=0-JULFxB0sk (07.08.2016, 21:08) – Shrek-änliche Figur im pekinger Freizeitpark / Bildsequenz aus dem Nachrichtenbeitrag von Fuji-TV (Youtube-Video 0:27).
https://www.youtube.com/watch?v=0-JULFxB0sk (07.08.2016, 21:17) – Goofy-ähnliche Figur im pekinger Freizeitpark / Bildsequenz aus dem Nachrichtenbeitrag von Fuji-TV (Youtube-Video 0:24).
https://www.youtube.com/watch?v=0-JULFxB0sk (07.08.2016, 21:21) – Doraemon-ähnliche Figur im pekinger Freizeitpark / Bildsequenz aus dem Nachrichtenbeitrag von Fuji-TV (Youtube-Video 2:54).
https://www.youtube.com/watch?v=0-JULFxB0sk (07.08.2016, 21:24) – Hello Kitty-ähnliche Figur im pekinger Freizeitpark / Bildsequenz aus dem Nachrichtenbeitrag von Fuji-TV (Youtube-Video 2:56).
http://cdn01.am.infobae.com/adjuntos/163/imagenes/011/956/0011956996.jpg (07.08.2016, 21:28) -EPCOT Center im Shijingshan Freizeitpark.
http://english.cri.cn/mmsource/images/2009/04/27/4354shijingshan.jpg (07.08.2016, 21:35) – Der Park während der Mai-Feiertage.
http://cdn01.am.infobae.com/adjuntos/163/imagenes/011/956/0011956891.jpg (07.08.2016, 21:37) – Geschlossene Verkaufsstände im Freizeitpark / Bildgröße weicht vom Original ab.
http://i2.wp.com/asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/02/dumboride.jpg?w=640 , http://i0.wp.com/asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/02/dumboride2.jpg?w=640 (07.08.2016, 21:41) – „Elephant Ride“ / Bilder mit Photoshop zugeschnitten.
http://i1.wp.com/asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/02/shrekride.jpg?w=640 (07.08.2016, 21:43) – King Kong Schaukel im Shijingshan Freizeitpark.
http://i1.wp.com/asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/02/bugsbunnycloseup.jpg?w=640 , http://cdn01.am.infobae.com/adjuntos/163/imagenes/011/956/0011956961.jpg (07.08.2016, 21:46) – Bugs Bunny mit roten Augen / Bilder mit Photoshop zugeschnitten.
https://mothersdirt.files.wordpress.com/2016/08/98370-laos-thakhek2bdream2bworld2bcity-1-plan-akanedevelopemntcom-702104.png , http://www.akanedevelopment.com/images/content__images/image_460x300a.jpg (07.08.2016, 21:56) – Plan der „Thaklek Dreamworld City“.
https://backpackerlee.files.wordpress.com/2016/06/shanghaidisney7.jpg?w=768&h=510 (07.08.2016, 21:57) – Dornröschenschloss im Disney-Resort Shanghai.

 

Die vielen Gesichter des Eiffelturms

Der Eiffelturm, ein einmaliges Bauwerk? Keinesfalls! Inmitten von Hochhäusern, auf Dächern, in Parkanlagen oder sogar mitten auf dem Feld – kaum ein Monument wurde so oft kopiert und neu interpretiert wie das Paris Wahrzeichen. Mittlerweile sind manche Kopien selbst zu architektonischen Ikonen geworden.
Eiffelturm_Paris

Seit 1889 steht er am westlichen Ende des Champ de Mars und lockt jährlich Massen an Touristen an. Dass der „300 Meter Turm“ auch heute noch Millionen an Touristen in seinen Bann zieht ist keinesfalls selbstverständlich, sahen doch die ursprünglichen Pläne vor, den Turm nach bereits 20 Jahren wieder abzubauen.

Bau_Gesamt_Eiffelturm_Paris

Seit seiner Erbauung zählt der Eiffelturm als öffentliches Gut – jeder darf das Monument ohne Erlaubnis kopieren, vervielfältigen oder neu interpretieren. Lediglich der Name „Eiffelturm“, sowie die aufwendige Beleuchtung des Designers Pierre Bideau sind geschützt. Wer sein Restaurant oder Hotel danach benennen will, muss je nach Größe eine Gebühr entrichten. Trotzdem steht das Pariser Monument keineswegs für sich allein: Schon kurz nach der Eröffnung am 31. März 1889 wurde das 324 Meter hohe Monument in zahlreichen Ländern nachgebaut. Google Maps Link hier

Las_Vegas

Diese 165 Meter hohe Kopie des Pariser Vorbilds ist nicht nur eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Glücksspielstadt, sondern noch dazu die größte Replik des Eiffelturms überhaupt. Gemeinsam mit anderen Wahrzeichen wie dem Louvre, dem Triumphbogen, einer Miniaturausgabe des Montgolfier Ballons und der Pariser Oper bildet er, umrahmt von noblen Casino- und Hotelanlagen ein Gesamtensemble Pariser Sehenswürdigkeiten ab. Ursprüngliche Pläne sahen sogar vor, die Kopie größer als das Original zu bauen. Doch die Nähe zum Flughafen durchkreuzte dieses Vorhaben und man beließ es bei einem Modell im Maßstab 1:2. Die feierliche Eröffnung des „Paris Las Vegas“ genannten Areals erfolgte 1999. Google Maps Link hier

Eiffel_Turm_Kabul

Sogar in der afghanischen Hauptstadt steht eine Replik des Pariser Wahrzeichens – wenn auch in nicht ganz so zentraler Lage wie das Original. Google Maps Link hier

Parizh

Ganze 50 Meter Höhe misst der Sendeturm im sibirischen Dorf Parizh (Paris) in der russischen Provinz Tscheljabinsk. Den Namen erhielt das Dorf 1842 von russischen Kosaken, als Erinnerung an den siegreichen Kampf der Truppen unter dem Zaren  Alexander I. gegen die französische Armee Napoleons. Viele Touristen werden sich in das kleine idyllische Dorf am Ural wohl nicht verirren. Deshalb wird der Turm im Maßstab 1:5 bislang nur als Handymast genutzt. Google Maps Link hier

Parque_Europa

Im Parque Europa der spanischen Ortschaft Torrejon de Ardoz bei Madrid stehen neben der Miniaturausgabe des französischen Originals noch 17 weitere Kopien bekannter europäischer Monumente. Die Gesamtfläche der Parkanlagen misst insgesamt 230.000m². Google Maps Link hier

Tokyo_Tower

Das Tokioer Wahrzeichen, der Tokyo Tower überstrahlt nicht nur die japanische Hauptstadt, sondern ist mit einer Gesamthöhe von 333 Metern sogar noch größer als das französische Vorbild. Als NHK als erster nationaler Fernsehsender im Jahr 1953 die erste Sendung ausstrahlte, brauchte man einen leistungsstarken Sendemast. Da nach damaligem technischen Standard der Glaube herrschte, dass die Hauptstadt sehr bald von einer Vielzahl an Sendemasten bebaut sein würde, entschloss man sich zu einen großen und leistungsstarken Sendeturm. 2012 wurde das weltberühmte Wahrzeichen vom nur unweit entfernt gelegenen 634 Meter hohen Tokyo Skytree als höchstes Gebäude der Stadt abgelöst. Google Maps Link hier

Hangzhou

Besonders beeindruckend ist die 108 Meter hohe Kopie im „Little Paris“ der chinesischen Metropole Hangzhou in der Provinz Zhejiang. Hier beließ man es nicht bei einem Turm alleine, sondern kopierte ab 2007 mehr oder weniger erfolgreich die gesamte Parkanlage, mitsamt der umliegenden Wohnhausarchitektur. Heute ist dieser rund 31km² große Stadtteil im „chinesischen Paris-Style“ von gerade einmal 2.000 Menschen bevölkert und mittlerweile wie viele andere Planstädte Chinas zu einer Geisterstadt verkommen. Ehemalige Geschäfte sind längst geschlossen, die ersten Siedler  längst weitergezogen und die eben erst errichteten Gebäude verfallen nach und nach. Das Zentrum um den Eiffelturm zieht heute neben frisch verheirateten Hochzeitspaaren, deren Geldbeutel nicht für ein romantisches Foto vor dem Original reichte, auch wieder mehr Bauern an, die die angelegten Felder in direkter Umgebung um den Turm bewirtschaften. Google Maps Link hier

Eiffel_Turm_Filiatra

Diese im Dorf Filiatra entstandene Eiffelturm Replik im Maßstab 1:18 ist von rein privater Hand erschaffen worden. Scheinbar konnte der griechische Arzt Harris Fournarakis (Harry Fornier), der überwiegend in den USA arbeitete, dem französischen Original nicht nahe genug sein. Aus diesem Grund baute er sich am Ortseingang von Filiatra seine eigene 26 Meter hohe Kopie. Google Maps Link hier

La_Dolce_Vita_Caffe

Zu einer Plakatwand zweckentfremdet wurde der Eiffelturm in Brisbane, Australien. Passend dazu der Name der Lokalität, vor der die oben gezeigte Plakatwand steht: La Dolce Vita Caffe. Google Maps Link hier

Fes_Tour_Eiffel

Ein besonders skurril anmutendes Beispiel zeigt sich dem Besucher in der marokkanischen Stadt Fès. Um die freundschaftliche Verbundenheit zwischen Frankreich und Marokko zu verdeutlichen, entschloss sich die Gemeinde zum Bau dieses Eiffelturms neben einer Hauptstraße der Stadt. Das etwas abgelegene Monument war lange Zeit im Bau und wurde erst vor kurzem mit einem Stern an der Turmspitze vollendet.

Hiiumaa_Eiffel_Tower

Nur das Beispiel aus Estland dürfte den Vorgängerbau in Skurrilität noch deutlich übertreffen. Abgelegen an der Küste der estnischen Insel Hiiumaa in der Ortschaft Reigi steht diese komplett aus Holz errichtete Interpretation eines Eiffelturms. Sicherheitsbedenken beschäftigen die dortigen Behörden schon seit Jahren, ein Umstand der beim Anblick der waghalsig anmutenden Konstruktion niemanden verwundern dürfte. Google Maps Link hier

torre_reformador

Das in der guatemaltekischen Hauptstadt gebaute, und als Reformationsturm bekannte Eiffelturm-Imitat erhebt sich 71,85 Meter über eine darunter befindliche Straßenkreuzung. Die in den USA aus galvanisierten Stahl hergestellte Konstruktion wurde bereits 1935 zu Ehren des Präsidenten Justo Rufino Barrios errichtet. Ursprünglich trug das an eine Rakete erinnernde Design an der Turmspitze eine Glocke, die 1986 durch einen Scheinwerfer ersetzt wurde. Google Maps Link hier

Petrin_Tower

Inmitten des gleichnamigen Parks entstand bereits im Jahr 1891, der als Petřín Lookout Tower bekannte achteckige Miniatur-Eiffelturm mit einer Gesamthöhe von 63,5 Metern Höhe. Anders als das Original wird der Turm nicht von vier stählernen Schrägstützen getragen, sondern von einem eigenen Geschoß, das als Zugangsbereich dient. Früher als Sendeturm in Verwendung, ist der Turm heutzutage eine beliebte Touristenattraktion. Alleine im Jahr 2014 zählte man auf der Aussichtsplattform mehr als 557.000 Besucher. Google Maps Link hier

Suzhou_Dong_Wu

Um die Summe von umgerechnet 537.000 Euro gibt es in der chinesischen Großstadt Suzhou ein besonders grell beleuchtetes Beispiel einer Eiffelturm-Interpretation zu bewundern. Entworfen vom französischen Designer Patrick Ferenczi erstrahlt der Dong-Wu Tower in 30.000 Farben aus über 3.600 Lampen.

Sucre_Eiffel_Turm

Sollte es ein Original-Imitat geben, dann steht dieses zweifelsfrei in Bolivien. Gustave Eiffel, der Erbauer des Eiffelturms in Paris entwarf 1906 eine dem Eiffelturm nachempfundene Stahlkonstruktion, die drei Jahre später fertiggestellt wurde. In den ersten Jahren nach der Erbauung diente der Turm als Wetterstation und ist heute eine beliebte Touristenattraktion. Google Maps Link hier

Blackpool_Tower

Ideengeber war auch beim britischen Blackpool Tower der Eiffelturm in Paris. Nach dem Besuch der Pariser Weltausstellung gab der Bürgermeister John Bickerstaffe den Turm in Auftrag. Der in weiten Zügen an das französische Vorbild ähnelnde Turm  wurde im Jahr 1894 fertiggestellt. Die wohl größten Unterschiede zum Original liegen im Größenverhältnis von 1:2 und, dass der Turm nicht freistehend ist, sondern auf ein Gebäude aufgesetzt wurde. Google Maps Link hier

New_Brighton_Tower

Der New Brighton Tower in England wurde irgendwann zwischen 1898 und 1900 eröffnet und diente vorrangig zur Überwachung. Mit einer Gesamthöhe von 173 Metern galt er als höchster Turm Englands und musste bereits 1919 aufgrund von für den Eigentümer nicht aufzubringender Geldmittel für entstandene Instandhaltungskosten, abgetragen werden. Das darunter befindende vierstöckige Backsteingebäude stand bis zum Jahr 1969, als dieses durch einen Großbrand bis auf die Grundmauern niederbrannte und in Folge darauf ebenfalls abgerissen werden musste.

Ismaning

Der hölzerne Radio-Sendeturm nahe Ismaning ging bereits 1932 in Betrieb und wies eine Höhe von 156 Metern auf. Hierbei waren die ausfahrbaren Arme an der Turmspitze noch nicht mitgerechnet. 1977 sollte der Turm erneut generalüberholt werden, jedoch wurde er stattdessen aus Gründen der Rentabilität am 16. März 1983 abgerissen. Google Maps Link hier

Watkins_Tower

Um im Höhenwettbewerb mit der französischen Hauptstadt mitzuhalten, entschlossen sich auch die Briten zum Bau eines eigenen Stahlturms in der Hauptstadt Londons. Die Pläne waren von Ehrgeiz getrieben, sollte der Turm das Pariser Vorbild letztlich sogar um ganze 100 Meter Höhe (Gesamthöhe 358 Meter) übertreffen. 1891 begonnen, wurden die Bauarbeiten am Watkins Tower nach nur 47 Metern erreichter Höhe eingestellt und der unvollendete Turm bereits zwischen den Jahren 1904 und 1907 wieder abgerissen. Heute befindet sich an genau dieser Stelle das weltbekannte Wembley Stadion.

Funkturm_Berlin

Der Berliner Funkturm ist ein ehemaliger Sendeturm der vom Architekten Heinrich Straumer geplant und  zwischen den Jahren 1924 und 1926 erbaut wurde. Rechtzeitig zur Berliner Funkausstellung  wurde der Sendeturm mit dem Nicknamen „Langer Lulatsch“ eingeweiht und ist heute ein geschütztes Objekt und beliebter Touristenmagnet in der deutschen Hauptstadt. 1935 folgte eine ganz große Premiere: Von den dortigen Sendeanlagen wurde das erste offizielle Fernsehprogramm ausgestrahlt. Entgegen der ursprünglichen Verwendung befinden sich heute in etwa 52 Metern Höhe ein Restaurant und auf geschätzten 152 Metern eine Aussichtsplattform. Zuletzt wurde der Turm 1987 rundumerneuert – zum 750 Jahr-Jubiläum der Hauptstadt Berlin. Google Maps Link hier

Window_Of_The_World

Das „Window Of The World“ im westlichen Teil der chinesischen Stadt Shenzhen ist ein 48 Hektar großer Themenpark mit über 130 Nachbildungen weltbekannter Touristenattraktionen. Der 1997 eröffnete Park wird von einem 108 Meter hohen Eiffelturm dominiert. Google Maps Link hier

Lahore_Eiffel_Tower

Der Eiffelturm in Bahria Town im pakistanischen Lahore ist mit einer Höhe von rund 80 Meter der dritthöchste Eiffelturm der Welt. Der Turm lässt sich in drei Zonen gliedern: Restaurant, Kaffee und eine Aussichtsplattform. Leicht mit einem eingebauten Lift bis zur Plattform erreichbar, steht einem Dinner im Restaurant mit Weitblick nichts mehr in Weg.

Eiffel_Turm_Gomez_Palacio

Dieses Exemplar im Maßstab 1:6 in der mexikanischen Ortschaft Durango steht im Vergleich zum Original, in einer etwas unattraktiveren Umgebung. Das im Jahr 2007 von der französischen Gemeinschaft gespendete Monument empfängt auf der Aussichtsplattform bis zu maximal 16 Besucher gleichzeitig. Die Gesamthöhe beträgt immerhin rund 58 Meter und wird ähnlich wie das Original bei Nacht hell erleuchtet. Leider häufen sich auch die Fälle von Vandalismus in den letzten Jahren, der sich vermehrt in den Stützen zeigt und schlussendlich die gesamte Konstruktion schwächt.

Neben dem Eiffelturm wurde kürzlich auch das österreichische Dorf Hallstatt sowie die Skyline von Manhattan in China kopiert. Wie stehst du dem Nachbau von Wahrzeichen gegenüber?  Wie weit sollte man gehen und wann hat man die Grenze des guten Geschmacks überschritten? Welche Faszination verbirgt sich, dass besonders der Eiffelturm so oft kopiert / neu interpretiert wurde? Und wie ist deine persönliche Meinung im Bezug zur Nachhaltigkeit und Nachnutzung in Anbetracht der teils brachen Umgebung beziehungsweise der entstandenen Geister (-plan) städte im Speziellen in China? Deine Gedanken – Ab in die Kommentare!


Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: http://www.spiegel.de/fotostrecke/pariser-eiffelturm-nachbauten-aus-aller-welt-fotostrecke-112422-3.html (02.07.2016, 02:17) – Feldarbeit im chinesischen Hangzhou neben der Eiffelturm-Replik.

 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f7/Eiffelturm,_Paris,_France.jpg (02.07.2016, 02:21) – Zentraler Blick auf den Eiffelturm in Paris.
http://momentum-magazin.de/de/125-jahre-eiffelturm-bauwerksgeburtstag/ (02.07.2016, 02:22) – Die einzelnen Bauphasen des Pariser Eiffelturms (Beide Bilder in Photoshop noch manuell zusammengeschnitten).
http://d1vmp8zzttzftq.cloudfront.net/wp-content/uploads/2012/05/replica-of-eiffel-tower-at-the-paris-hotel-on-las-vegas-boulevard-las-vegas-nevada-1600×1066.jpg (02.07.2016, 02:24) – Paris Las Vegas.
http://lollitop.magicgate.eu/media/LollitopMagicgate_003/lollitop_10__afghanistan_october_2010_files_a10_25587471.jpg (02.07.2016, 02:25) – Turm in Kabul im Nebel.
http://s00.yaplakal.com/pics/pics_original/3/7/7/6938773.jpg (02.07.2016, 02:27) – Sendeturm im sibirischen Dorf Parizh.
http://polpix.sueddeutsche.com/bild/1.1884257.1392053963/900×600/eiffelturm-plagiate-nachbau-turm-eiffel-tower-tour.jpg (02.07.2016, 02:29) – Eiffelturm des Parque Europa in Spanien.
https://okayadrienne.files.wordpress.com/2013/09/img_2093.jpg (02.07.2016, 02:30) – Tokyo Tower in Japan.
http://www.foynd.com/wp-content/uploads/2015/05/paris-in-china-2.jpg (02.07.2016, 02:32) – Blick auf „Little Paris“ in China mit Eiffelturm-Kopie.
http://static.panoramio.com/photos/large/59660816.jpg (02.07.2016, 02:35) – Eiffelturm in Filiatra/GRE.
1.bp.blogspot.com/-28EdbLnUGtw/VQwh71fDWII/AAAAAAAAFaQ/eMbbYAZyYco/s1600/SAM_6296.JPG (02.07.2016, 02:37) – Plakatwand des „La Dolce Vita Caffe“ bei Nacht.
http://www.heberger-image.fr/data/images/67894_4288324003565148727618759431097135811n.jpg (02.07.2016, 02:39) – Eiffelturm-Replik in Marokko nach Fertigstellung.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4d/Hiiumaa_Eiffeli_torn_2013.jpg (02.07.2016, 02:41) – Hölzerner Eiffelturm auf der Insel Hiiumaa in Estland.
http://static.panoramio.com/photos/original/61335791.jpg (02.07.2016, 02:43) – Der „Torre Reformador“ in Guatemala.
http://www.theladytravels.com/wp-content/uploads/2012/11/Prague-Petrin-Tower-.jpg (02.07.2016, 02:45) – Petrin Lookout Tower im Prager Petrin Park.
http://www.hindustantimes.com/rf/image_size_800x600/HT/p1/2014/01/29/Incoming/Pictures/1177929_Wallpaper2.jpg (02.07.2016, 02:47) – Dong-Wu Tower in der chinesischen Stadt Suzhou.
http://static.panoramio.com/photos/large/45169183.jpg (02.07.2016, 02:48) – Torre Eiffel von Gustave Eiffel in Bolivien.
http://www.hotelsblackpool.net/userfiles/blackpool_tower.jpg (02.07.2016, 02:51) – Blick vom Meer auf den britischen Blackpool Tower.
https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/41/5c/0a/415c0ad36702f9d58c7defcff6545493.jpg (02.07.2016, 02:52) – Alte Fototgrafie des New Brighton Towers.
https://files1.structurae.de/files/photos/2328/ismaning02.jpg (02.07.2016, 02:47) – Schwarz-weiß Fotografie des Radio-Sendeturms nahe Ismaning.
http://static.messynessychic.com/wp-content/uploads/2016/02/Watkin_tower_first_stage-2.jpg (02.07.2016, 02:56) – Unvollendeter Watkins Tower.
http://www.funkturm-messeberlin.de/media/de/ccg/ccg_media/ccg_image/ccg_apps/ccg_mam/ccg_bildergalerien_funkturm/ccg_funkturm_aussichtsplattform/mam_192535_304775_Fancybox_1200px.jpg (02.07.2016, 02:58) – Blick auf den Berliner Funkturm.
https://tominshenzhen.files.wordpress.com/2012/03/img_9636.jpg (02.07.2016, 02:59) – Eiffelturm-Replik im chinesischen „Window of The World“ in Shenzhen.
http://67.media.tumblr.com/75feba0f7434650d26ef146ead861150/tumblr_nw3dmcoz3f1uck9lto1_1280.jpg (02.07.2016, 03:01) – 80 Meter hoher Eiffelturm im pakistanischen Lahore.
http://www.milenio.com/region/Jorge-Herrera-Caldera-Durango-Campillo_MILIMA20141003_0137_3.jpg (02.07.2016, 03:02) – Eiffelturm im mexikanischen Durango bei Nacht.

 

Wikipedia-Artikel über den Tokyo Tower (02.07.2016, 03:37) – Englisch
Wikipedia-Artikel zum Torre del Reformador (02.07.2016, 03:39) – Englisch

Nach Olympia kamen die Bomben

1984 wurden mit Sarajevo zum erst zweiten Mal nach 1980 in Moskau, die olympischen Winterspiele in einem kommunistischen Land ausgetragen. Heute, mehr als 30 Jahre später ist der Vielvölkerstaat längst Geschichte – genauso wie der Traum von Olympia. Was nicht durch Bomben zerstört wurde, stemmt sich als mahnendes Denkmal und Symbol der Hoffnung  gegen die Witterung.
Sarajvo 1984 Logo

Es gibt drei historische Ereignisse, die Sarajevo bekannt machten. Während das Attentat von 1914 an den Thronfolger Österreich-Ungarns und die Belagerung der Stadt im Zuge des Bosnienkrieges zwischen 1992 und 1995 für Tod und Gewalt sorgten, verkörpert das dritte Ereignis den denkbar friedlichsten Gedanken und ließ selbst verfeindete Nationen des kalten Krieges im Sport wieder näher zusammen kommen.

Tom Sandberg

Während die Olympioniken wie der Norweger Tom Sandberg in der Skisprungarena noch bejubelt wurden, vergingen gerade einmal acht Jahre bis…

Sarajevo_Mine

… die olympischen Sportstätten von einst von Gefechtstruppen der bosnischen Serben im Zuge des Bürgerkrieges besetzt wurden. Der Berg Trebević diente den Streitkräften der Republika Srpska während der Belagerung Sarajevos als Artilleriestellung. Da die Berghänge einen idealen Blick auf die umliegende Stadt boten, waren diese besonders hart umkämpft und sind noch bis heute mit tausenden Minen übersät.

Bob-Bahn_Sarajevo

Zuerst im Krieg zerstört, dann vom Wald überwuchert – Die fast 1,3 Kilometer lange Bobbahn auf dem Berg Trebević führt heute durch einen von geborstenen und Einschusslöcher übersäten Betonkanal zu einer zerbombten Zuschauerarena. Wo Zuschauer die Strecke säumten und den mutigen Athleten auf ihren waghalsigen Ritt durch die Wälder bejubelten, hat die Natur mittlerweile den Platz zurückerobert, der ihr genommen wurde.

Bob-Bahn_Sarajevo_Ziel

Der Zieleinlauf diente damals als Kulisse für den überwältigenden Doppelgold-Erfolg der DDR im Zweier- und Viererbob. Heute ist er ein beliebtes Ziel für Fotografen und Grafitti-Sprayer.

Sprungschanze_Sarajevo

1984 gewann hier  der deutsche Jens Weißflog Gold im Parallelstil. Von den Skisprungschanzen auf dem Berg Igman sind nach dem Krieg nur noch Betonskelette übrig geblieben. Am 10. März 2010 wurden auf einer Pressekonferenz Entwürfe zur Rekonstruktion der Schanzen mit Tribünen für bis zu 50.000 Zuseher und einem Panorama-Restaurant vorgestellt. Die Kosten sollen sich schätzungsweise auf sieben bis zehn Millionen Euro belaufen.

Skisprungschanzenturm

Von dieser Kabine aus beobachteten die Sprungrichter die Skisprungbewerbe auf dem Berg Igman. Der Aussichtsturm ist seit den Gefechten der 90er Jahre verwüstet.

Sarajevo_Siegerehrung

Genau an dieser Stelle wurden die Schifahrer mit ihren Medaillen geehrt. Im Zuge des Bosnienkrieges richteten hier die Erschießungskommandos der Armee zahlreiche Gefangene hin. Die Einschusslöcher sowie die zerschossenen Olympiaringe des ehemaligen Siegerpodestes wurden mittlerweile saniert. Seither dient das Denkmal als beliebtes Fotosujet für Touristen.

Sports Complex_Sarajevo_zerstört

Die Olympiahalle Zetra (auch Zetra-Arena genannt) war ein Eisstadion, in dem die olympischen Eisschnelllauf- und Eiskunstlaufbewerbe durchgeführt wurden. 1992 in Folge eines Bombardements beinahe vollständig zerstört, wurde das Gebäude in den Kriegsjahren als Leichenhalle sowie Lagerhalle für Medizin und Hilfsgüter benutzt. Die Holzsitze der Tribünen wurden zum Bau der Särge der getöteten Zivilisten verwendet. Das Gelände um die Halle verwandelte sich zum Gräberfeld.

Sports Complex_Sarajevo_neu

Nach Ende des Krieges wurde festgestellt, dass die vorhandenen Fundamente der Sporthalle noch intakt waren, sodass 1997 die SFOR mit der Rekonstruktion des Gebäudes begann. Heute dient die Halle für eine Vielzahl an Veranstaltungen,  jedoch nicht mehr für den Eissport. Hierfür wurde in unmittelbarer Nähe eine eigene Eisfläche als überdachte Traglufthalle errichtet. Vor der Olympiahalle befindet sich heute eine großflächig angelegte Grab- und Gedenkstätte.

Wolf_Sarajevo

Sarajewouuu“ heulte das Maskottchen Vučko im Werbespot zu den Spielen 1984. Der Anblick der Ruinen bringt nicht nur ihn zum Heulen.

Station_Sarajevo

Von diesem Häuschen auf einer der Bergstationen Sarajevos aus, konnten die Athleten mit der Gondel ins Tal fahren. Heute lässt kaum noch etwas auf die ursprüngliche Nutzung schließen.

Hotel_Sarajevo1

Das olympische Hotel von Ignaz: 1984 wurden hier die Olympioniken untergebracht und ab 1992 zu einem Gefangenenlager umfunktioniert, in dem gefoltert und gemordet wurde.

Hotel_Sarajevo2

Was nicht im Krieg zerstört wurde, holt sich langsam die Natur zurück. Ein Betongerippe, das sich noch höchstens selbst trägt, sind nicht selten die letzten Überreste. Ein Wiederaufbau ist nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern vor allem die der zahlreichen versteckten Blindgänger. Ein Schicksal, dass dieses ehemalige Hotel mit den meisten Bauten der Sportstätte teilt.

Mahnmal_Sarajevo

Die olympischen Sportstätten sind weit mehr als nur Zeugnisse glücklicher Zeiten. Kriegsdenkmäler wie dieses im Skizentrum von Ignaz erinnern an die bosnischen Soldaten, die während des Bürgerkrieges in den Jahren 1992 bis 1995 auf den Hügeln Sarajevos ihr Leben ließen.

Während Sarajevo bis 1992 als Austragungsort zahlreicher internationaler Sportveranstaltungen genutzt wurde, liegt das viel jüngere Olympiagelände von Sotschi bereits heute brach. Es scheint sich, wenn auch aus völlig anderen Gründen, das Bild von verlassenen und verfallenen Olympia-Sportstätten zu wiederholen. Nicht aus Gründen bewaffneter Konflikte, sondern aus Überdimensionalität, Misswirtschaft und fehlender Nachnutzungskonzepte.

Heute noch eine Ausnahme, aber bald schon Alltag? – Wie kann man die erbaute Gigantomanie zukünftiger Großveranstaltungen nachträglich nutzen? Oder ist Sotschi gar nur der Anfang? Seit 2010 gibt es Pläne, die Hügel um Sarajevo von den Minen zu säubern und die zerstörten Skisprunganlagen zu erneuern. Wie sollte man eurer Meinung mit dem Erbe des Krieges umgehen? Als Mahnmal an den Krieg belassen oder einen Neustart wagen? Sarajevo in zehn Jahren – ein Ort der Trauer oder der Freude? Schreibt mir eure Meinungen und Eindrücke in die Kommentare!


Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Olympische_Winterspiele_1984#/media/Datei%3ASarajevo_Olympic_Symbol.jpg (22.05.2016, 07:07) – Zerschossenes Siegerpodest Sarajevo 1984.

 

http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:09) – Logo der olympischen Spiele v. Sarajevo in der gleichnamigen Stadt.
http://m.welt.de/vermischtes/article121333557/Die-lebensgefaehrlichen-Reste-von-Olympia-1984.html (22.05.2016, 07:11) – Umjubelter Tom Sandberg in der Schisprungarena.
http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:15) – Vorsicht Minen!
http://yomadic.com/sarajevo-bobsled-track/ (22.05.2016, 07:16) – Ruinen der olympischen Bobbahn.
http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:18) – Zieleinlauf der olympischen Bobbahn von 1984.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047.html (22.05.2016, 07:19) – Ruinen der großen und kleinen Sprungschanze.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-10.html (22.05.2016, 07:21) – Sprungrichterturm nach dem Bosnienkrieg.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-2.html (22.05.2016, 07:22) – Siegerpodest nach Renovierung.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/42/1984_Winter_Olympics_Sarajevo_Sports_Complex_1995-06-09_2.JPEG (22.05.2016, 07:24) – Zerstörte Zetra-Arena mit Gräberfeld.
http://www.thewire.com/global/2014/02/scenes-sarajevo-olympics-and-after-war/357793/ (22.05.2016, 07:28) – Zeta-Halle und Gedenkstätte nach Wiederaufbau.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-5.html (22.05.2016, 07:30) – Maskottchen „Vučko“ an der Zetra-Halle.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-15.html (22.05.2016, 07:31) – Zerstörte Bergstation in Sarajevo.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-6.html (22.05.2016, 07:33) – Ruinen eines Hotels am Berg Ignaz.
http://www.urbexplayground.com/blog-tags/olympic (22.05.2016, 07:34) – Zerfallenes Hotel am Berg Ignaz.
http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:35) – Blick aus einem der zerfallenen Hotels nahe der olympischen Bobbahn.
http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:37) – Grabdenkmal am Skizentrum von Igman.