Die unendliche Katastrophe von Bhopal

Wir schreiben die Nacht zum 3. Dezember 1984: In der Chemiefabrik der Union Carbide im indischen Bhopal kommt es aufgrund technischer Mängel infolge massiver Kosteneinsparungen zur größten Chemiekatastrophe aller Zeiten. Binnen zwei Stunden breitete sich über die Millionenstadt eine Decke aus Giftgas aus, die innerhalb der ersten 48 Stunden Tausende Todesopfer fordert. Der Chemiekonzern hat sich anschließend aus der Verantwortung zurückgezogen und hinterließ Krankheit und Elend in der Bevölkerung.
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Bhopal, die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Madhya Pradesh war ein idealer Produktionsstandort für das indische Tochterunternehmen der amerikanischen Pestizidfabrik Union Carbide: Umweltstandards waren kaum vorhanden, Arbeiter als Tagelöhner gab es genug in den benachbarten Slums und staatliche Sicherheitsstandards galten im internationalen Vergleich als besonders niedrig. P. M. Butsch, einstiger Stadtplaner von Bhopal legte fest, dass giftige Industrien weit nordöstlich der Stadt zu platzieren seien, um Bewohner im Stadtzentrum im Falle eines Unfalls zu schützen. Das zuständige Management hatte enge verwandtschaftliche und freundschaftliche Kontakte zur Regierung und überging aus wirtschaftlichem Interesse seinen Ratschlag. P. M. Butsch wurde daraufhin strafversetzt und die Union Carbide durfte in der Stadt bauen. 1969 wurde die Produktion auf einem rund 35 Hektar großen Gelände, nur unweit der Bahnstrecke und den angrenzenden Slums errichtet.

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Ab 1977 hatte der Konzern nur etwa 2.500 Tonnen des Schädlingsbekämpfungsmittels Sevin produziert, obwohl die Anlage für eine Produktion von bis zu 5.000 Tonnen ausgelegt war. Da die Nachfrage in Indien Anfang der 80er Jahre stark rückläufig war, versuchte man über Kostensenkungen die Anlage weiterhin rentabel zu betreiben. Längere Wartungsintervalle, die Verwendung billiger Ersatzteile (Stahl statt Aluminium), Einsparung im Personalbereich, indem sukzessive Fachleute durch Hilfsarbeiter ersetzt wurden und zuletzt die Entsorgung der giftigen Chemikalien in Mulden der unmittelbaren Umgebung sorgten dazu, dass das Grundwasser stark mit krebserregenden Giftstoffen angereichert wurde und es zu mehreren gravierenden Zwischenfällen mit Verletzten und sogar Toten kam. Sogar eine Schließung der Fabrik wurde in Erwägung gezogen.

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1984 geschah das Undenkbare: Kurz nach Mitternacht des 3. Dezember entdeckte ein Kontrolleur ein Gasleck in einer der Anlagen und meldete dies der Leitstelle. Das Leck, das sich im Bereich mit den gefährlichsten Chemikalien der Anlage befand, wurde umgehend untersucht. Neben Phosgen, das im 1. Weltkrieg als chemische Waffe zum Einsatz kam, lagerte dort in riesigen unterirdischen Tanks der Pestizidbestandteil MIC. Aus einen der Rohre trat Gas aus, aber kleine Lecks und Störungen in der 15 Jahre alten Anlage gehörten mittlerweile zum Alltag. Da auch die Messinstrumente keine besorgniserregenden Druckänderungen in den Tanks anzeigten, kehrte man wieder unverrichteter Arbeit zurück zum Kontrollraum. Innerhalb weniger Minuten erfolgte ein zweiter Anruf. Die Überprüfung der Messinstrumente zeigte, dass der Druck in einem der MIC-Tanks innerhalb kurzer Zeit ins unermessliche gestiegen war. Um 20 Minuten nach Mitternacht eilten Arbeiter in den Lagerbereich, um den Grund für den plötzlichen Druckanstieg zu eruieren. Doch da war es bereits zu spät: Durch eine chemische Reaktion des MICs mit in den Tank eingedrungenem Wasser, ging das Flüssiggas in den gasförmigen Aggregatzustand über, erhitze sich und dehnte sich schlagartig aus. Der dicke Betonmantel um den Tank begann stark zu vibrieren und bekam Risse, bis das Sicherheitsventil dem Druck nachgab und das Gas unkontrolliert in das Röhrensystem der Anlage strömte.

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Zehn Minuten später läutete man die ersten Notfallmaßnahmen ein: Ein Gaswäscher sollte das austretende Gas neutralisieren. Aber infolge massiver Kosteneinsparungen war dieser seit einiger Zeit ausgeschalten und somit funktionsunfähig. Da MIC leicht entzündlich ist, sollte das Gas an einem weiteren Sicherheitssystem, einer Gasfackel vorbeiströmen. Da nur wenige Tage vor dem Unglück infolge von notwendig gewordenen Reparaturarbeiten ein rostiges Rohr ausgebaut wurde und seither nicht ersetzt worden war, strömte das Gas auch daran ungehindert vorbei und entwich in den Nachthimmel Bhopals. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit, um die Bevölkerung Bhopals vor dem Gifttod zu bewahren: Mit Wasser das austretende Gas binden, bevor es die angrenzenden Wohnviertel der Metropole erreicht. Doch auch das allerletzte Sicherheitssystem konnte das Unglück nicht mehr abwenden. Da der Wasserstrahl der Sprinkleranlagen um den Auslass zu schwach war und somit das ausströmende Gas am oberen Schlotende nicht erreichte, traten 25-40 Tonnen MIC unter hohem Druck ungehindert in die Atmosphäre und legten sich wegen der höheren Masse als Luft wie ein todbringendes Tuch über die schlafende Stadt.

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Direkt neben der Fabrik der Union Carbide lagen bereits die ersten Wohnhäuser der 500.000 Einwohner zählenden Stadt, die infolge eines Südwestwindes als Erstes vom tödlichen Nebel erfasst wurden. Hustend und nach Luft ringend erwachten die Bewohner. Panik machte sich breit. Groß und Klein, Jung und Alt strömten in alle Richtungen der Stadt, um das nächstgelegene Krankenhaus zu erreichen. Die Menschen erbrachen, husteten oder kollabierten und viele starben noch auf der Straße. Hinzu kam, dass es durch die Einsparungen der vergangenen Jahre keinen Katastrophenschutzplan gab und somit viele Menschen in ihrer Unwissenheit direkt in die hochverdichtete weiße Gaswolke liefen. Die Ärzte in den anliegenden Krankenhäusern waren mit der Situation und dem plötzlichen Ansturm von derart vielen Patienten völlig überfordert. Dazu fehlten genauere Informationen, um welche Art von Gas es sich handelte und wie den Opfern geholfen werden kann. Innerhalb von nur zwei Stunden breitete sich das MIC auf einer Fläche von 65 eng besiedelten Quadratkilometern aus. In der Stadt herrschten apokalyptische Zustände.

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Was ist MIC? MIC steht für Methylisocyanat und ist eine stark reaktive chemische Verbindung. Diese flüchtige und farblose Flüssigkeit weist in hoher Konzentration einen stechenden Geruch auf und ist stark tränenerregend. Es ist ab einer Temperatur von -7 °C leicht entflammbar und geht ab einer Temperatur von 38 °C in den gasförmigen Zustand über. Da MIC schwerer als Luft ist, legte es sich wie ein Leichentuch über die schlafende Stadt und tötete vorrangig Personen, die sich in Bodennähe aufhielten. Methylisocyanat verursacht schwere Verätzungen der Schleimhäute, Augen und Lungen. Darüber hinaus wurde in Bhopal überraschenderweise festgestellt, dass besonders viele Opfer starke Verätzungen der inneren Organe aufwiesen. MIC reagierte mit dem körpereigenen Wasser der Opfer und drückte Blut in die Lungenbläschen. Viele ertranken qualvoll an den eigenen Körperflüssigkeiten.

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Am Tag nach dem Unglück verflüchtigte sich das Gas über der Stadt und das ganze Ausmaß des Unglücks wurde sichtbar: In der Nacht vom zweiten auf den dritten Dezember 1984 starben vermutlich mehr als 3.000 Personen am ausströmenden MIC und mehr als 300.000 erleiden qualvolle Schmerzen. Noch am selben Tag beauftragte die indische Regierung die Sicherung des Fabrikgeländes und die Frage zu klären, ob womöglich noch weiteres Gas ausströmen könnte. Es bewahrheitete sich die schlimmste Befürchtung! Da aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln die Produktion zeitweise eingestellt wurde und sich der Betrieb der Anlage auf Erhaltungsarbeiten beschränkte, lagerten in den unterirdischen Tanks noch riesige Mengen an unaufbereitetem MIC. Im Unglückstank Nr. 610 lag der Füllstand zuvor bei 75 %, obwohl die empfohlene Menge lediglich 50 % beträgt. Insgesamt verdampften in der Unglücksnacht mehr als 40 Tonnen MIC! Doch der Schrecken war noch nicht vorbei: Im Tank Nr. 611 lagerten weitere 30-35 Tonnen des tödlichen Gases!

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Die Frage war: Wenn Gas aus dem Tank Nr. 610 entwich, kann das auch bei dem anderen Tank passieren? Um jegliche Gefahr auszuschließen, entwickelten die Ingenieure einen mutigen wie auch riskanten Plan. Die Idee sah vor, die Produktion in der Fabrik wieder zu starten und das verbliebene MIC innerhalb weniger Tage zu verarbeiten. Dabei konnte selbst nach ihrer Einschätzung ein neuerliches Unglück nicht ausgeschlossen werden. Manche Experten erachteten ein zweites Bhopal sogar als sehr wahrscheinlich. Die Bewohner Bhopals empfanden diesen Plan, nur wenige Tage nach dem Unglück als ungeheuerliches Vorhaben und verließen daraufhin fluchtartig die Stadt. Selbst die Kranken zogen die Flucht dem Risiko vor, sofern sie nicht bettlägerig waren. Mit meterhohen feuchten Stoffbahnen versuchte man die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, und eventuell austretendes Gas innerhalb der Anlage zu halten. Die Stadt war zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage wie ausgestorben und die wenigen Verbliebenden auf das Schlimmste vorbereitet. Es dauerte lange sieben Tage, bis das gesamte MIC zu Sevin verarbeitet werden konnte und die Bewohner in die Stadt zurückkehrten. Eine weitere Katastrophe konnte zum Glück abgewendet werden.

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Bereits wenige Tage nach dem Unglück entschloss sich Warren Anderson, der Vorstandsvorsitzende des US-amerikanischen Chemiekonzerns Union Carbide selbst nach Bhopal zu fliegen. Als die dortigen Behörden erfuhren, dass er die Verantwortung für die Fabrik trägt, ließ man ihn noch am Flughafen festnehmen – zumindest offiziell und medienwirksam. Tatsächlich brachte man ihn zum Union Carbide Gästehaus, das damals eines der schönsten Häuser Bhopals war, und ließ ihn bereits wenige Stunden später gegen eine Kaution von lediglich 18.000 Dollar frei. Noch am selben Tag trat er die Rückreise an. Viele indische Journalisten sahen darin eine Inszenierung der Regierung. Warren Anderson lebte bis zu seinem Tod im Jahre 2014 auf Long Island bei New York (USA) und wurde nie für die Katastrophe zur Verantwortung gezogen. Viele der Opfer sehen in ihm bis zum heutigen Tag einen Massenmörder, der für den Profit leichtfertig Zehntausende Todesopfer in Kauf nahm.

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Viele der Opfer wurden nach einem vergleichbar kurzen Krankenhausaufenthalt wieder entlassen. Meist lautete die Diagnose in den Krankenakten „Pneumonitis“ – Lungenentzündung. In Klammern wurde dann noch „dem Gas ausgesetzt“ beigefügt. Am Ende des Dokuments wurde das Wort „Improved“ angefügt.  Diese „Gebesserten“ fühlten sich oftmals zu schwach, um eigenständig vom Krankenhaus zurück nach Hause zu gehen! Hatten sie den Rückweg doch geschafft, konnten sie sich oft vor Schmerzen die nächsten drei Tage nicht mehr vom Bett erheben. Wirksame Medikamente für eine adäquate Nachbehandlung wurden nur selten oder in unzureichenden Mengen mitgegeben. Für die Behörden erhöhte jeder weitere akzeptierte Langzeitpatient den Druck, das Ausmaß der Krankheiten öffentlich zugeben zu müssen. Um die Auswirkungen vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu verbergen, wurde nur wenige Tage nach dem Unglück die Meldung, 1.064 Personen seien aufgrund des ausgetretenen MIC erblindet, dementiert. Der Regierung von Madhja Pradesh zufolge handelte es sich in all diesen Fällen nur um „vorübergehende Sehverluste“, aber keinesfalls um langfristige Schäden. Auch der Leiter des staatlichen Hamidia-Hospitals, Professor N. R. Bhandari konnte sich die vielen Haut-, Magen-, Leber- und Milzschmerzen nicht erklären. Der Chef des Krankenhauses, in dem mehr als 80.000 Gasopfer behandelt wurden, meinte: „Die Armen schieben alles aufs Gas!“

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Welches skandalöse Verhalten die Behörden von Bhopal an den Tag legten und wie gering die gesicherten Fakten selbst nach mehr als 30 Jahren sind, zeigte sich im Fall eines Medikaments mit Natriumthiosulfat. Dieses Mittel wurde damals kurz nach dem Unglück von Bhopal von US-Experten der Union Carbide als wirksames Behandlungsmittel gegen die Krankheitssymptome empfohlen. Da sich die Firmenleitung in Bhopal zum damaligen Zeitpunkt mit der US-Führung geeinigt hatte, dass es sich beim ausgetretenen Gas um MIC handelte, machte die Empfehlung keinen Sinn mehr, da das Mittel bei Vergiftungen mit Cyanid, einer tödlichen Blausäure eingesetzt wird. Ein interessanter Fakt, da erste Untersuchungen zeigten, dass beim Unglück womöglich auch Cyanid eine Rolle spielte und sich im Körper infolge des Kontakts, etwa mit Schwefel, zu einem Giftcocktail verwandelte. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine erste Sendung des Medikaments nach Bhopal unterwegs, die anschließend verschwand. Jüngere Ärzte glauben auch zu wissen wie: Sie vermuten, dass das Behandlungsmittel vorrangig an Minister und die elitäre Bevölkerung verteilt wurde.

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 Besonders die Slums, in denen sich die Armenhäuser wie an einer Perlenkette aneinanderreihen, eingepfercht zwischen den Werksmauern der Union Carbide und dem Bahndamm, traf es am schnellsten und schwersten. Dort hausen die ärmsten der Armen, vorwiegend Moslems, Personen der niedrigsten Kaste und die keiner Kaste zugeordneten Unberührbaren, denen man höchstens das Leben im Dreck und den Fäkalien zugesteht. Ein Job in der Düngemittelfabrik galt für viele als hohes Gut, oftmals die einzige Möglichkeit die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen und den Kindern eine Zukunft außerhalb der Slums zu ermöglichen. Ihnen blieben die zahlreichen Missstände, die sich selbst im toxischen Trinkwasser vor der eigenen Armenhütte zeigten, nicht verborgen. Viele wussten über die zahlreichen Mängel der Fabrik und befürchteten schon seit längerer Zeit einen chemischen Super-GAU.

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Während Warren Anderson bis zuletzt auf die These beharrte, ein unzufriedener Mitarbeiter hätte die Anlage sabotiert und somit absichtlich das Wasser dem hochreaktiven MIC zugeführt, gingen unabhängige Experten davon aus, dass das Unglück auf von Menschen herbeigeführte technische Fehler zurückzuführen sei. Einer unabhängigen Expertenkommission wurde weder vonseiten der indischen Regierung ein Arbeitsvisum erteilt, noch von Union Carbide der Zutritt zum Werksgelände erlaubt. Somit konnte das Unglück bis heute nicht restlos aufgeklärt werden. Aufzeichnungen und Befragungen von in der Unglücksnacht tätigen Arbeitern legen die Vermutung nahe, dass in der Nacht während einer Leitungsspülung einer chemischen Aufbereitungsanlage unbemerkt größere Mengen Wasser mit MIC in Verbindung kam. Dieses begann anschließend mit explosiver Kraft zu kochen und wechselte infolge eines Temperaturanstiegs in den gasförmigen Aggregatzustand. Eigentlich hätte Wasser niemals mit dem gefährlichen MIC in Verbindung kommen dürfen, da im Normalfall die Wasser und MIC-Leitung voneinander getrennt zu führen sind. Um dennoch bei einer Zweifachnutzung der Leitungen ein solches Unglück zu verhindern, hätte zwischen den Rohren eine einfache Steckscheibe wie hier im Bild, genügt. Doch diese fehlte in der besagten Nacht. Da einfachste Sicherheitsmechanismen entweder fehlten oder abgeschalten waren, blieb dieser chemische Vorgang bis zum kritischen Punkt unbemerkt. Aber selbst die Frage, ob es sich bei dem ausgetretenen Gas „nur“ um MIC handelte, oder womöglich auch andere chemische Verbindungen im Spiel waren, konnte bis heute nicht gänzlich bewiesen werden.

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Schon kurz nach dem Unglück begann das Feilschen um die Opferzahlen und somit die Registrierung der Verletzten und Toten. Die Landesregierung des Staates Madhja Pradesh gab zunächst die Opferzahl mit 1.400 an, eine Zahl über die sich selbst die Zentralregierung wunderte und ihrerseits die Zahl von 2.500 bereits kurz nach der Todesnacht nicht mehr dementierte. Heute gehen Schätzungen unabhängiger Experten von 5.000 bis 10.000 Opfer aus, die unmittelbar oder innerhalb weniger Tage zu Tode kamen. Viele Personen flohen damals in Panik und bereits schwer gezeichnet in andere Städte und verstarben dort oder wurden auf Ladeflächen von Lastfahrzeugen geladen und in anonyme Massengräber beerdigt. Da die Beweislage oftmals unzureichend ist, es keinen Totenschein gibt, die Bestätigung eines Leichenschauhauses fehlte oder Opfer aus anderen Gründen nicht anerkannt wurden, blieb vielen jegliche Entschädigungszahlung verwehrt.

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Erst fünf Jahre nach der Katastrophe stimmte die Union Carbide America einer Entschädigungszahlung in der Höhe von 470 Millionen Dollar zu. Das entspricht etwa 500 Dollar für jeden Verletzten und 1.100 Dollar für jedes Todesopfer. In Anbetracht eines erwirtschafteten Jahresumsatz von etwa neun Milliarden Dollar kam damit der Konzern sehr glimpflich davon, zumal ein Passus die Forderung zukünftiger Entschädigungszahlungen im Vorhinein ausschließt. Im Jahre 2010 wurden ehemalige Manager der indischen Tochterfirma Union Carbide wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von lediglich je 2.000 Dollar verurteilt.

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Selbst mehr als 30 Jahre nach dem Unglück scheint die Stadt Bhopal nicht wieder zum gewohnten Leben zurückgefunden zu haben. Zu groß sind Not, Angst und Krankheit. Die Fehlgeburtenrate ist um einiges höher als im indischen Durchschnitt und besonders viele Kinder kommen mit Fehlbildungen zur Welt: Ohne Beine, ohne Hände, ohne Augen, … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. In den Jahren nach dem Unglück, starben nach Schätzungen der indischen Regierung weitere 15.000-25.000 Menschen an den Folgen des ausgetretenen Gases und mehr als 150.000 leiden bis heute an massiven Gesundheitsschäden. Die Beschwerden umfassen Erblindung, Atembeschwerden, Krebserkrankungen, Hirnschädigungen und schwere Organschäden sowie Missbildungen bei Neugeborenen. Selbst mehr als 30 Jahre danach stirbt jede Woche zumindest eine Person an den Spätfolgen des größten Chemieunfalls der Geschichte. Zuvor gesunde Männer, die tagtäglich in der Fabrik Schwerarbeit verrichteten, waren bereits kurz nach der Katastrophe zu schwach, um beispielsweise ein Fahrrad über einen kleinen Hang zu schieben. Nicht wenige sehen in den Toten des dritten Dezembers die Glückseligen, die Überlebenden als die wahren Opfer.

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2001 wurde die Union Carbide vom US-amerikanischen Chemieriesen DOW übernommen. Geändert hat sich seither nichts! Trotz zahlreicher Versprechen, die Umgebung von den hochgiftigen Altlasten zu befreien, rostet die Anlage weiterhin vor sich hin und sickern ungehindert Unmengen an austretende Chemikalien ins Grundwasser. Einer Studie des indischen Instituts für toxische Studien bestätigte, dass sich weiterhin rund 8.000 Tonnen Giftmüll auf dem ehemaligen Gelände der Union Carbide befinden. Obwohl einer Schweizer Expertenkommission zufolge die Reinigung und der Rückbau des gesamten Areals lediglich rund 30 Millionen Euro kosten würde und sich die indische Regierung vor Jahren bereit erklärte die Sache selbst in die Hand zu nehmen, hat sich bis heute am Status quo nichts geändert.

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Viele der Opfer sehen in den täglichen Qualen nur noch einen Antrieb: Die Verantwortlichen des Unglücks zur Rechenschaft zu ziehen. Teilerfolge gibt es sogar zu verbuchen, wenn auch die Ziele über die Jahre bescheidener wurden. So gibt es seit 2014 einmal alle zwei Tage für eine halbe Stunde Zugang zu sauberem Trinkwasser in den Slums. Mittlerweile fordert die Zentralregierung von Delhi unter dem Druck von Menschenrechtsaktivisten, zusätzliche 1,2 Milliarden Dollar an Entschädigungszahlungen von den USA. Dieser Rechtsstreit wird vermutlich noch Jahre dauern – Ausgang ungewiss.

Erst vor wenigen Wochen erlebten wir in Deutschland die Gefahr, die von großen Chemiekonzernen ausgeht, als drei Arbeiter bei BASF infolge einer Explosion starben. Wie realistisch ist nun die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Bhopals und wie können wir uns im Ernstfall schützen? Was können wir (Deutschland) aus 1984 lernen und besser machen? Nach der Bhopal-Katastrophe gab es kaum Unterstützung für die vielen Opfer und die Fabrikruinen sind selbst 30 Jahre nach dem Unglück noch tickende Zeitbomben: Welche Chancen siehst du für die Zukunft der Opfer und deren Nachfahren? Wie und was hätte Union Carbide, DOW und die Behörden anders machen sollen bzw. was würde bei einer Katastrophe dieser Größenordnung in Deutschland anders/besser ablaufen? Sind wir überhaupt darauf vorbereitet, oder sind die Anlagen heutzutage sicher genug, dass ein Unglück dieser Größenordnung auszuschließen sei? Deine Meinung – wie immer ab in die Kommentare!


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Weiterführende Links:
Srf: Artikel, Fotostrecke und Video-Clips zum Unglück von 1984. (05.11.2016, 07:52) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum Unglück von Bhopal. (05.11.2016, 07:53) – Deutsch
Spiegel-Online: Fotostrecke zum Bhopal Unglück. (05.11.2016, 07:54) – Deutsch
The Toronto Star: Ausführlicher Artikel zu den Hintergründen und Ursachen der Katastrophe und dem Leben der Bewohner. Inklusive beeindruckender 360° Aufnahmen aus den Fabrikruinen. (05.11.2016, 07:56) – Englisch
India Environmental Portal.org: Eigene Seite mit (fast) allen Infos zum Unglück vor und nach 1984. Inklusiver Berichte der Opfer und erklärender Grafiken. (05.11.2016, 07:59) – Englisch
Spiegel-Online: Bericht zum Bhopal-Unglück aus dem Jahre 1985. Mit dem Stand der Ermittlungen und Mutmaßungen von damals. (05.11.2016, 08:01) – Deutsch

Quellenangaben:
Titelbild: http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0014.jpg (05.11.2016, 00:09) – Erblindeter Mann infolge des Gasunglücks von Bhopal. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen.

 

http://www.indiaenvironmentportal.org.in/media/iep/infographics/Bhopal%20Gas%20Disaster/images/hot_spot.jpg (05.11.2016, 00:11) – Karte der Fabrikanlage von union Carbide; Kartenmaterial stammt von Google.maps (Bearbeitung beider Karten mit Photoshop).
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14705037464/in/album-72157645812162402/ (05.11.2016, 00:16) – Safety First – Warnung in der Pestizidfabrik von Bhopal (Bildgröße in Photoshop angepasst).
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14119398488/in/photolist-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-7tKnXA-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-7tFqvk-632FGs-7tDYgZ-aKJnkX-7tKobh-65A2Ty-7tHVME-7tFqLt-7tDYmD-FDiJMZ-65A5P5-7tKo2Y-62Xks2-cRjKTE-fuZ8Cz-65vAJ2-62XqS8-7tFqfi-5SEbhX-7tDYbF-7tDYek-632Cps-65A6Eo-7tKo7s-7tDYsz-7tFqEZ-7tFq88-kL4oWx-qSCSHH-nN9A7b-nvGMpp-kMQgZS-nvFp6M-nvJVWb-rPqRtz-nvJWz5-DyM37 (05.11.2016, 00:18) – Union Carbide Fabrik in Bhopal im Jahre 1985 (Bildgröße in Photoshop angepasst).
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/83d1693652.gif (05.11.2016, 00:20) – Grafik der Sicherheitssysteme, die das Unglück 1984 hätten verhindern können (Bildgröße in Photoshop angepasst). Vielen Dank an Bhopal.org!
Bild von Bhopal.org mit Erlaubnis zur Verfügung gestellt (05.11.2016, 00:27) – Mehrere Schwerverletzte in weiße Tücher gewickelt. (Bildgröße in Photoshop angepasst) Vielen Dank an Bhopal.org
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0014.jpg (05.11.2016, 00:30) – Erblindeter Mann infolge des Gasunglücks von Bhopal. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a2/Bhopal_Plant_7.JPG (05.11.2016, 00:33) – Tank Nr. 610. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/dalbera/16944288732/in/photolist-rPiUHb-DyLUn-62Xsaz-DyLWB-DyLw9-7tDY52-632C4f-nN7WzE-632zTN-DyLsV-62XpGz-DyLe7-65zTxu-DyLk6-62XsEx-DyLHG-7tKnUf-7tHVYo-632yUL-DyLhf-7tFqGv-632Dxf-632yAA-DyLMP-aKJmQz-nvHABS-nN9BWd-nN3sso-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-5SEbhX-7tKnXA-DyLRL-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-sjPpug-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-DyLQq-7tFqvk-632FGs-DyLyY-DyLbM-7tDYgZ (05.11.2016, 00:39) – Mann vor seiner Hütte in einem Slum von Bhopal. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/Bhopal_Gas_Warren_Anderson.jpg (05.11.2016, 00:41) – Warren Anderson vor einer Gruppe protestierender Inder. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://ndsharma.files.wordpress.com/2011/12/bhopalgas11.jpg (05.11.2016, 00:43) – Blinder Mann mit Kinder. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0007.jpg (05.11.2016, 00:45) – Opfer des Bhopal-Unglücks auf der Straße sitzend. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14305405224/in/photolist-nN7WzE-DyLsV-DyLe7-DyLk6-DyLHG-rPiUHb-DyLhf-DyLMP-62Xsaz-7tDY52-632C4f-632zTN-62XpGz-65zTxu-62XsEx-7tKnUf-7tHVYo-632yUL-7tFqGv-632Dxf-632yAA-aKJmQz-DyLRL-DyLQq-DyLyY-DyLbM-nvHABS-nN9BWd-nN3sso-nvFBfY-nN1x89-nvHu7V-nNd2Ea-nLcJTC-5SEbhX-7tKnXA-aKJLFF-7tDY3z-aKJnUz-sjPpug-632CHE-fuZ8Da-62XoVX-632EK5-7tFqvk-632FGs-7tDYgZ-7L1b2L-aKJnkX-7tKobh (05.11.2016, 00:48) – Alltagsszene aus einem Slum Bhopals. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.youtube.com/watch?v=7B4BiFeBKuQ (05.11.2016, 00:51) – Fehlende „Steckscheibe“: Abbildung aus der Dokumentation „51 – Sekunden vor dem Unglück – Der Chemie-Supergau von Bhopal.“ (Bildgröße in Photoshop angepasst)
http://bhopal.org/wp-content/uploads/2014/10/Event-Aftermath-0009.jpg (05.11.2016, 00:55) – Opfer des Gasunglücks werden abtransportiert. Bild wurde von Mr. Jaimini von Bhopal.org aufgenommen. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/dalbera/16325581883/in/photolist-qSCSHH-7tFqBe-7hRyLA-7tDYwg-nN9A7b-nvGMpp-7hMBEg-7tFqjp-nvFp6M-7tDYBM-7tDYzZ-65vFCv-nvJVWb-65vLkX-rPqRtz-65A5nq-7tDY78-nvJWz5-7tKodf-632BFE-65A7cs-7tHVJ1-8TxDMQ-65vCqx-9QA9Au-65zXnq-65vRVB-dTSiZP-DyM37-65vDxK-4RmM5C-65A3v3-62XmUa-65A2uW-7hMBCz-65vPZc-65vNSR-65vMrt-65zZgq-65A6Wh-65vG6i-boppu4-7tDYqt-kMQgZS-7tHVrW-65A7Xd-4RmMLA-dpsDm9-4RmM2G-65A8LL (05.11.2016, 00:57) – Graffiti auf der Fabriksmauer von Union Carbide / DOW. (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bhopal_plant?uselang=de#/media/File:Bhopal_Plant_5.JPG (05.11.2016, 01:00) – Verlassenes Fabriksgelände von Bhopal. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bhopal_Plant_1.JPG?uselang=de (05.11.2016, 06:59) – Chemikalien im Labor der verlassenen Fabrik in Bhopal. Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0 (Bildgröße in Photoshop angepasst)
https://www.flickr.com/photos/bhopalmedicalappeal/14120158967/in/photolist-nvKvjF-nNb7b7-nN14fW-nL89BE-bctxFM-bcty4R-bctzn2-bctAUH-b49q8p-b49pzp-bctyDP-b49par-bctzDP-bctADz-b49oYK-bctyxD-bctyZt-b49pRD-bctyhZ-bctycF-khHwWn-mZpUF-4C3Kon-6qruBT-95FmHf-fwugza-ynSjzh-cSQuA9-bctAk4-bctA7a-bctzee-bctzKg-bctA2p-bctz5H-vxnjy4-vfm3AJ-vfpFhL-vuFKKy-vfpU7b-dc2KVr-hKBoVD-nPWY74-nMZEZd-nMSXza-8L6DEc-nL7NS9-8qrNDT-nNecji-2PhBQ8-zuiSSu (05.11.2016, 07:02) – Frühe Proteste in Bhopal gegen Union Carbide USA. (Bildgröße in Photoshop angepasst)

 

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