Gefangener der Zeugen Jehovas: Interview mit einem Aussteiger

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Nimrod, der unter seinem bürgerlichen Namen nicht genannt werden möchte verbrachte seine gesamte Jugend gemeinsam mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern in der christlichen Sekte der Zeugen Jehovas, bis er im Erwachsenenalter den Entschluss zum Ausstieg und der Abkehr zur Religionsgemeinschaft fasste. Bis dahin bestimmte die Sekte bereits seit über 20 Jahren sein Leben – eine Zeit, die bis heute an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Uns gab er die Möglichkeit für einen Einblick in seinen damaligen Alltag, um zu verstehen was es für ihn bedeutete als Jugendlicher im Kreise der Zeugen Jehovas aufzuwachsen.

Heute spreche ich mit einem der interessantesten Interviewpartner seit Langem: Dem 45 Jahre alten Nimrod aus Schleswig Holstein. Seine Eltern konvertierten in den 60er Jahren zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, der seine zwei älteren Schwestern, deren Familien und seine eigenen Eltern bis heute angehören. Er selbst fasste den Entschluss zum Austritt im Jahre 1993.


Mothersdirt: Wenn du an deine Kindheit bei den Zeugen Jehovas zurückblickst, welche Erinnerung hat dich bis heute am stärksten geprägt?

Ich glaube, es gibt da nicht DIE Erinnerung, die mich am stärksten geprägt hat. Natürlich erinnere ich mich daran, als kleines Kind, abends in den Zusammenkünften im Königreichssaal müde und unruhig auf dem Stuhl hin und her gerutscht zu sein, bis mich mein Vater an den Haaren in einen Nebenraum geschliffen hat. Dort wurden die Kinder sozusagen zur Ruhe gezüchtigt.
Ich erinnere mich auch an Geburtstage oder Weihnachtsfeiern in den ersten Schuljahren, an denen man als Zeuge Jehovas nicht teilnehmen durfte. Man gewöhnte sich früh daran „anders“ zu sein.

Als Einschlaflektüre lasen mir meine Eltern vor dem Zubettgehen biblische Geschichten vor. Am interessantesten waren da natürlich die alttestamentarischen Horrorgeschichten von einem brutalen Gott, der seine Widersacher ohne Gnade vernichtete. Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand. So wurde ich von frühester Kindheit geschult.

Ich glaube, es ist das Gesamtpaket der Erinnerungen und Erlebnisse in frühester Kindheit, die mich geprägt haben.
Was aber als starke Erinnerung immer wieder zurückkommt, ist die Anspannung und Angst vor dem Vater, der damals als einer der Ältesten in der Versammlung eingesetzt war und einen Gummiriemen als Rute der Zucht missbrauchte. Angst vor Dämonen, Angst vor Vernichtung, Angst vor Sünde, Angst vor Bestrafung. Ich denke das Leben in ständiger Angst und Unsicherheit als Kind haben mein späteres Leben sehr geprägt. Ich wurde sozusagen auch nach dem Bruch mit den Zeugen von meinem Gewissen gejagt.

„Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand.“

-Nimrod


Mothersdirt: Der körperliche und geistige Missbrauch besonders bei sehr jungen Menschen bleibt meist der Öffentlichkeit nicht gänzlich verborgen. Wie war dein Verhältnis zu Gleichaltrigen außerhalb der Zeugen Jehovas und war dir der Umgang mit nicht Gläubigen überhaupt gestattet?

Aus meiner Erfahrung macht sich die breite Öffentlichkeit nicht viele Gedanken über die Zeugen Jehovas. Natürlich gibt es bei den Meisten irgendeine Vorstellung oder Vorurteile, die in der Regel nicht viel mit der Realität zu tun haben. Es wird schnell verurteilt, ohne nach Tatsachen zu forschen oder sich Gedanken über die einzelnen Schicksale der Menschen innerhalb dieser Organisation zu machen. So wurde mir in der Schule weiß gemacht, Zeugen Jehovas hätten keinen Fernseher und auch keine Türen im Haus. Doch… das haben sie!
Das liegt wohl in der Natur des Menschen, dem Unbekannten noch etwas Geheimnisumwobenes zuzudichten.

Was mein Verhältnis zu Gleichaltrigen betrifft, so kam ich in der Schulzeit ganz gut mit ihnen klar.
Der Umgang mit Menschen außerhalb der Organisation wird trotzdem, wenn möglich auf ein Nötigstes beschränkt. Schule, Arbeit… das war`s in der Regel. Vereinsmitgliedschaften und private Aktivitäten mit „Weltmenschen“ sind nicht gerne gesehen, Besuche von Diskotheken waren zu meiner Zeit Tabu und „weltliche Musik“ wurde oft dämonisiert. Auch hatten weder meine Schwestern noch ich je ein Poster aus der BRAVO an der Wand, da dies nach Ansicht der Zeugen, hauptsächlich aber meines Vaters, Personenkult darstellen würde und man keine Ideale außer Gott oder Jesus haben sollte.


Mothersdirt: Du beschreibst deinen Vater als aggressive und beherrschende Person in der Familie. Wurden die Verbote allein von deinem Vater, oder auch von deiner Mutter ausgesprochen? Wie würdest du das Verhältnis zwischen euch Kinder und den beiden Elternteilen beschreiben?

Ich denke, man muss zwischen den Regeln, die der Vater als Person durchsetzte und den Regeln, die von der Organisation der Zeugen Jehovas aufgestellt wurden, differenzieren. Die religiösen Regeln galten für alle und wurden sowohl vom Vater als auch von der Mutter durchgesetzt. Die Strenge des Vaters fehlte allerdings bei unserer Mutter.

Das Verhältnis zwischen uns drei Geschwistern war etwas schwierig, da meine Schwestern sieben und neun Jahre älter sind als ich. Meine älteste Schwester verließ mit 17 das Haus. Da war ich acht Jahre alt. Meine andere Schwester ging zwei Jahre später auch im Alter von 17. Beide heirateten sehr früh. Es fehlte irgendwie immer die Herzlichkeit oder der Zusammenhalt, den man innerhalb einer Familie und zwischen Geschwistern vielleicht erwartet. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf.
Auch zwischen unseren Eltern war soweit ich mich erinnern kann nie ein herzliches Verhältnis. Mein Vater war ein Tyrann und so behandelte er nicht nur uns Kinder sondern auch seine Frau.

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Schnappschuss einer vermeintlich sorglosen Kindheit.


Mothersdirt: Würdest du die Spannungen innerhalb der Familie auf den Einfluss der Lehren der Zeugen Jehovas zurückführen? Oder ist es davon klar trennbar?

Die Spannungen, die innerhalb unserer Familie auftraten waren zum großen Teil dem Leben innerhalb dieser Organisation geschuldet. Natürlich trug die individuelle Art unseres Vaters gewisse Dinge umzusetzen ihren Teil dazu bei. Insofern sind die Spannungen nicht klar trennbar. Aber im Großen und Ganzen ist unsere Familie dem dogmatischen Irrglauben der Zeugen zum Opfer gefallen. Eine zerstörte Familie und zerstörte Persönlichkeiten im zweifelhaften Auftrag des Herrn.


Mothersdirt: Wenn du heute vom Irrglauben der Zeugen sprichst, wie waren deine Gedanken zur Lehre als Kind und Jugendlicher? Warst du überzeugter Anhänger, oder gab es auch größere Zweifel an der Richtigkeit der Auslegung?

Als Kind und selbst noch als Jugendlicher habe ich nie die Lehre der Zeugen in Frage gestellt. Wenn ich etwas in Frage gestellt habe, dann eher meine eigene Kraft, diesen Glauben auszuüben. Ich fühlte mich oft zu schwach, sündhaft, unwürdig.
Ich war definitiv überzeugter Anhänger und für mich war diese Lehre keine Auslegung, sondern DIE Wahrheit und als solche bezeichnen die Zeugen ihren Glauben nach wie vor. „DIE WAHRHEIT“, neben Theokratie, Weltmenschen, Überrest, usw. etwas, was zum Sondervokabular der Zeugen Jehovas gehört.


Mothersdirt: Wenn du für dich die Lehre der Zeugen als „DIE WAHRHEIT“ angenommen hast und es für dich daran keinen Zweifel gab, wie und wann kam dir der Gedanke trotzdem auszusteigen?

Es war kein plötzlicher Gedanke, es war eher ein Prozess, der schleichend begann. Es fing auch nicht damit an, dass ich die Lehren in Frage stellte, sondern dass ich mich selbst immer weniger in der Lage sah, diese Lehren befolgen zu können. Am Anfang plagte mich mein Gewissen, dann wurde es für mich mehr und mehr ein praktiziertes Doppelleben. Irgendwann endete es dann im Chaos. Ich ging nicht mehr von Haus zu Haus und immer weniger in die Zusammenkünfte. Je mehr ich mich geistig entfernte, desto mehr wuchs gleichzeitig der Druck von Familie und Organisation. In einer Nacht- und Nebelaktion packte ich meine Sachen und verschwand einfach aus der vertrauten Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt fehlte mir der Mut und die Kraft meine Entscheidung bei den Zeugen und meiner Familie öffentlich zu offenbaren. Ich verschwand sozusagen spurlos, hatte lediglich die nötigsten Dinge und Papiere im Gepäck. Anfangs kam ich bei den wenigen Bekannten unter, die ich außerhalb der Organisation hatte. Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.
Das, was ich hier in kurzer Form beschreibe, war ein langer Prozess, der irgendwann im Teenageralter begann und sein Finale in meinem 23. Lebensjahr hatte. Selbst die ersten Jahre nach den Zeugen konnte ich an der Lehre an sich nichts Falsches erkennen. Ich verteufelte lediglich die Menschen, die diese praktizierten. Erst mit sehr viel Abstand begann sich mein Geist neu zu orientieren und gleichzeitig meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

„Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.“

-Nimrod


Mothersdirt: Hier und da hört man von ähnlichen Fällen wie deiner Geschichte und dem Druck, die willige Aussteiger erfahren. In welcher Form und Weise wurde auf dich vor deinem fluchtartigen Verschwinden Druck vonseiten der Familie und Organisation ausgeübt? Welche zu erwartende Konsequenzen hatten dich damals zur Flucht verleitet?

Wie schon beschrieben ist es zum großen Teil ein passiver Druck, dem man alleine schon durch sein von Kindheitstagen geschultes Gewissen ausgesetzt ist. Ein Druck, der sich bei jedem Fehltritt in Form von reuigen Gedanken meldet. Das Ergebnis einer über die Jahrzehnte perfektionierten Gehirnwäsche.
Eine andere Art von Druck ist natürlich auch die Beobachtung von Glaubensbrüdern und Schwestern, die jedes Schaf, das ihrer Meinung nach vom rechten Pfad abkommt bei der Ältestenschaft melden.
Es wird beobachtet, ob man regelmäßig die Zusammenkünfte besucht, sich aktiv daran beteiligt und gut vorbereitet hat, ob man seiner Pflicht der Verkündigung nachkommt und wie eng der Kontakt zu Menschen außerhalb der Organisation ist.

Für Kinder, die in diese Organisation geboren wurden, kommt natürlich noch die Erwartungshaltung der Eltern dazu, sich niemals vom „wahren Glauben“ abzuwenden.
Es ist also der Druck des eigenen Gewissens, der Respekt vor den Ältesten und die Angst zu enttäuschen – abgesehen von der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die dich auf der anderen Seite erwarten. Insgesamt für viele Zeugen eine zu große Last, um sich endgültig von der Gemeinschaft trennen zu können.

„Die Flucht“ war sozusagen mein persönlicher Weg hinaus, um zumindest den eingehenden Gesprächen mit Ältesten und Eltern aus dem Weg zu gehen. So gab es für mich keine Argumente, die mich zurückhalten konnten, keine Vorwürfe und Angstmacherei, keinen zornigen Vater dem ich entgegentreten musste und keine weinende Mutter, die ich beruhigen musste. Immerhin haben meine Eltern zu diesem Zeitpunkt aus ihrer Sicht ihr Kind verloren.
Vielleicht wird dieser Weg von Außenstehenden als feige betrachtet, aber über 2 Jahrzehnte fremdgesteuertes Leben machen dich unsicher und labil.
Ich musste erst einmal selbst einen klaren Gedanken fassen, sehen wo ich stehe, Kraft tanken, die Füße auf die Erde bekommen.

Ich habe schon früh mitbekommen, welche katastrophalen Auswirkungen ein Gemeinschaftsentzug innerhalb einer Familie der Zeugen Jehovas haben kann.
Meine älteste Schwester brachte im Alter von ca. 17 Jahren einen Mann mit nach Hause. Er war kein Zeuge und fast 20 Jahre älter als sie. Ihr wurde aufgrund von vorehelichem Geschlechtsverkehr die Gemeinschaft entzogen und sie flog von zu Hause raus. Meine Eltern durften keinen Kontakt mehr zu ihr haben.
Mein Vater drehte durch und war nicht mehr ansprechbar, meine Mutter weinte sich durch die Nächte und ich versuchte irgendwie die Stellung zu halten und meinen Eltern nicht zusätzlichen Kummer zu bereiten.

Ich möchte hier noch einmal schildern, welche Auswirkungen für einen Zeugen der Gemeinschaftsentzug eines Glaubensbruders hat. Der Betreffende darf weder gegrüßt noch darf mit ihm gesprochen werden. Jeglicher Kontakt ist untersagt. Dieser Mensch ist der Vernichtung geweiht. Die einzige Möglichkeit für ihn ist Reue. Auch bei nahen Verwandten werden hier keine Ausnahmen gemacht.

Ich muss dazu sagen, dass meine Schwester irgendwann ihren „Fehltritt“ bereute und sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Ihr Mann nahm kurze Zeit später ebenfalls diesen Glauben an und sie sind bis heute verheiratet und haben mittlerweile fünf gemeinsame Kinder, die auch alle in diesem Glauben erzogen wurden, bzw. werden.


Mothersdirt: Im Hinblick auf drohende Konsequenzen hast du die Flucht nach vorne angetreten und deine gewohnte Umgebung verlassen. Wie lange warst du danach nicht auffindbar und wie wurde nach dir gesucht?

Ich war ca. drei Monate in der Versenkung verschwunden. Meine Eltern haben natürlich zunächst versucht, mich über Bekannte zu erreichen oder haben Orte aufgesucht, an denen sie mich vermuteten. Später wurde sogar die Polizei informiert.
Ich habe das alles von einem damaligen Weggefährten erfahren, dessen Eltern ebenfalls bei den Zeugen waren. Als ich davon erfuhr, meldete ich mich zunächst telefonisch bei meiner Familie.

Ich muss dazu sagen, dass ich vor meiner sogenannten Flucht ins Leben, Briefe sowohl für die Familie als auch für die Ältestenschaft der Zeugen abschickte.
Ich habe also darüber informiert, dass es nicht mein Ziel war mir mein Leben zu nehmen, sondern mein Leben zu finden.


Mothersdirt: Normalerweise zählt das Verschwinden des eigenen Kindes zum Schlimmsten, dass sich Eltern vorstellen können und eine Anzeige bei der Polizei erscheint dahingehend für die meisten als logischer Schritt. Welchem Umstand ist es schlussendlich zu verdanken gewesen, dass du wieder nach Hause zurückgekehrt bist und wie reagierte deine Familie und die Ältestenschaft darauf?

Zum einen war ich zu diesem Zeitpunkt fast 23 Jahre alt und wohnte nichtmehr bei meinen Eltern. Wie die meisten Zeugen Jehovas habe ich früh geheiratet. Da eine Beziehung zu einem Menschen des anderen Geschlechts in dieser Organisation ohne Heirat nicht wirklich möglich war/ist entscheiden sich viele junge Zeugen früh für diesen Schritt. Ich war gerade 19 Jahre alt.

Zum anderen hatte ich wie schon gesagt Briefe geschrieben, die meinen „Ausbruch“ erklären sollten. Einen Brief an die Ältesten der Versammlung, in dem ich meinen Austritt erklärte und auch meine Beweggründe offenbarte und einen Brief für meine Familie, mit der Bitte nicht nach mir zu suchen.
Ein Zurück in mein altes Leben gab es von diesem Zeitpunkt nicht mehr und ich habe diesen Schritt auch nie bereut.


Mothersdirt: Wie entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren deine Beziehung zu deinen Eltern? Gab es auch nach dem Brief an die Ältestenschaft noch irgendwelche Versuche dich in die Organisation zurückzuholen?

Das persönliche Verhältnis zu meinen Eltern und der Familie im Allgemeinen war von diesem Zeitpunkt an gebrochen. Lediglich zu meiner Mutter hatte ich in unregelmäßigen Abständen noch Kontakt. Da Zeugen Jehovas jedoch keinen Umgang mit Ausgeschlossenen pflegen dürfen, wurde dieser auch immer weniger.
Anfangs versuchte meine Mutter mich immer wieder  durch Gespräche zur „Umkehr“ zu bewegen. Sie gab mir auch immer mal wieder Zeitschriften oder Bücher der Zeugen mit.

Mit 25 Jahren änderte ich meinen Nachnamen, um zum einen mit der Vergangenheit abzuschließen und zum anderen nicht mehr ohne weiteres auffindbar zu sein. Ein weiterer Grund war der Spruch meines Vaters, „er hätte keinen Sohn mehr“.

Es gab von Seiten der Ältestenschaft später zwei Versuche mich zurück in die Organisation zu holen. Sie klingelten irgendwann unerwartet an der Haustür und baten um ein Gespräch. Ich konnte ihnen aber relativ schnell meinen mittlerweile gefestigten Standpunkt klar machen.


Mothersdirt: Seit deinem erfolgreichen Ausstieg sind mittlerweile viele Jahre vergangen und du konntest den geistigen wie auch körperlichen Missbrauch scheinbar gut verarbeiten. Gibt es trotzdem Spuren der seelischen Verletzung, die bis heute in deinem täglichen Leben nachwirken? Wenn ja, welche?

Natürlich haben die Jahre Spuren hinterlassen.
Jeder ist irgendwie das, was aus ihm gemacht wurde. Jeder ist als Kind sowohl von den Eltern als auch von den Umständen, in denen er aufgewachsen ist, geprägt worden. Dazu kommen die jeweilige genetische Veranlagung und natürlich ein wenig das, was man selbst aus seinem Leben macht.
Aus dieser Mischung wird dann wohl das, was man schlechthin als Persönlichkeit bezeichnet.

Auch meine Persönlichkeit wurde geprägt. Ich habe Eigenschaften geerbt, vieles in mir wurde kaputt gemacht, ich wurde in Ansichten hineingezwungen…
Ich weiß nicht, wer ich geworden wäre, wenn ich bei anderen Eltern, in einem anderen Land und unter anderen Umständen groß geworden wäre.

Ich habe nach der Zeit bei den Zeugen keine Freundschaften pflegen können, ich fühle mich bis heute in Gruppen nicht wohl und lasse Menschen meist nicht sehr nahe an mich heran, ich bin in vielen Dingen sehr emotionslos geworden, ich kann weder Trauer noch Freude richtig fühlen. Eines der Gefühle, die ausgeprägt sind, ist Wut. Ich habe lange in meiner eigenen Welt gelebt und noch immer Probleme, diese Welt mit anderen Menschen zu teilen. Ich habe viele Jahre unter Depressionen gelitten, ohne für mich einordnen zu können, dass es welche sind. Fehlende Lebensfreude, mangelnde Motivation und ständige Müdigkeit gehörten lange zu meinem Alltag. Nach zwei gescheiterten Ehen und drei Kindern zu denen kaum, bis gar kein Kontakt besteht, habe ich vor ein paar Jahren den Entschluss gefasst mich zu befreien und für mich zu kämpfen.
Ich habe eine Partnerin, die mir gut tut, ich arbeite an mir, unserem gemeinsamen Kind ein besserer Vater zu sein und ich habe mich vor ca. einem Jahr in psychosomatische Behandlung begeben. Zusätzlich habe ich nach über 20 Jahren im letzten Jahr Kontakt zu einigen Menschen meiner Familie aufgenommen und versucht etwas Vergangenheit aufzuarbeiten.

Es geht bergauf.

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Der Ausstieg aus der Sekte markierte den Anfang vom Ende. 20 Jahre später kämpft Nimrod noch immer, um die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit aufzuarbeiten und diese Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können.


Mothersdirt: Obwohl du bereits im noch jungen Alter einen der ersten realistischen Möglichkeiten zum Ausstieg nutzte, war zu diesem Zeitpunkt deine Jugend bereits zerstört und die weitere Zukunft vorgeprägt. Welchen Rat würdest du aus heutiger Sicht einem jungen Erwachsenen mitgeben, der trotz möglicher Konsequenzen selbst ernsthaft mit dem Gedanken spielt aus der Gemeinschaft auszutreten?

Da ich weiß, wie schwer es ist den Schritt aus dieser Organisation zu gehen, insbesondere bei Menschen, die in diese hineingeboren wurden, ist es nicht leicht einen Rat zu geben, der pauschal eine Lösung bietet.
Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.
Letztendlich sollte aber jeder auf sein Herz hören, und wenn das Gefühl dir sagt, dass der Weg der Zeugen Jehovas nicht deiner ist, dann sollte man auch bereit sein, für sein Leben zu kämpfen.

Es gibt viele Hilfestellungen, die man in solch einem Fall auch in Anspruch nehmen sollte.
Einfache Dinge wie Sportvereine, Hobbys, Internetforen oder vielleicht alte Schulfreunde können behilflich sein, erste Kontakte nach außen zu knüpfen. Wichtig ist, nicht das Gefühl zu haben nach der Zeit als Zeuge alleine zu sein. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit eine Therapie in Anspruch zu nehmen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Gespräche und Erfahrungsaustausch mit anderen ausgeschlossenen Zeugen könnten ebenfalls eine Hilfe sein, sich über seine eigenen Beweggründe im Klaren zu werden.

„Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.“

-Nimrod

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie schwer man sich tun kann, sein vertrautes Leben hinter sich zu lassen. Aber wie heißt es in einem alten Seefahrerspruch: „Man kann keine neuen Ufer entdecken, hat man nicht den Mut die Küste aus den Augen zu verlieren.“
Und jeder der diesen Mut hat, wird irgendwann feststellen, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und dass dieses Leben so viel mehr zu bieten hat als wöchentliche Versammlungen, dem Studium von Publikationen, die von alten religiösen Heuchlern herausgegeben werden und dem ständigen Druck, irgendwelchen Regeln nicht gerecht werden zu können.
Kämpfe um dein Leben, kämpfe für dich selbst. Es lohnt sich.

…..und in 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen. Erfasse den Wind mit deinen Segeln. Erforsche…Träume.


Mothersdirt: Nimrod, herzlichen Dank für das interessante Gespräch und all die detaillierten Eindrücke aus deiner Kindheit bei den Zeugen Jehovas.

Für all jene, die selbst an einen Ausstieg denken oder sich mit diesem Thema noch etwas genauer beschäftigen möchten, gibt es am Ende des Beitrages noch einige Links zu Erzählungen von Ehemaligen, Adressen von Beratungsstellen sowie allgemeine Informationen und Hilfestellungen zum Ausstieg bei den Zeugen Jehovas.


Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Alle Rechte zum Umfang und Inhalt des Artikels, sowie den Abbildungen bleiben bei den Verfassern – im Besonderen bei der Person hinter dem Pseudonym Nimrod. Das Titelbild ist hiervon ausdrücklich ausgenommen.

Titelbild: https://pixabay.com/de/depression-deprimiert-forlorn-1252577/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JW_ORG_logo.jpghttps://encrypted-tbn3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRVk74KnrOFxzjOuddWAP1y4f5V9f5sYbSfLgLUrv7za8xDE7hehttps://pixabay.com/de/dunkel-fenster-leuchten-licht-1309884/ (14.02.2017, 13:59) – Mann sitzt auf einem Sessel im dunklen Raum. Daneben blutendes JW.ORG-Logo (Bild wurde mit Photoshop erstellt).

 

Nimrod_Jugend.jpg (15.02.2017, 00:09) – Schnappschuss aus der Jugend von Nimrod. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.
Nimrod_aktuell.jpg (15.02.2017, 00:11) – Aktuelles Foto von Nimrod mit Kapuze und einer Zigarette rauchend. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.
 
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Das ist unser Nazi-Style

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Seien es Badges, Flaggen oder Helme – eine gewisse Begeisterung für Nazi-Devotionalien in Europa und Amerika musste sich nicht erst entwickeln. Die Mischung aus Sammelleidenschaft in Verbindung mit antisemitischem Rassenwahn ist schon lange irgendwie ein (kleiner) Teil unserer Gesellschaft. Dieses lukrative Geschäft mit unserer jüngeren geschichtlichen Vergangenheit schaffte es vor wenigen Jahren auch in Ostasien Fuß zu fassen. Ein Geschäftsmodell, das weniger mit dem ideologischen Wahn(sinn) wirbt, sondern auf die Unwissenheit der Menschen einerseits und der Gier nach Geld, Macht und Aufmerksamkeit andererseits setzt. Das Ergebnis ist der sogenannte Nazi-Style. Ein Trend, der nur wenig mit unserem Verständnis von Nazis gemein hat, aber dennoch eine große Gefahr in sich birgt.

Neo-Nationalismus hat vermutlich nie einen zuerkannten Anfang und wird wohl so schnell auch kein Ende nehmen. Juden- und Rassenhass gipfelten im zweiten Weltkrieg in der Hölle Europas und verstanden sich stets als Abgrenzung. Der Mitte der 70er Jahre aufkommende Nazi-Style der Punk-Subkultur hat damit wenig bis gar nichts mehr zu tun. Das Ziel ist es zu schockieren und gesellschaftliche Tabus zu brechen. Als prominente Beispiele dieser Zeit sind Jonny Rotten von den Sex Pistols in einem T-Shirt mit der Aufschrift „DESTROY“ und Siouxsie Sioux von Siouxsie and the Banshees, die bei ihren Auftritten um das eine oder andere Mal in S und M Kleidung in Verbindung mit einem Hakenkreuzarmband in Erscheinung trat, zu nennen.

Etwa ab den 1980er Jahren etablierte sich die „Nazi-Fashion“ in der asiatischen Pop- und Rock-Kultur. Die gängigsten Stilrichtungen sind „Swastikawaii“ (cute swatikska), dass das Symbol des Hakenkreuzes als Hauptmotiv benutzt und der „Führer-Chic“ – eine oft comichafte, verniedlichende Karikatur von Adolf Hitler.

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Mit 45.000 verkauften Exemplaren wurde die japanische Manga-Comic-Version von HitlersMein Kampf“ (jap. わが闘争) zu einem kleinen kommerziellen Erfolg.

Dass das wiedererkeimende nationalsozialistische Gedankengut im Pop- und Rock-Genre kein rein europäisch– und US-amerikanisches Problem darstellt, zeigte sich erneut Ende 2016 an der Kleidungswahl einer bislang populären japanischen Pop Gruppe. Keyakizaka46, eine Abspaltung der berühmten AKB46 Pop-Gruppe unter der Leitung eines hohen Aufsichtsratsmitgliedes für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, wurden national wie auch international heftig kritisiert, als sie während eines Halloween-Konzertes in nachempfundenen SS-Uniformen auftraten. Veröffentlichte Fotos zeigen Mitglieder der Band in an die nationalsozialistische SS-Einheit ähnelnden Uniformen und einer schwarzen Schirmmütze, auf der ein Adlerabzeichen prangt. Besonders kontrovers sind die Umstände, dass die Mehrheit der über 30 Mitglieder der J-Pop-Band selbst noch minderjährig sind, durch ihren Erfolg große Popularität unter Gleichaltrigen oder jüngeren japanischen Teenager genießen und Yasushi Akimoto, der Songschreiber und Producer der Band eine bedeutende Rolle in den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo innehat.

Kritik in den Social-Media Plattformen – allen voran auf Twitter folgte dem skandalösen Auftritt prompt.

„Nur weil du es nicht wusstest oder die Nazis selbst nicht in den Himmel lobst, gibt es dir noch lange nicht das Recht so etwas zu machen. In Anbetracht ihres Einflusses als „Idols“ ist das unverzeihlich.“

Twitter-User @batayanF3

Kurze Zeit später meldete sich auch Akimoto auf der Webseite von Keyakizaka46 zu Wort, der seine Verfehlungen als Produzent der Band zu tiefst bedauerte. Gleiches tat Sony, der Plattenverlag, der die japanische Gruppe bis heute unter Vertrag hält. Sony gab an, den Vorfall und die eigene Unwissenheit darüber zu tiefst zu bedauern, für die Zukunft daraus zu lernen und diesen Vorfall nicht mehr zu wiederholen.

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Zwei Mädchen der japanischen Pop-Band „Keyakizaka46“ (jap. 欅坂46) in ihrer Nazi-Uniform.

Ein frommer Gedanke, betrachtet man eine ähnlich verunglückte Kostümwahl nur wenige Jahre zuvor. Damals galt der Ärger der Japaner dem Musiklabel Sony, dem Fernsehsender MTV und besonders den Mitgliedern der Gruppe Kishidan, nachdem diese im abendlichen Fernsehprogramm in nachempfundenen Nazi-Uniformen aufgetreten waren. Eine Entschuldigung folgte erst, nachdem das Simon-Wiesenthal Zentrum, dass sich der Aufspürung antisemitischer Aktivitäten verschrieben hat, seinen Schock und Bedauern öffentlich machte.

Doch auch im von der japanischen Besatzungsmacht geschichtlich gebeutelten Südkorea scheint das Mitgefühl für manche nur sehr begrenzt zu existieren. Unter dem Begriff der Trostfrauen mussten Frauen aus Korea und China während der japanischen Besatzungszeit schlimmste sexuelle Übergriffe durch japanische Soldaten über sich ergehen lassen. Ein Schicksal, das das Nachkriegskorea ähnlich stark erschütterte, wie das Erbe des Nationalsozialismus in Europa. Und dennoch schrecken manche Geschäftsleute nicht davor zurück die dunkelste Vergangenheit gewinnbringend zu vermarkten. So geschehen in Busan, die bis 2008 eine „Hitler Techno Bar“ mit Abbild Adolf Hitlers inklusive ausgestreckter Hand zum Hitlergruß, Einheimische wie auch Touristen zum Feiern einladen sollte. Unter dem Eindruck jüdischer Proteste wurde zunächst 2003 die Bar in „Ddolf Ditler-Bar“ und wenig später in „Caesar“ umbenannt, ehe sie um das Jahr 2008 endgültig einer Karaoke-Bar weichen musste.

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Die „Ddolf Ditler Techno Bar“ in Seoul. An einem Schild am Eingang wurde nochmals extra darauf hingewiesen, dass der Betreiber der Bar nicht die Absicht habe die NS-Ideologie zu unterstützen oder zu bewerben. Könnte diese Aufmachung tatsächlich noch missverstanden werden? Ps.: Der unten abgebildete Text wurde sinngemäß ins Englische übersetzt!

Die Hitler oder Ditler-Bar ist nur eine von mehreren Bars in Südkorea, die in den letzten Jahren eröffnet wurden. Eine der bekannteren war die Bar „The Fifth Reich“ in Seouls Shinchon Bezirk. Bereits am Eingang war für jedermann klar ersichtlich – der Führer ist hier Programm! Ein weiteres Hitler-Bildnis zeigte sich dem Besucher über der Bar, an der Kellner und Kellnerinnen mit Hakenkreuzarmbändern Getränke mit vielversprechenden Namen wie „Adolf Hitler and Dead“ mixen. Zumeist junge Studenten aus der unmittelbaren Umgebung trafen sich hier inmitten aus der Romantik nachempfunden Säulen, Statuen mit goldenen Reichsadlern und mit Naziinsignien geschmückten Vitrinen. Neben der Kassa wurden Anstecknadeln und Abzeichen als Souvenirs an die zahlreichen Kunden zum Kauf angeboten. Für viele mag es wie eine Ruhmeshalle für eine Person gewirkt haben, die sechs Millionen Juden in den Holocaust schickte. Aber wie so oft waren sich auch hier viele der Bedeutung, die sich hinter dem Namen Adolf Hitler verbarg, nicht bewusst. So auch der Stammkunde Chung Jae Kyung:

„Ich hasse sie nicht. Ich mag sie aber auch nicht. Aber wenigstens haben sie sich gut angezogen.“

-Stammkunde Chung Jae Kyung über Nazis und Adolf Hitler

Ein Statement, dass in westlichen Ländern am ehesten der Neo-Nazi Szene zuordenbar wäre, aber in Südkorea unter dem Namen „Nazi-Chic“ gebräuchlich ist. Es ist dies eine mehr als bedenkliche Faszination für den militärischen Kleidungsstil aus der Zeit des Nationalsozialismus.

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Nazi-Chic ist vielmehr Teil der asiatischen Cosplayszene, als eine Verherrlichung der NS-Ideologie zu verstehen.

Kritik und Protest folgten. Jedoch zum Großteil nur aus den Reihen westlicher Ausländer. Es hat den Anschein, dass viele Koreaner den emotionalen Schritt des Mitgefühls für die Opfer des Holocausts nicht schaffen, obwohl das Land selbst unter der Besatzung Japans schwer zu leiden hatte. Für viele ist der Nationalsozialismus und der Holocaust ein Produkt des Westens, etwas das sich für Koreaner als sehr weit entfernt anfühlt und scheinbar mit ihnen wenig zu tun hat. Sie erachten es als ein rein europäisches Tabu-Thema, dass unter dem kulturellen Ballast nur wenig Raum für freie Interpretationsmöglichkeiten bietet.

Es dauerte einige Jahre und benötigte den Druck internationaler Organisationen, bis auch die koreanische Regierung den Druck auf die damaligen Eigentümer erhöhte, die Bar endgültig zu schließen. Und das, obwohl kein Gesetz in Südkorea die zur Schau Stellung von Nazi-Devotionalien explizit verbietet. Erst der Protest der israelischen und deutschen Botschaft erwirkte eine Umbenennung vom ursprünglichen Namen „Third Reich“ in „Fifth Reich“ und im Zuge dessen gelobte der neue Eigentümer Kim Kwang Tae Besserung, und die Nazi-Symbole zu entfernen. Den großen Versprechungen folgten kaum Taten: Die großen Reichsflaggen wurden abgehängt und das „Third Reich“ ging ins „Fifth Reich“ über. Alles andere wurde weitestgehend beibelassen. Das große Hitler-Portrait ließ er am angestammten Platz, da er laut eigener Aussage über kein Alternativbild verfügte. Und das Simon Wiesenthal Center? Das fühlte sich genauso wie die deutsche und israelische Botschaft übergangen, forderten sie doch eine gänzliche Schließung oder Denazifizierung des Lokals. Heute, 16 Jahre später erinnert nichts mehr an das „Fifth Reich“ von damals. Schon vor einigen Jahren ist das Lokal verkauft worden und unter einem neuen Eigentümer wurde wenig später ein neues Restaurant eröffnet – mit neuem Konzept gänzlich ohne nationalsozialistischen Nachgeschmack.

Ein guter Ruf ist Gold wert! – Ein Sprichwort ohne weiterer Daseinsberechtigung. Ähnliches dachte sich wohl auch die bis dahin mehr oder weniger unbekannte K-Pop BandPritz“ (프리츠) aus Südkorea, als sich das Management der Mädchenband zu diesem besonders geschmacklosen Kleidungsstil entschied: Die vier gecasteten Mitglieder mit den Namen Hana, Yuna, Ari und Shua – alle zwischen 18 und 24 Jahre alt hatten im Jahr 2014 ihren ersten Hit mit „Go Girls„, als im November des selben Jahres der Skandalauftritt mit den schwarz-roten Armbinden folgte. (Hier ist das Video zu sehen. Der Skandalauftritt startet ab Minute 4:11). Die Mädchenband gab an, sich bei dem Auftritt nichts gedacht zu haben, als sie mit an die NS-Zeit erinnernden Armbinden auftraten. Auch die Talentagentur Pandagram bestritt jeden beabsichtigten historischen Zusammenhang, obgleich bereits der Name „Pritz“ Gegenteiliges vermuten lässt. So steht Pritz nicht nur als mögliche Ableitung zum deutschen Wort Blitz, sondern für „Pretty Rangers In Terrible Zones„, was etwa so viel wie „Hübsche Jäger in schrecklicher Gegend“ heißt. Auch wenn der Auftritt tatsächlich entgegen unserer Vermutung nicht den Bekanntheitsgrad der noch jungen Gruppe fördern sollte, so hat sie eindrucksvoll Gegenteiliges bewirkt. National und international folgte eine Mischung aus Zorn, Spott und Ungläubigkeit als Reaktion auf die veröffentlichten Bilder. Manche sahen in den Armbinden sogar eine klare Referenz zu der ehemaligen faschistischen und antisemitischen Partei der „Pfeilkreuzler„, die zwischen den Jahren 1935 und 1945 in Ungarn bestand. Der Plattenfirma ist es ziemlich egal, ob Kritiker die Symbole mit ungarischen oder deutschen Nazis in Verbindung bringen. Für sie steht fest, dass die Inspiration des Symbols eines Kreuzes auf weißen Grund von einem Straßenschild herbeirührt. Ihrer Definition zufolge weisen die vier Pfeile des Kreuzes in alle vier Richtungen, um die grenzenlos glorreiche Zukunft der vier Mädchen zu symbolisieren. Keine Grenzen kennt zumindest ihr Einfallsreichtum, um auch in Zukunft mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Sei es in der Kostümwahl, oder auch den Stil anderer wie dem, der mittlerweile weltweit bekannten J-Pop/Metal BandBabyMetal“ zu imitieren.

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Die K-Pop BandPritz“ kurz nach dem skandalträchtigen Auftritt im Jahre 2014: Gut zu sehen sind die Armbinden der „glorreichen Zukunft„. Ob Absicht oder nicht, eine Ähnlichkeit zum Symbol der Pfeilkreuzler (Link) ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen.

Der koreanische „Nazi-Style“ hat nicht nur die Pop- und Rock-Kultur für sich entdeckt, sondern sich mittlerweile auch das Massenmedium Fernsehen zunutze gemacht. Eine vor einigen Jahren ausgestrahlte Fernsehwerbung zeigt eine koreanische Frau in Nazi Uniform mit Geräuschen von Artilleriefeuer in Hintergrund, die der Werbung zu Folge genau weiß, wie sich Frau zu pflegen hat. Und wie? – Natürlich mit einer Gesichtscreme, die die Haut pflegt und bleicht um somit der idealen Rasse (Anspielung an den nordischen– oder arischen Rassentypus) zu entsprechen. Besonders hier zeigt sich abermals wie nahe Ignoranz und mögliche Anzeichen von NS-Fanatismus beieinanderliegen können.

“Even Hitler didn’t unite the East and West.“

-Aussage eines koreanischen Werbeclips für Hautcreme aus dem Jahre 2008

Ein weiteres Beispiel für misslungenes „Nazi-Cosplay“ in Südkorea folgte nur ein Jahr später in der Hauptstadt Seoul. Die anwesenden Passanten mögen wohl nicht schlecht gestaunt haben, mitten an einem kalten Jännertag auf eine Gruppe gut gebauter, halbnackter Koreaner zu treffen. Diese Männer im Militäroutfit mit dem Reichsadler auf der Militärmütze waren keine Fanatiker der NS-Ideologie, sondern gerade dabei das Computerspiel „Karma II“ zu promoten. Dabei stellt sich auch hier das Eine um das andere Mal die Frage, wie weit Werbung gehen darf und ob eine ausgestreckte Hand zum Hitlergruß vielleicht schon weit über die Toleranzgrenze hinaus geht.

Wenn auch diese hemmungslose Profitgier in einer rücksichtslosen, nach Aufmerksamkeit strebenden Welt Grund zur Sorge geben sollte, gelten diese Vorfälle in Korea und Japan im Gegensatz zu manch modernem Geschäftsmodell in Südostasien, als traurige Einzelerscheinungen. Dazu zählen unter anderem das indische Geschäft „Hitler Batteries„, das Kosmetikgeschäft „Hitler & Co Basilaromah„, das Bekleidungsgeschäft „Hitler„, „Hitler’s Cafe„, das dem „Kentucky Fried Chicken“ nachgeahmte „H-Ler Chicken Fry“ Restaurant im thilandischen Ubon Ratchathani und bis vor wenigen Jahren das „Soldatenkaffee“ im indonesischen Bandung. (Der jeweilige Standort wurde mit Google-Maps verlinkt)

Trotz mächtigem und aller demokratischen Grundrechten unterdrückendem Militärregime gilt immer noch Thailand als Hochburg der Verbreitung von Nazi-Devotionalien. Dazu sehr gut ins Bild passend verhält es sich mit dem Blogger Henry und seiner Nichte, die er im Urlaub in Thailand treffen wollte. Sie, eine Musikerin hatte sich auf der einen Kopfseite ein Peace-Zeichen rasieren lassen und auf der anderen Seite ein Hakenkreuz! Viele Jugendliche dort kennen die Bedeutung des Hakenkreuzes in der westlichen Welt überhaupt nicht – und die Gründe mögen vielschichtig sein, haben aber in der Regel mit dem westlichen Neo-Nationalsozialistischen Gedankengut kaum etwas zu tun. Dennoch wird dieser Trend mit Sorge betrachtet, erfreuen sich doch Hetzschriften wie „Mein Kampf“ in genau diesen Ländern reißendem Absatz.

Sie kennen zwar den Namen Adolf Hitler und auch seine Verbindung mit der Swastika, empfinden es aber trotzdem als „cool“ oder „rebellisch“ dieses in voller Größe auf dem T-Shirt zu tragen. Natürlich könnte man annehmen, dass hier eine Missinterpretation der Swastika im Buddhismus vorliegt, aber viel näher liegt vermutlich eine Verbindung zum verrückten Hasen Jolly Roger und Darth Vader, dem Bösewicht aus Star Wars. So, oder so, sie sind alle auf ihre ganz bestimmte Weise einfach nur „Bad Ass„.

„Es ist nicht unbedingt so, dass ich Hitler mag, aber er sieht lustig aus und die T-Shirts sind bei Jugendlichen sehr beliebt.“

-Aussage eines thailändischen T-Shirt Verkäufers zu CNN News

Möchte man den Berichten anderer Thailandtouristen Glauben schenken, ist der Trend der Swastika schon längst von einfachen T-Shirts auf nachgebaute Wehrmachtshelme, eigene Moped-Klubs, Hotels und Restaurants übergegangen, die sich der Geschichte des Dritten Reiches mehr oder weniger eingehend widmen. Hitler und das Hakenkreuz auf roten Grund kommen bei den Jugendlichen an und lässt sich gut zu Geld machen. Sie haben aber leider sehr häufig keine Ahnung über die wahre Bedeutung, die hinter der Symbolik steckt! Für sie ist es ein Stück Geschichte – nicht mehr, nicht weniger!

ronald-mchitler

Mit Adolf Hitler lässt sich bei Thailands Jugend gutes Geld verdienen – und das ganz offiziell und legal!

Ein Trend, der sicher bedenklich ist, aber in keinster Weise mit westlichem Antisemitismus zu vergleichen ist. Sie tragen SS und Hitler T-Shirts, leugnen aber in der Regel den Holocaust nicht – ehestens aus blankem Unwissen, das am Besten mit den Verschwörungstheorien wie der ersten Mondlandung oder dem 11. September 2001 zu vergleichen ist. Das Absetzen von eigenen abstrusen Theorien und Erklärungsversuche zu historischen Ereignissen durch „Laienforscher„, hat nicht nur die westliche Welt ergriffen und hier wie dort schon längst jede Tabugrenze überschritten. Aber denkt man hierzulande an den Umgang mit der Symbolik eines Che Guevara oder Mao Zedong und wie ihr geschichtliches Erbe vermarktet wird, sind die Thais und ihr Unwissen sogar beinahe entschuldbar. Oder welcher Europäer kennt die Bedeutung der „Flagge der aufgehenden Sonne“ – in Japan als Kyokujitsuki (旭日旗) bekannt? Und wer weiß, dass die Verwendung dieser Flagge ähnliche Verstimmungen in den ehemals von Japan besetzten Ländern Korea und China hervorruft? Manchmal sind es doch wir selbst, die sich der Weltgeschichte etwas genauer widmen sollten. Nichtsdestotrotz wird eine Che Guevara Pop-Gruppe oder ein Stalin-Restaurant in Europa auch hoffentlich in Zukunft eine surreale Vorstellung bleiben. Manchmal ist doch noch weniger mehr.

Wie siehst du den neu entfachten Nazi-Trend in Asien? Wie weit darf Werbung und Marketing gehen und ab wann werden eindeutig Tabugrenzen überschritten? Oder sollte es diesbezüglich für ein von braunem kulturellem Ballast unvorbelastetes Asien keine klaren Regeln geben? Schließlich sind auch die ehemaligen Revolutionsführer Che Guevara und Mao Zedong verehrte Kunstikonen in Europa. Die genauen geschichtlichen Hintergründe zu diesen beiden Personen scheinen hier in Europa, wie Adolf Hitler in Asien kaum von Relevanz zu sein. Und das in Anbetracht von geschätzten 45 Millionen Todesopfer, die durch Mord und Folter während der Herrschaft Maos zu Tode kamen. Wie ist deine Meinung dazu? Bin wie immer auf eure zahlreichen Antworten gespannt und verbleibe wieder bis zum nächsten Mal auf Facebook oder hier in den Kommentaren.

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Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: http://asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/05/nazicosplay1.jpg (04.02.2017, 03:01) – Zwei junge koreanische Männer im Nazi-Cosplay Kostüm. Vielen Dank an Andy/Dean, die mir diese Bilder zur Verfügung stellen!

http://scd.observers.france24.com/files/images/manga_Mein_Kampf-couverture_0.jpg (04.02.2017, 03:03) – Titelbild des japanischen Mangas über Hitlers „Mein Kampf“. Vielen Dank an das Team von „The Observers – France 24“.
https://i.guim.co.uk/img/media/ab458f45f470423f3bf8456f2a7ae5bc274cb86a/0_0_1277_766/master/1277.jpg?w=1920&q=55&auto=format&usm=12&fit=max&s=11fad750349590fc968fab3070682cb4 (04.02.2017, 03:04) – Zwei Mädchen der J-Pop Band „Keyakizaka46“ im Nazi-Outfit.
http://www.pusanweb.com/feature/hitlerbar/Apr23-04.jpg, http://www.pusanweb.com/feature/hitlerbar/Apr23-03.jpg (04.02.2017, 03:16) – Ddoif Ditler Techno Bar in Busan von der Außenfassade gesehen (Beide Grafiken im Microsoft Paint zusammengeführt). Der Dank geht an Jeff von Koreabridge, der mir dieses Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat und mich mit wertvollen Informationen versorgt hat.
http://asiaobscura.com/wp-content/uploads/2011/05/nazicosplay5-500×280.jpg (04.02.2017, 03:20) – Junge Frau im Nazi-Cosplay. Vielen Dank an Andy/Dean, die mir diese Bilder zur Verfügung stellen!
http://cfile5.uf.tistory.com/image/260DA4405457A0AB17A550 (04.02.2017, 03:07) – Mitglieder der K-Pop Band „Pritz“ kurz nach derem skandalträchtigen Auftritt im November 2014. Alle Rechte am Bild verbleiben beim „C-Studio“.
https://www.flickr.com/photos/l_amande/6786192564/in/photolist-57ic6m-bkF1C5-Mp16Ah-PLYMy8 (04.02.2017, 03:23) – „Ronald McHitler“ in Thailand.