TTIP: Das Ende unserer Landwirtschaft

ttip_landwirtschaftEuropas Landwirtschaft steckt in der Krise! Die Milchpreise sind im Keller und kleinere unrentable Bergbauernbetriebe müssen dem großen Konkurrenzdruck nachgeben und schließen. Darüber hinaus sorgen EU-Sanktionen gegen Russland für große Absatzschwierigkeiten. Das könnte aber erst der Anfang vom Ende bedeuten: Sollten tatsächlich derzeit gültige Standards der Agrar- und Landwirtschaftsindustrie auf beiden Seiten des Atlantiks infolge von TTIP angeglichen werden, droht ganzen Produktionszweigen der Landwirtschaft das Aus. Die irreversiblen Folgen von TTIP trifft die Landwirtschaft, die Lebensmittelerzeugung, den Lebensmittelhandel und schlussendlich die Konsumenten selbst.

Geht es nach einer Studie von „UnternehmensGrün„, einem Verband der grünen Wirtschaft, kann niemand auch nur annähernd so günstig produzieren wie die USA. Die Gründe liegen an den niedrigen Grenzwerten bei chemischen Rückständen, den größeren Anbauflächen und dem verbreiteten Einsatz von Gentechnik. Diesem Konkurrenzdruck wären Kleinbauern nicht gewachsen und würde eine weitere Industrialisierung der europäischen Landwirtschaft zur Folge haben. Die EU plane zwar tierische Nahrungsprodukte, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden zu kennzeichnen, aber dies verstoße nach Abschluss von TTIP gegen die Regeln des freien Wettbewerbs und würde von US-Seite Klagen in Milliardenhöhe gegen die EU-Agrarwirtschaft mit sich bringen.
So hat der US-Landwirtschaftsminister erst kürzlich einen genveränderten Apfel zugelassen, der mehr oder weniger nie verrottet und dessen Apfelspalten nie braun werden können. Trotz aller praktischen Vorteile sollte sich jeder ernsthaft fragen, ob man dieses und ähnliche Angebote auch hierzulande im Supermarkt haben möchte.

Die Befürworter beschwichtigen und preisen den sogenannten Investorenschutz als Win-Win Klausel an. Gegner dagegen sehen in dieser Paralleljustiz die existenzielle Gefahr für Klein- und Mittelbetriebe. Mario Ohoven, Präsident des Mittelstandverbandes schätzt, dass eine Klage vor dem Schiedsgericht im Mittel eine Summe von sechs Millionen Euro verschlingt. Eine Summe, die Großkonzerne vor keine Probleme stellt, aber das Gros an Klein- und Mittelbetriebe sich schlicht und einfach nicht leisten kann. Zudem spezialisierten sich mittlerweile internationale Großkanzleien auf diese Verfahren, um Unternehmen gezielt Möglichkeiten einer Klage aufzuzeigen. Obwohl es bereits jetzt über 1.400 sogenannte bilaterale Investitionsverträge zwischen einzelnen EU-Ländern, sowie neun Abkommen zwischen Mitgliedsstaaten und den USA gibt, sind sie erst durch die mögliche Aufnahme geheimer Schiedsgerichtsverfahren in TTIP in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Mithilfe der umstrittenen Schiedsgerichte könnten selbst schon geltende Verbote wieder rückgängig gemacht werden und mit einem Schlag im Zeitraum von mehreren Jahrzehnten mühsam erkämpfte Erfolge im Natur- und Umweltschutz zu Nichte machen.

„Europas Landwirte sind nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten unterlegen (…) für Teile der Landwirtschaft bedeutet das fast automatisch der Niedergang.“

– Studie von „UnternehmensGrün“

Die Studie von „UnternehmensGrün“ beruft sich auf eigene Analysen sowie Befragungen von kleinen und mittleren Betrieben. Das Fazit: TTIP in der jetzigen Fassung würde lediglich die großen Konzerne der Agrar- und Lebensmittelindustrie stärken. Durch Niederlassungen in beinahe allen Erdteilen der Welt haben sie ohnehin schon so gut wie alle Handelsbarrieren für sich überwunden und auch ohne zusätzliche Handelsabkommen gelangen mehr als die Hälfte aller US-Exportgüter nach Europa. Die restlichen 99% der kleineren Unternehmen werden in den Annahmen der EU-Kommission komplett ausgespart, kritisieren die Autoren der Studie. Aber auch in den USA würde TTIP das mögliche Szenario des Niederganges von Kleinst-und Mittelbetrieben um ein Stück näher bringen, weil TTIP die Bevorzugung regionaler Waren als Handelshemmnis ansieht und somit diese in Konkurrenz mit Großkonzernen in Bezug auf Menge und Preis treten müssten.

feedlot

Ist das die Zukunft der europäischen Landwirtschaft? In den USA werden in 1 x 1,5 Meilen großen Freiluftgehegen, den sogenannten „Feedlot“ pro Jahr bis zu 500.000 Bullen innerhalb von drei bis vier Monaten schlachtreif gemästet. Normalerweise brauchen diese Tiere auf Weiden drei Jahre um schlachtreif zu werden.

Derzeit beträgt das Volumen im Export von Agrarprodukten und Nahrungsmitteln in die USA etwa 15 Milliarden Euro und der Import lediglich acht Milliarden. Doch dies könnte sich infolge von TTIP ändern, sobald alle Zölle und insbesondere die nichttarifären Handelshemmnisse wegfallen. Der unbegrenzte Zugang zum europäischen Markt würde vor allem den US-Großkonzernen nutzen, die im Mittel eine Fläche von 169 Hektar bewirtschaften und somit um ein 14-Faches größer als die der europäische Produzenten ausfallen. Im Gegensatz zu US-Firmen, deren Ausrichtung bereits jetzt zu einem großen Teil auf den Export ausgerichtet ist, beliefern mittelgroße europäische Unternehmen erstrangig den heimischen, regionalen Markt. Das würde die großen Konzerne, die schon lange mittels Massentierhaltung und Fütterung mit gentechnikverändertem Futter zu Mächten am globalen Wirtschaftsmarkt zählen, noch zusätzlich stärken.

Die Macht der US-amerikanischen Großbauernbetriebe lässt sich nicht nur mit ihrer schieren Größe erklären, sondern auch mit den im Vergleich zu Europa niedrigen Verbraucher- und Produktionsstandards. Während in Europa eine strenge Kennzeichnungspflicht herrscht und der Anbau beziehungsweise Import von gentechnisch veränderten Pflanzen nur beschränkt erlaubt ist, liegt in den USA dieser Anteil für Mais und Soja bei beinahe 100%.
In den USA gelten gentechnisch veränderte Organismen (GVO) als gleichwertig. Sie wachsen schneller, sind resistenter gegen Schädlinge und letztendlich ertragreicher wie auch gewinnbringender. Um der europäischen Landwirtschaft gegen die Konkurrenz aus Übersee das Überleben zu sichern, müsste den Tieren zumindest Genfutter verabreicht werden. Damit wäre der Kampf gegen genmanipulierten Mais, wie er besonders stark in den österreichischen Medien vertreten ist, mit einem Schlag verloren.

Überdies hinaus würde TTIP den Anbau und Handel von Bioprodukten besonders hart treffen: Während in Mitteleuropa trotz zumeist höherer Preise immer mehr Menschen auf Lebensmittel aus regionalem und biologischem Anbau setzen, würde eine Aufhebung der Kennzeichnungspflicht genmanipulierter Lebensmittel einen ganzen Wirtschaftszweig zugrunde richten und der Endverbraucher hätte letztendlich nicht einmal die Möglichkeit diese Produkte bewusst zu meiden. Besonders umstrittene Großkonzerne wie Monsato (der erst kürzlich vom Chemieriesen Bayer übernommen wurde), aber auch die US-amerikanische Farmlobby wird in Zukunft darauf drängen, gentechnisch verändertes Saatgut und Lebensmittel auf den europäischen Markt zu bringen. Die großen Konzerne schaffen damit zwar neue und billige Arbeitsplätze, aber auf der Gegenseite wird die Konkurrenz aus dem Wettbewerb direkt in die Arbeitslosigkeit gedrängt. Diese Einschätzung zeigt auch die Studie der Tufts University, die von einem branchenübergreifenden langfristigen Verlust von bis zu 600.000 Arbeitsplätzen in der Europäischen Union ausgeht, da für einen Jobwechsel in eine fremde Branche oftmals die dafür nötige Qualifikation fehle und diese, wenn überhaupt, nur noch schwer nachzuholen sei. Die zukünftige Vernichtung bereits besetzter Arbeitsplätze kann daher nicht unbedingt mit zukünftigen neuen offenen Stellen kompensiert werden.

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NAFTA hat es gezeigt: Die soziale Gerechtigkeit lässt sich mit einem Abkommen, dass den ohnehin schon reichen Großkonzernen weitere Sonderrechte einräumt, nicht erfüllen.

Versucht man den Argumentationen der TTIP-Befürworter zu folgen, treten auffallend viele Parallelen zum folgenschweren NAFTA-Abkommen von 1994 zutage. Auch damals wurden eine Erhöhung des Realeinkommens und die Schaffung neuer Arbeitsplätze versprochen, aber tatsächlich ist das Gegenteil eingetreten. Diesen und anderen Gefahren sind zukünftig sowohl europäische Biobauern, wie auch Mitarbeiter in landwirtschaftlichen Kleinst- und Mittelbetrieben ausgesetzt. Hier ein paar Beispiele:

Um den Ertrag zu steigern, ist es in den USA gängige Praxis Tiere mit Wachstumshormonen zu füttern. Mehrere Studien in Europa sehen die „Zucht“ von lebenden Fleischbergen als sehr kritisch und nicht wenige befürchten dadurch schwerwiegende gesundheitliche Risiken für den Endverbraucher. Um den europäischen Markt beliefern zu können, fordern Vertreter der US-amerikanischen Fleischindustrie infolge von TTIP jegliche Handelshemmnisse zu beseitigen. Das bedeute einen herben Rückschlag für die in der europäischen Gesellschaft beachteten Tierschutzorganisationen und nicht zuletzt für unsere Lebensmittelsicherheit.
Um hohe europäische Standards zu lockern bedarf es keine neuen Abkommen. Erst kürzlich erlaubte die Europäische Kommission die Einfuhr von mit Milchsäure behandeltem Fleisch aus den USA. Den Hintergrund dieser Einigung bildeten der langjährige Streit und die letztendliche erfolgreiche WTO-Beschwerde der USA, das Verbot um die Einfuhr von mit Hormonbehandelten Rindfleisch aus den USA aufzuheben. Die EU hielt letztendlich am Verbot fest, obwohl die WTO befand, dass es gegen mehrere Vertragsbestimmungen verstieß. Das US-Landwirtschaftsministerium feierte diese Einigung als „großen Sieg der Nahrungsmittelverarbeitung„. Fleisch aus den USA, aber auch aus Europa darf fortan mit Milchsäure dekontaminiert werden und bedarf keiner Kennzeichnungspflicht. Somit werden bereits jetzt Schutzmechanismen nach und nach abgebaut. In einem weiteren Schritt wurde die Überprüfung von Schweinefleisch auf Krankheiten gelockert, zeitgleich mit den in den USA gemachten Vorschlägen, die Standards für Geflügelfleisch zu modifizieren. Dies beinhaltete die Reduzierung von staatlichen Fleischinspektoren und eine Geschwindigkeitsanhebung der Fließbänder in den Schlachtbetrieben von 140 auf 170 Hühner pro Minute.

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Kleinstbetriebe wie Tirols Bergbauern sichern nicht nur die Versorgung der Region, sondern tragen auch einen wesentlichen Beitrag zur Landschaftspflege bei.

Der Schaden für den Endverbraucher ist aber beileibe nicht nur auf den europäischen Kontinent zu suchen: Vehement setzen sich die europäischen Unterhändler dafür ein, das US-Verbot für Rinder, Rindfleischprodukte und Futtermittelprodukte, welche Wiederkäuerzutaten enthalten und für den Rinderwahn verantwortlich gemacht werden, aufzuheben. Eine Maßnahme, die auf den BSE-Ausbruch in Europa ergriffen wurde.

Besonders im deutschsprachigen Raum wurde erst vor wenigen Jahren der Ruf der Fleischindustrie infolge mehrerer Lebensmittelskandale hart zur Probe gestellt. Letztendlich sind es die straffen Kontrollen und Qualitätsmerkmale wie das AMA-Gütesiegel, das Vertrauen auf beiden Seiten gibt. Sollte tatsächlich der europäische Markt für Billigfleisch aus den USA geöffnet werden, würden heimische Produzenten auf dem teureren Fleisch sitzen bleiben und das Qualitätsmerkmal eines AMA-Gütesiegels vom Markt nach und nach verdrängt werden. Gesunde Lebensmittel werden immer einen gewissen Preis haben. Geiz ist nicht immer geil – besonders bei der eigenen Gesundheit!

Neben Qualitätsbezeichnungen würden auch bisher geschützte Herkunftsbezeichnungen zu Opfern des Freihandels werden. Sollte in der nächsten Zeit das CETA-Abkommen tatsächlich ratifiziert werden, würden von vormals 1450 geschützten Herkunftsbezeichnungen, nur noch 160 weiterhin Bestand haben. In Österreich von 15 sogar nur noch drei. Infolge von TTIP würde sich diese Zahl kaum verbessern. Das könnte bedeuten, dass zum Beispiel in Zukunft die Kerne für das hochgelobte steirische Kürbiskernöl nicht nur auf den traditionsreichen Anbauflächen Österreichs geerntet werden, sondern unter der gleichen Bezeichnung aus dem Mittleren Westen der USA importiert werden dürfen.

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Die gegenseitige Anerkennung von Standards ist auch in den USA ein großese Streitthema.

In den USA verlässt man sich schon lange nicht mehr auf die Gentechnik alleine, um Pflanzen gegen Schädlinge widerstandsfähiger zu machen. Die Rückstände der dabei verwendeten Pestizide dürfen in den USA bis zu 500-mal so hoch sein wie in der EU. Von den 1.349 in den USA erlaubten Chemikalien sind heute in der EU nur noch deren elf erlaubt. Um dennoch einen Export in den europäischen Wirtschaftsraum zu ermöglichen sieht der Anfang 2015 veröffentlichte Vertragsentwurf der EU-Kommission eine Erhöhung europäischer Grenzwerte vor. Das würde bedeuten, dass anstatt elf, alle ihrer 1.349 Chemikalien auch auf unseren Feldern versprüht werden dürfen, da ein Verbot dessen in der Logik des TTIP-Abkommens als Handelshemmnis verstanden wird und bekämpft werden muss. Man darf annehmen, dass Schädlinge dadurch noch robuster und schneller widerstandsfähig gegen die eingesetzten Gifte werden und die Industrie bald nach noch höheren Dosen verlangen wird. Die Rückstände der Giftcocktails werden infolge zunehmen und durch die Nahrungsaufnahme in den körpereigenen Verdauungskreislauf geschickt. Von der schwangeren Frau, dem Kleinkind bis zum Greis.

„Wenn die EU-Regelung (Verbot der Einfuhr von Nahrungsmitteln mit Restbeständen hochschädlicher Pestizide) wie geplant umgesetzt wird, könnten damit US-amerikanische Landwirtschaftsexporte im Wert von über vier Milliarden USD in die EU blockiert werden, dazu kämen noch die Exporte von Pflanzenschutzwirkstoffen. Solche Maßnahmen gefährden die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft …“

– CropLife (USA)

Sollte es sich infolge von Untersuchungen herausstellen, dass eingesetzte Chemikalien in der EU, obwohl in den USA zugelassen, schwerste gesundheitliche Risiken darstellen, kann ein Verbot hierzulande eine Schadensersatzklage durch die USA in Milliardenhöhe nach sich ziehen. Das wiederum bedeute, dass aus wirtschaftlichen Überlegungen etwaige notwendige Überprüfungen in Hinblick auf mögliche fällige Entschädigungszahlungen erst gar nicht veranlasst und somit demokratische Prozesse ausgehebelt werden. Die bloße Androhung möglicher kostspieliger Gerichtsverfahren schwebt somit über jeder staatlichen Regulierungsmaßnahme. Die Sprache aller bisherigen Freihandelsabkommen ist nicht bindend: Regierungen „sollten“ keine Maßnahmen zur Unterwanderung ergreifen und kein einziges Abkommen beinhaltet Mechanismen, die die Konzerne in die Pflicht nehmen, ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen. Das internationale Menschenrecht ist weich, die Handelsabkommen hart.

Und da wäre noch das viel diskutierte Chlorhuhn, das die Unterschiede der Lebensmittelsicherheitsstandards zwischen der EU und den USA klar und deutlich zeigt. Während europäische Produzenten auf der gesamten Produktionslinie Sicherheit und Hygiene sicherstellen müssen, werden in den USA im letzten Produktionsschritt rohe Fleischwaren, wie Geflügelfleisch mit einer mikrobiellen Lösung (meist Chlordioxid) eingesprüht, um gefährliche Krankheitserreger abzutöten. Zahlreiche Berichte Betroffener zeugen von den Gesundheitsrisiken, die vom Kontakt der eingesetzten Gifte ausgehen. Von Haut- und Lungenkrankheiten ist die Rede, sowie auch von ätzenden Eigenschaften, die mitunter sogar Beton angreifen und zerfressen. Nicht selten wird die Chemikalie mit dem Abwasser entsorgt und kann in höheren Dosen zu Umweltschäden führen.

Selbst wenn der DBV (Deutscher Bauernverband) betont, dass infolge von TTIP regionale Bezeichnungen weiterhin geschützt werden und es keinen unkontrollierten Import von Fleischprodukten aus den USA geben wird, gibt es ob dieser beruhigend klingenden Worte noch genügend Zweifler. Viele Interessensgruppen, etwa die der Milchbauern, sehen eine schwindende Unterstützung durch den Bauernverband. Produzieren für den Weltmarkt, Handel als Allheilmittel ist nicht im Sinne kleiner und mittlerer Betriebe. Sie sehen im DBV vorrangig einen Interessensvertreter für die BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) und ein Machtinstrument der Bundesregierung, die unermüdlich betont, dass infolge TTIP die in Europa gültigen Standards nicht gesenkt werden und das Freihandelsabkommen als Wachstumsmotor für Beschäftigung und Wirtschaft fungieren wird.

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Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Obgleich die US-Präsidentschaftswahl derzeit die Medien dominiert und TTIP bis nach der Wahl eine kurze Verschnaufpause einlegt, werden 2017 die Demonstrationen gegen die Freihandelsabkommen mit den USA unvermindert fortgesetzt werden.

Welche Auswirkungen TTIP auf die europäische Landwirtschaft tatsächlich hat, bleibt abzuwarten. Trotzdem: Studien, die sich diesem Thema gewidmet haben, zeigen ein düsteres Bild für europäische Bauern. Sei es in Europa oder den USA, Studien beider Seiten gehen gesamtheitlich von einem Verlustgeschäft für den EU-Raum aus, während die US-Agrarwirtschaft wachsen wird. Bereits der europäische Binnenmarkt und die Einheitswährung wurden im Namen der Arbeitsplätze verkauft. Warum sollte es bei TTIP anders sein? Eine weitere Deregulierung und erneute Senkung sozialer und ökologischer Standards wird kaum für eine wirtschaftliche Erholung beitragen.
Peter Pascher vom Bauernverband versucht zu beruhigen: All diese Studien beruhen auf derzeitige Annahmen. TTIP ist noch nicht ausverhandelt und daher mögliche Auswirkungen noch nicht vorhersehbar. Man müsse abwarten, bis TTIP steht!

Oder anders gesagt: Warten, bis die Würfel gefallen sind und die Entscheidungen als Schicksal annehmen!

In Mexiko warten die Menschen schon seit 1994 auf wirtschaftliche Verbesserungen, die der Mittelschicht damals versprochen wurde und sich als Utopie erwiesen. NAFTA, die Vertragsblaupause für TTIP ist auch als Warnung an Europa zu verstehen: Während in der US-amerikanischen Fertigungsindustrie infolge der Abwanderung großer Automobilkonzerne ins Billiglohnland Mexiko, Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet wurden, schuften Mexikaner tagtäglich für einen Hungerlohn in deren Fabriken. Die soziale Ungerechtigkeit wurde seither massiv vorangetrieben, die regionale Landwirtschaft zerstört und Millionen von Migranten auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in den Norden vertrieben. Während Mexiko in der Liga der Entwicklungsländer massiv zurückgeworfen wurde, leben amerikanische Großkonzerne den Traum der jährlich erwirtschafteten Rekordgewinne auf den Rücken der mexikanischen Billiglöhner. Daraus sollten wir lernen, dass es nicht unser vorrangiges Ziel sein kann, die Vertragstexte von TTIP und zukünftigen Handelsabkommen umzuschreiben, sondern die Konzernermächtigungsabkommen im vollen Umfang zu verhindern. Die Erfahrungen von Staaten wie Australien und Indonesien sollten uns lehren, wie schwer es fällt einmal beschlossene Regeln in Freihandelsabkommen im Nachhinein wieder auszusetzen.

Hier geht es zum 1.Teil des TTIP-Spezials: TTIP – Wo liegt das Problem?

Das war der zweite Teil des großen TTIP-Spezials! Wie denkst du über TTIP in Verbindung mit der europäischen Agrarpolitik? Welche Gedanken, Befürchtungen umgeben dich, oder bist du selbst in der Landwirtschaft tätig und somit direkt davon betroffen? Dieser Tage spricht fast jeder nur noch über CETA: Wie wird es nun deiner Meinung nach weitergehen und kann dieses Abkommen überhaupt noch gekippt werden? Deine Meinung, wie immer in die Kommentare!
Das nächste TTIP-Spezial gibt es in wenigen Wochen wieder und widmen uns dann erneut den genauen Inhalten der einzelnen Verhandlungspunkte und welche Auswirkungen diese auf unsere Zukunft haben könnten. Bis dahin verbleiben wir auf Facebook oder hier in den Kommentaren!

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Weiterführende Links:
Zeit Online: Mehr Wachstum durch TTIP ist ein Märchen. (16.10.2016, 22:04) – Deutsch
Attac: Grundlegende Informationen zu TTIP. (16.10.2016, 22:05) – Deutsch
Informationsbroschüre der internationalen Union der Lebensmittel-, Landwirtschafts-, Hotel-, Restaurant-, Café-, und Genussmittelarbeiter-Gewerkschaften (UIL): Handelsabkommen, die die Demokratie gefährden. (16.10.2016, 01:24) – Deutsch/PDF
TTIP-stoppen: Menschenrechte sind unverhandelbar. (16.10.2016, 01:29) – Deutsch
Umweltinstitut.org: Auswirkungen von TTIP auf den Umweltschutz. (16.10.2016, 01:31) – Deutsch
Umweltinstitut.org: Folgen von TTIP für Wirtschaft und Beschäftigung. (16.10.2016, 01:32) – Deutsch
Zeit-Online: Bedrohung Europas Bauern und Verbraucher durch TTIP (16.10.2016, 01:35) – Deutsch
Umweltinstitut.org: Allgemeine Informationen im Bezug zu TTIP und der Demokratie. (16.10.2016, 22:04) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum transatlantischen Freihandelsabkommen. (16.10.2016, 22:16) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zum nichttarifärem Handelshemmnis. (16.10.2016, 22:18) – Deutsch
European Commission: Fakten zu TTIP von Seiten der Befürworter. (16.10.2016, 22:19) – Deutsch/PDF
LobbyPedia: Gemeinnützige Organisation, die sich intensiv mit allen Bereichen rund um TTIP befassen. (16.10.2016, 22:29) – Deutsch
Stellungnahme des DBV (Deutscher Bauernverband) zum Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. (16.10.2016, 22:31) – Deutsch/PDF
Konrad Adenauer Stiftung: Die Auswirkungen von TTIP – Teil2 (16.10.2016, 22:32) – Deutsch/PDF
Informationen zur Studie von „UnternehmensGrün“. (16.10.2016, 22:33) – Deutsch
Die Presse: Laut einer US-Studie kostet TTIP bis zu 600.000 Arbeitsplätze in Europa. (16.10.2016, 22:35) – Deutsch

Quellenangaben:
Titelbild: https://pixabay.com/static/uploads/photo/2016/04/22/13/02/ttip-1345714_960_720.jpg (16.10.2016, 01:39) – Logo Ortstafel TTIP Vs. Demokratie (Abänderung auf „Landwirtschaft“ und Farbänderung mit Photoshop)


https://de.wikipedia.org/wiki/Feedlot#/media/File:Feedlot-1.jpg (16.10.2016, 21:46) – Feedlot in Texas.
https://de.wikipedia.org/wiki/Armut#/media/File:Jakarta_slumlife55.JPG (16.10.2016, 21:52) – Slum-Bewohner in Jakarta.
https://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaft#/media/File:Bauernhaus_Entlebuch_01.JPG (16.10.2016, 21:54) – Schweizer Bauernhof in Entlebuch.
https://stop-ttip.org/wp-content/uploads/2015/07/11350917_10155972919990107_1040364319490926793_n.jpg (16.10.2016, 21:58) – Handshake zwischen der EU und den USA.
https://stadtrabe.wordpress.com/2015/10/10/ttip-demo-berlin-2015/#jp-carousel-1180 (16.10.2016, 22:00) – Foto der TTIP-Demo in Berlin 2015. © Carlo Wanka.

 

Unser Wunschkind aus dem Reagenzglas

Designer Baby_Puzzle
Es ist der Stoff unzähliger Horrorfilme, gleichzeitig die Hoffnung vieler: Mittels Gentechnik Krankheiten auslöschen, bevor sie überhaupt entstehen um somit den idealen Menschen zu schaffen. Ist dies bereits möglich, oder sind wir noch fern von jener Vorstellung? In wie weit kann man ein Designer Baby  – ein Kind nach Maß tatsächlich schon modellieren und wo sind die Grenzen des Machbaren?

Begriffe wie „Kinder nach Maß“ oder gentechnisch modellierte „Designerbabies“ lösen bei der Debatte um die Anwendung moderner Biomedizin am ungeborenen Leben wahre Hysterien aus. Es geht dabei um die Manipulation des Erbguts, ein Vorselektieren sowie der Schaffung eines idealen, wertvolleren Menschen. Themen, die reichlich in Science-Fiction Filmen thematisiert werden und wohl auch noch längere Zeit wenig mit der Realität gemeinsam haben – zumindest teilweise. Natürlich gibt es mittlerweile das Kind nach Maß, jedoch ist die moderne Medizin weit davon entfernt, was gemeinhin darunter verstanden wird.

„Durch die Entschlüsselung des Erbguts sind jetzt Kinder nach Maß möglich!“ Einerseits befeuern solche und ähnliche undifferenzierte Meldungen die Unsicherheit und Skepsis gegenüber den neuen medizinischen Möglichkeiten. Andererseits sind es die Mediziner, die zu beschwichtigen versuchen, um die Skeptiker ruhig zu stellen. Natürlich kann man kein Designer-Baby schaffen, indem man Gene zufällig zusammenschüttet. Fakt ist, dass wir noch nicht alle Gene kennen und von den wenigsten überhaupt wissen, welche Aufgabe sie erfüllen. Bei einer zukünftig möglichen Auswahl von Augen- und Haarfarbe ist das ein entscheidender Faktor. Ganz zu schweigen von den Umwelteinflüssen, die den Menschen ebenso stark formen. Gedankenspiele um eine genmanipulierende Beeinflussung ungeborenen Lebens beschäftigte auch Albert Einstein, als er diesbezüglich ein Gespräch mit Marilyn Monroe führte:

Marylin Monroe: „Wäre es nicht toll, wenn wir Kinder bekommen würden, so klug wie sie und so schön wie ich?“
Einstein erwidert: „Und was machen wir, wenn unsere Kinder so klug wie sie und so schön wie ich sind?“

– Albert Einstein und Marylin Monroe

Trotz aller Einschränkungen ist das Geschäft um das ideale Kind mittlerweile zu einem milliardenschweren Betätigungsfeld geworden. Vor allem in den USA gibt es bereits mehrere Zentren für Reproduktionsmedizin, die Samen- und Eizellen von ausgewählten Spendern anbieten. Mit Samen von Wissenschaftlern und Fotomodels wollen sie die betuchte Kundschaft anwerben, im Versprechen mit den nötigen Geldmitteln auch ein besseres Leben erkaufen zu können. Spender werden also nach bestimmten Attributen ausgewählt obwohl man weiß, dass bei der Entstehung des neuen Genoms väterliche und mütterliche Erbanlagen durchmischt werden und damit die Individualität des neuen Genoms ausmachen. Zudem gibt es die Möglichkeit, dass sich bestimmte Erbanlagen, die sich bei den Eltern weniger stark ausgeprägt haben, bei dem eigenen Kind stärker ausprägen könnten oder umgekehrt.

Charlie_Jamie Rettungsgeschwister

Vielleicht gehören sogenannte „Rettungsgeschwister“ bereits in wenigen Jahren zur Normalität. Auch die künstliche Befruchtung wurde kurz nach der Legalisierung stark in den Medien thematisiert und kritisiert.

Sind Kinder nach Maß nichts als reine Gedankenspiele? Keinesfalls! – Sie sind bereits Realität geworden! Jedoch ist der Begriff  „Designerbaby“ sehr dehnbar und beinhaltet eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten. Geht es um die Möglichkeit der Eltern, sich gegen Kinder mit genetischen Veränderungen, die zu schweren Krankheiten führen zu entscheiden, dann ist das heute mithilfe der Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik bereits Realität. Die oft thematisierte und befürchtete Möglichkeit vorgeburtliche genetische Tests durchzuführen, um zum Beispiel das Risiko eines späteren Herzinfarkts zu bestimmen, sind jetzt und in absehbarer Zeit nicht möglich. Dass das Thema des idealen Menschen aus dem Reagenzglas mehr als nur heiße Luft ist, beweist das therapeutische Klonen – auch bekannt unter dem Namen „Rettungsgeschwister“. Dabei handelt es sich um einen Embryo, der geschaffen wird um embryonale Stammzellen zu gewinnen und damit einen kranken Menschen zu heilen, oder aber nur zu Forschungszwecken spezifisch hergestellt wird. Die Anwendung dieser Heilungsmethode ist in manchen Ländern bereits erlaubt, sollte aber bei künftigen Überlegungen einer Legalisierung gründlich hinterfragt werden. Geht es nach den Forschern, liegt die große Hoffnung der Genforschung im sogenannten „Genom-Editing“: Dabei wird die DNA mit molekularen Verfahren an einer bestimmten Stelle zerschnitten und anschließend das defekte Gen ausgetauscht oder repariert. Damit könnte man schwere Krankheiten bereits ausschalten, bevor sie überhaupt entstehen.

Baby_Reagenzglas

Auch wenn das Wunschkind aus dem Labor noch nicht machbar ist, so wird es bestimmt auch in Zukunft für reichlich Gesprächsstoff sorgen.

Während in Deutschland selbst die Pränataldiagnostik kritisiert wird, geht man in den USA einen ganzen Schritt weiter. Dort werden Babys im Labor gezüchtet und anschließend von Leihmüttern ausgetragen. Eines dieser Beispiele ist Mason. Mason war ein Embryo der besten genetischen Güteklasse und hat insgesamt vier Eltern: Jay, seinen biologischen Vater, Luke seinen sozialen Vater, Zoe, seine genetische Mutter und Elaine, die ihn letztendlich ausgetragen hat. Im Moment lebt er mit seinen beiden Vätern Jay und Luke in einem schönen Haus in der noblen New Yorker Upper East Side. Vor zweieinhalb Jahren entstand Mason aus dem Samen von Jay und einer Eizelle von Zoe, einer hübschen und schlauen Studentin von der Columbia Universität und reifte die ersten Tage in einer Petrischale im Labor einer Reproduktionsklinik heran. Etwa eine Woche nach der Befruchtung der Eizellen wachsen die Embryos im Labor unter idealen Bedingungen heran. Danach werden sie unter einem Mikroskop untersucht und nach Kriterien wie Zellteilung und Zellsymmetrie in die Kategorien „A“, „B Plus“ oder „C Minus“ eingeteilt, um der Tragemutter nur das beste Ausgangsmaterial einzusetzen.

„Er ist unser Wunschkind. Deshalb wollten wir ihn mit dem besten genetischen Ausgangsmaterial auf seinen Lebensweg schicken.“

-Luke, Masons sozialer Vater

Anders als in anderen Reproduktionskliniken der USA bleiben in Masons Klinik die Spenderinnen nicht anonym. In Katalogen und Videos kann man sich vorab über Herkunft, Talente, Ausbildung und Krankheiten informieren. Die Frauen sind meist jung, klug und wie Zoe meist musisch oder sportlich begabt. Die Spenderinnen erhalten pro Spende etwa umgerechnet 8.000 Euro als Vergütung.

Große Unklarheiten und Streitpunkte zwischen den befürwortenden Medizinern und deren Kritikern betreffen die Selektion und die Weiterverwendung der nicht eingesetzten, „minderwertigen“ Proben. Vor allem in Ländern wie Deutschland wird die Vorselektion oftmals mit den unmenschlichen Praktiken des Nationalsozialismus verglichen. Hier sei jedoch angemerkt, dass gerade im Nationalsozialismus die künstliche Befruchtung gegenüber der natürlichen Zeugung durch Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau abgelehnt wurde. Doch gerade aus Deutschland gibt es eine Vielzahl an Paaren, die die gesetzlichen Regelungen ihres Landes zu umgehen versuchen, in dem sie sich mit ihren Kinderwunsch an eine der Reproduktionskliniken in den USA wenden. Dr. Michael Doyle, Gründer von CT Fertility, einer Fortpflanzungsklinik in Connecticut betreute alleine 2015 über 53 Kunden aus Deutschland. Tendenz steigend!

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Was soll mit den gesunden, aber ungeeigneten Proben geschehen? Ob das Selektieren von Proben noch ethisch vertretbar ist wird wohl weiterhin einer der großen Kritikpunkte an der Präimplantationsmethode bleiben.

Besondere Kontroverse löste der Fall um das in Großbritannien geborene Designer-Baby namens Jamie aus. Er wurde nicht künstlich gezeugt, um Idealvorstellungen seiner Eltern gerecht zu werden, sondern um das Leben seines vier Jahre älteren Bruders Charlie zu retten. Der erste Sohn des Paares litt an Blutarmut, der sogenannten Diamond Blackfan Anämie und wurde durch schmerzhafte Bluttransfusionen am Leben erhalten. Die Ärzte hielten eine Heilung für möglich, wenn es gelingt von einem geeigneten Spender Stammzellen aus dessen Nabelschnurblut in das Knochenmark von Charlie zu implantieren. Einen geeigneten Spender zu finden stellte sich als komplizierter heraus als angenommen, da niemand aus seiner Verwandtschaft dafür in Frage kam. Die Familie stellte einen Antrag bei der britischen Kontrollbehörde, um mehrere Eizellen befruchten zu lassen und anschließend diese auf eine mögliche Eignung als Spender zu überprüfen. Die Behörde lehnte eine Gendiagnose ab, da laut damaligen Bestimmungen eine Überprüfung nur rechtens sei, um eine mögliche Anämie-Erkrankung beim neuen Kind zu erkennen, nicht aber um lediglich eine Eignung zur Transplantation festzustellen. Die Chance, dass ein Paar durch natürliche Befruchtung ein Kind mit geeignetem Spendergewebe zur Welt bringt, liegt gerade einmal bei eins zu vier. Bei künstlicher Befruchtung mehrerer Eizellen und anschließender Vorselektion erhöht sich die Chance eines Erfolgs auf rund 98 Prozent.

Trotz aller Anfechtungen von Regierungs- und Kirchenvertretern und der daraus entstandenen öffentlichen Debatte um gentechnische Manipulation an Embryonen sowie der möglichen Züchtung menschlicher Ersatzteile, stehen die Eltern Jayson und Michelle Whitaker nach wie vor zu ihrer Entscheidung. Sie wollten sich selbst später nicht den Vorwurf machen, nicht alles probiert zu haben um ihren Sohn zu retten. Die Eltern, die nicht müde werden immer wieder zu erwähnen, dass sie sich ohnehin immer ein weiteres Kind wünschten, stehen nun vor dem Erfolg all ihrer Bemühungen. Heute gilt Jamies älterer Bruder von der Blutarmut geheilt. Mit dem Erfolg nahm nicht nur ihre Angst vor der Zukunft ab, sondern ließ auch die kritischen Stimmen Großteils verstummen.

im Jahr 2008 wurde im britischen Unterhaus ein Gesetz gebilligt das fortan unter anderem erlaubt, unter Einhaltung gewisser Auflagen sogenannte Rettungsgeschwister zu produzieren. Ähnliche Bestimmungen folgten bald in anderen europäischen Ländern. In Deutschland ist die In-Vitro-Ferti­lisation – die künstliche Befruchtung, zwar erlaubt, aber die Präimplantationsdiagnostik zur Selektion von Embryonen bis zum heutigen Tag gesetzlich verboten.

In-vitro-Fertilisation - Darstellung des Ablaufs einer  von der Eientnahme bis zum Embryonentransfer.

In-Vitro-Fertilisation: Darstellung des Ablaufs von der Eientnahme bis zum Embryonentransfer.

Diese damals neue Regelung nutzten auch die Eltern von Javier zu ihren Gunsten aus. Am 13. Oktober 2008 im Krankenhaus von Virgen del Rocío, in Sevilla geboren, konnte er seinen älteren Bruder Andrés Mariscal mittels genetisch passenden Stammzellen aus seinem Nabelschnurblut das Leben retten. Auch seine Eltern waren mit dem Problem konfrontiert, dass es zwar weltweit über elf Millionen Knochenmarkspender gebe, aber keiner mit ihm kompatibel war. Ähnlich wie im Fall Jamie aus Großbritannien, entgegneten die Eltern den Kritikern, die sich vor allem aus der katholischen Kirche und der konservativen Regierungsopposition zusammensetzten, mit ihrem Wunsch nach einem zweiten Kind. Einer Erklärung der Eltern zu Folge, sei er ein absolutes Wunschkind gewesen und rettete noch nebenbei das Leben seines Bruders.

Jamie und Javier waren die ersten Rettungsgeschwister in Europa, aber sicher nicht die Letzten. Derzeit gibt es allein in Großbritannien über ein Dutzend Elternpaare, die sich ein zusätzliches Kind wünschen, da eines ihrer Geschwister schwer krank sei. Überdies hinaus gibt es neben den kritischen und ermahnenden Worten von Seiten der katholischen Kirche und Wissenschaftler, auch Verständnis für die Entscheidung von Javiers Eltern. Der Jesuit Juan Masiá, einer der großen Bioethik-Experten sagte der  Zeitung „El-Mundo„, dass er die Methode nicht grundsätzlich ablehne, aber einen verantwortungsvollen Umgang fordere. Er ist sich sicher, dass die Eltern Javier genauso sehr lieben wie seinen jüngeren Bruder. Mittlerweile setzen auch Kronprinz Felipe und Prinzessin Letitzia auf die neue Behandlungsmethode. Sie ließen nach der Geburt ihrer Tochter Leonor, Stammzellen aus ihrem Nabelschnurblut entnehmen, um diese anschließend für den Fall einer schweren Krankheit bei einer Spezialfirma in den USA zu lagern.

Wie steht ihr zu diesen Experimenten am menschlichen Leben? Seht ihr darin die Chance auf eine zukünftige Heilung für Krebs, Alzheimer und andere unheilbare, sowie schwer behandelbare Krankheiten oder befinden wir uns damit auf dem besten Weg unsere Menschlichkeit zu verlieren? Wie weit soll man gehen und wie weit sind Eingriffe am ungeborenen Leben ethisch vertretbar? Wo liegen die Risiken eines Missbrauchs? Wie würdet ihr handeln, wenn ihr in der Lage von Javiers oder Jamies Eltern wärt? In Anbetracht der Brisanz des Themas bin ich dieses Mal besonders auf eure Rückmeldungen interessiert. All eure Gedanken zum Thema, gleich in die Kommentare!


Weiterführende Links:

Quellenangaben:
Titelbild: http://webiva-downton.s3.amazonaws.com/877/59/3/6877/puzzle_baby_flyaway.png (13.07.2016, 14:49) – Kindergesicht in Puzzlestücke aufgeteilt.

 

http://i4.thejournal.co.uk/incoming/article4368764.ece/ALTERNATES/s615b/E186B3E7-E699-3059-2D9D06DA1DDA5737.jpg (13.07.2016, 14:52) – Familienbild mit einem Rettungsgeschwister.
http://www.stoppt-pid-und-klonen.de/uploads/bilder/full/arzt_reagenzglas_630x3604.jpg (13.07.2016, 14:53) – Baby im Reagenzglas.
http://www.esanum.de/wp-content/uploads/2015/01/Praeimplantationsdiagnostik.jpg (13.07.2016, 14:55) – Graphische Darstellung der Präimplantationsmethode.
http://www.jameda.de/gesundheits-lexikon/bilder/medium/266341.jpg (13.07.2016, 14:57) – Erklärung einer In-Vitro-Fertilisation.

 

Kann Milch zum frühen Tod führen?

Kuhmilch trinken

Kaum ein anderes Nahrungsmittel polarisiert so sehr wie die Milch. Sei es in der Werbung, von den eigenen Eltern oder sogar von Ärzten: Das enthaltene Kalzium und Vitamin D gelten für den Körper als unentbehrlich. Studien haben sich in den letzten Jahren vermehrt diesen Mythen gewidmet – mit überraschenden Ergebnissen. Auf der einen Seite herrscht die Überzeugung, dass die Milch den Körper über die Maße fit hält. Andere wiederum sehen die verarbeitete Milch als Quelle für zahlreiche Krankheiten.

Eine Studie von 2009 aus Vietnam und Australien verglich die Knochendichte von insgesamt 105 vegan lebenden Studienteilnehmerinnen (Sie verzichten auf tierische Erzeugnisse – also auch auf Kuhmilch) mit denen von ebenso vielen normal essenden Frauen. Überraschenderweise zeigte sich, dass beide Studiengruppen eine nahezu identische Knochendichte aufwiesen. Um einer Studienverfälschung vorzubeugen, stammten ausnahmslos alle Veganer aus einem vietnamesischen Klosterorden. Sie traten meist schon in sehr jungen Jahren ein und lebten nachweislich seither streng vegan. Kalzium gilt üblicherweise als der Knochenmineralstoff und soll von bedeutsamer Wirkung für unsere Gesundheit sein. Jedoch nahmen die untersuchten Nonnen etwa nur 370 Milligramm Kalzium pro Tag zu sich. Das entspricht bei einer empfohlenen Tagesdosis von etwa 1200 Milligramm bei Erwachsenen nicht einmal einem Drittel. Ein zur öffentlichen Meinung noch widersprüchlicheres Ergebnis lieferte eine Studie aus 2014 um  Prof. Michaëlsson vom Karolinska Institute in Stockholm und seinem Team: Es zeigte sich, dass der Milchkonsum nicht nur völlig Nutzlos in Hinblick auf die Vorbeugung von Osteoporose und Knochenbrüchen ist, sondern diesen massiv fördern. Hierzu beobachtete man etwa 60.000 Frauen über einen Zeitraum von 20 Jahren und 45.000 Männer für elf Jahre. Innerhalb des Beobachtungszeitraumes erlitten 17.000 Frauen und 5.000 Männer Knochenbrüche. Nun wird man sich denken, dass vermehrt Probanden mit einem höheren Milchverzehr und der Aufnahme von Kalzium von Brüchen aller Art verschont blieben. Aber das Gegenteil war der Fall! Es zeigte sich sogar, dass das Sterberisiko unter den Milchtrinkern gegenüber der anderen Testgruppe sich erhöhte. An dieser Stelle sei aber gesagt, dass man die Ergebnisse nicht 1:1 umsetzen kann, da natürlich eine Vielzahl von verschiedenen Faktoren wie Vorerkrankungen, das Trinken/Verzicht von Alkohol, allgemeine Lebensweise usw. ebenso zu berücksichtigen sind. Eine Begründung für das überraschende Ergebnis könnte laut Prof. Michaëlsson in der im Milchzucker enthaltenen Galaktose liegen, die sich entzündungsfördernd auf den Körper auswirkt. Dies Bestätigten auch die Blutanalysen der Milchtrinker, die erhöhte Entzündungswerte sowie einen erhöhten oxidativen Stresspegel aufwiesen.

Gerade Kindern und Jugendlichen wird empfohlen besonders viel Milch aufzunehmen, um ein stabiles Knochengerüst auszubilden. Dr. Diane Feskanich von der Harvard University stellte im Jahr 2013 fest, dass genau das Gegenteil der Fall sei. Bei den fast 100.000 Studienteilnehmern zeigte sich, dass ein erhöhter Milchkonsum das Risiko für spätere Knochenbrüche sogar erhöhen kann. Überdies hinaus besteht dieser Studie nach bei längerfristig vermehrter Milchaufnahme die Gefahr bereits im Kindesalter an Diabetes I zu erkranken. Als Autoimmunkrankheit Diabetes Typ I entwickelt sich die Krankheit, wenn die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse der Meinung sind, dass diese der Feind des Körpers sind und umgehend vernichtet werden müssen. Vor allem die Milch-Proteine, im Speziellen das A1 Beta-Casein Protein der Milch scheint diesen Prozess zu begünstigen. In einer anderen vergleichbaren Studie konnte dies bestätigt werden. Es zeigte sich hierbei, dass das Stillen mit Muttermilch den Ausbruch von Diabetes I verhindern kann. Daher raten die Ärzte der Studie dringend das Kind nach Möglichkeit mit der eigenen Muttermilch zu stillen und auf Kuhmilch bzw. Säuglingsmilch auf Kuhmilchbasis weitgehend zu verzichten. Kuhmilch wäre auch im naturbelassenen Zustand als Muttermilch völlig ungeeignet, da sie einerseits die dreifache Eiweißmenge und andererseits 50 Prozent weniger Milchzucker als menschliche Muttermilch enthält. Aus diesen Gründen sind Milchersatznahrungen für Mütter die ihre Kinder selbst nicht stillen können, in der Zusammensetzung der menschlichen Muttermilch angepasst. Warum also sollte Kuhmilch im Erwachsenenalter nützlich sein, wenn sie sogar im Kleinkindalter schon völlig ungeeignet erscheint? Trotz aller umfangreichen Erkenntnisse zeigten andere großangelegte Studien keine Beweise für diese Theorie und konnten deren Forschungsergebnisse nicht reproduzieren. Manche gehen sogar vom Gegenteil aus! Sie nehmen an, dass die Kuhmilch keineswegs Diabetes auslöst, sondern den Körper vielmehr davor schützt. Aber auch diese Studie steht wieder für sich alleine und konnte bislang nicht eindeutig bewiesen werden.

Gut fürs Wachstum

Gut für das Wachstum? Trotz zahlreicher Untersuchungen gibt es noch immer keine eindeutige Antwort.

Eine weitere Studie aus den USA besagt, dass  die erhöhte Aufnahme von Kalzium zu Prostata-Krebs führen könnte. Wiederum wird von manch anderen hervorgehoben, dass die Kuhmilch bei weitem nicht so viel Kalzium enthält, wie uns die Werbung weismachen will. Stattdessen sollte man ihnen zufolge mehr Sesampaste oder Grünkohl essen, da diese im Gegensatz zur Kuhmilch regelrechte Kalziumbomben wären. das Problem ist nicht nur der Kalziumgehalt allein, sondern wie sich dieser zusammensetzt und letztendlich vom Körper verarbeitet werden kann. Die Polemik der unterschiedlichen Studien besteht in der Unklarheit, ob Milch nun tatsächlich Prostata-Krebs auslösen kann und Kalzium tatsächlich der Auslöser dafür ist. Verursacher könnten auch andere – vielleicht noch unbekannte Faktoren sein. Die Befürworter der Kalziumthese gehen bei allen möglichen Horrorszenarien zumindest davon aus, dass Personen mit allgemeinen gesundheitlichen Problemen eine signifikante Verbesserung erleben, wenn sie auf Milchprodukte verzichten. Wer dennoch auf Milchprodukte nicht verzichten möchte, kann bedenkenlos auf Alternativprodukte zugreifen. Mandel-, Hafer-, Reis-, Soja-, Ziegen- und Schafmilch sind  bereits in vielen Drogerien erhältlich und erfreuen sich einer immer größer werdenden Beliebtheit.

Schafmilchprodukte

Alternativprodukte wie Schaf- und Ziegenmilch werden immer beliebter und auch leichter verfügbar.

Milch steht laut neuesten Untersuchungen nicht nur im Verdacht Prostata-Krebs auszulösen, sondern auch die Gefahr einer Darmkrebserkrankung zu erhöhen. Einerseits haben Forscher bei der Auswertung von Metaanalysen herausgefunden, dass der Milchverzehr das Darmkrebsrisiko senkt, andererseits wirft eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Studie die Frage auf, ob der Verzehr von Fleisch und Milch des europäischen Hausrinds das Darmkrebsrisiko beeinflusst, dass des Yaks  und Zebus aber nicht? Das würde zumindest die niedrigen Darmkrebsraten in den Ländern wie Indien, der Mongolei und Bolivien erklären, in denen entweder keine Milch oder eben nur vom Yak und Zebu zu sich genommen wird. Die beiden Studienautoren, einer davon der Nobelpreisträger Harald zur Hausen wirft in diesem Kontext die Frage auf, ob womöglich Viren im Hausrind dafür verantwortlich sein könnten.

Es zeigte sich, dass die im Supermarkt üblich erhältliche Kuhmilch für eine Vielzahl an Atemwegserkrankungen (Husten, Schnupfen…) verantwortlich sein kann. Viel Gesünder ernähren sich Kinder auf dem Land, die bevorzugt Rohmilch zu sich nehmen. Jedoch schrillen bei vielen Erwachsenen beim Begriff „Rohmilch“ die Alarmglocken, da man mit der Rohmilch, sofern diese tatsächlich völlig unbehandelt ist, beim trinken die natürlichen Bakterien der Mutterkuh aufnimmt. Einerseits kann hier Entwarnung gegeben werden, da diese Bakterien völlig unschädlich für unser Immunsystem sind, andererseits  ist die Gefahr einer Erkrankung umso größer, je mehr Faktoren gegen eine natürlich Haltung des Tieres sprechen (Massentierhaltung, Fütterung mit Kraftfutter aus Gen-Mais oder Gen-Soja…) und je weniger Auslauf die Kuh hat. Bei all den Sorgen vor angeblich schädlicher Rohmilch ist es also fast schon ein Wunder, dass die Landbevölkerung noch am Leben ist. Und nicht nur das! Sie sind auch noch viel gesünder als jene, die sich mit der ach so sicheren und keimfreien H-Milch aus dem Supermarkt versorgen.

H-Milch

In der Werbung wird mit Milchprodukten gerne die Natürlichkeit suggeriert, wenngleich die enthaltene weiße Flüssigkeit nur noch die Farbe mit dem Ursprung gemeinsam hat.

Heute ist das Pasteurisieren der Milch bei allen Kuhmilchsorten Pflicht. Einzig die vorhin erwähnte Rohmilch nimmt sich von dieser Regel aus. Beim Pasteurisierungsvorgang wird die Milch auf etwa 75 Grad erhitzt, um die Bakterien abzutöten. Dabei gehen nicht nur etwaige Keine zugrunde, sondern auch die in der Milch enthaltenen Verdauungsenzyme, die sogenannte Laktase. Das ist einer der Hauptgründe, dass viele Personen Verdauungsprobleme haben – insbesondere bei Laktoseintoleranz.

Bei der Laktoseintoleranz handelt es sich um das Phänomen, den in der Milch enthaltenen Milchzucker nicht vertragen zu können. In Mittel- und Nordeuropa sind hiervon etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen. Trinkt diese Bevölkerungsgruppe trotzdem Milch, führt dies nicht selten zu Magenkrämpfen und Durchfall. Im Unterschied zur reinen Milch (Unabhängig vom Bearbeitungsgrad) sind Milchprodukte wie Butter trotz Laktoseintoleranz meist gut verträglich, da Butter vergleichsweise wenig Milchzucker enthält.

Verteilung Laktoseintoleranz

75% der Weltbevölkerung, jedoch nur 10% der Europäer weisen eine Laktoseintoleranz auf.

Geht man tatsächlich davon aus, dass bereits das Trinken von pasteurisierter Milch eine schädigende Wirkung auf unseren Körper hat, geht man bei der Herstellung der immer beliebter werdenden H-Milch noch einen viel größeren Schritt weiter. Hierbei wird In der Produktion die Rohmilch zunächst auf über 150 Grad erhitzt. Bei diesem als Ultrahocherhitzung genannten Verfahren wird die Milch zwar für mindestens sechs Wochen haltbar, dabei aber neben Bakterien auch die körperwichtigen Enzyme, Eiweiße, und ein Großteil der Vitamine und Fette zerstört. Leider lösen sich diese Stoffe nicht einfach in Luft aus, sondern gelangen in abgewandelter und unverwertbarer Form in unseren Körper und schwächen somit unser Immunsystem. In den USA wird die Milch bereits zu über 80 Prozent in Form von H-Milch gekauft. Am Rande sei noch erwähnt, dass bei der Herstellung von laktosefreier H-Milch im Vergleich zu anderen Milchsorten, kaum ein größerer Mehraufwand entsteht. Jedoch lässt die Milchindustrie das als gesund und leicht verdaubar deklarierte Produkt dem Konsumenten einiges mehr kosten.

Will man sein Gewicht reduzieren und sich gleichzeitig auch noch gesund ernähren, greift man bekanntermaßen zur fettarmen beziehungsweise fettfreien Milch. Denn Fett ist nicht gesund und macht dick – so zumindest die Meinung vieler.  Eine Studie aus dem Jahr 2005, die in der Zeitschrift Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine veröffentlicht wurde, kam paradoxerweise zum Schluss, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Laut Studie ist die in der Milch enthaltene Linolsäure der Auslöser. Hierbei handelt es sich um eine zweifach ungesättigte Fettsäure die auf natürliche Weise im Milchfett enthalten ist und den Fettstoffwechsel beschleunigt. In der fettarmen Milch befindet sich zwar weniger Milchfett, aber eben auch weniger Linolsäure. Der Turbo des Fettstoffwechsels bleibt demnach aus. Für die Einen gilt dieser Aspekt als letzter Beweis, der gegen den Konsum von Kuhmilch spricht, Gegner der These kritisieren, dass besonders in den USA Milchprodukte nur selten ohne Kakaopulver und anderen zuckerreichen Geschmacksstoffen produziert werden. Es sind genau die Kritiker, die ihrerseits behaupten, dass die reine Milch eventuell sogar ein echter Schlankmacher sein könnte. An einer Untersuchung an der École Polytechnique Fédérale in Lausanne zeigte sich bei Mäusen, dass sie keine Tendenzen von Übergewicht zeigten, wenn man ihnen bei einer fetthaltigen Diät zusätzlich Milch ins Futter mischte.

Da Kühe in der Massenhaltung nur durch verabreichtes Antibiotika im Futter wahre Rekordmengen an Säuglingsmilch erzeugen, sind diese Futterzusätze zwar in einer modernen Milch-Industrie unabkömmlich, aber auch eine mögliche Gefahr. Durch den ausgesetzten Stress und den Rückständen der verabreichten Antibiotika in der Milch, ist auch der Endverbraucher möglichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Hört man in den letzten Wochen von  antibiotikaresistenten Keimen, ist dies bei genauer Betrachtung nicht verwunderlich. Wer jetzt nur an die eigenen Krankheiten und die eingenommen Tabletten denkt, wird überrascht sein, dass wir in Wirklichkeit nahezu täglich Antibiotika zu uns nehmen. In jedem Liter Kuhmilch und jedem Hühnerei finden sich Spuren des Antibiotikums, dass dem Tier zuvor verabreicht wurde. Und mit jedem Schluck und jedem Bissen landet dieses beim Endverbraucher. Bei mir und dir! Ich glaube kaum, dass sich jemand aus freien Stücken vorstellen könnte, jeden Tag Antibiotika-Pillen ohne gesundheitlichen Grund zu sich zu nehmen.

Rießige Kuheuter

Die industrielle Milchausbeutung macht sich zu allererst bei den Kühen bemerkbar: Nicht nur die Milchmengen und die Eutergrößen nehmen zu, sondern auch die in Verbindung gebrachten Krankheiten.

Eine Kuh gibt nur Milch gibt, wenn sie Nachwuchs hat. Deshalb wird eine sogenannte Milchkuh fast ununterbrochen schwanger gehalten. Futterzusätze und Industrialisierung ermöglichen es, dass eine Kuh bis an zu 300 Tagen im Jahr gemolken werden kann. Um diese unglaublichen Mengen an Rohmilch zu erreichen, werden den Tieren nicht nur Antibiotika, sondern auch Hormone verabreicht. Diese gelangen genauso wie das Antibiotika durch die zugeführte Nahrung  in unseren Körper. Eine trächtige Kuh enthält etwa ein Drittel mehr Östrogen und noch viel mehr Progesteron als eine nicht trächtige Kuh. Dieses Enzym setzt das Immunsystem herab, dass das Ungeborene davor schützt als Schädling erkannt und letztendlich von ihm bekämpft zu werden. Was einerseits das Ungeborene schützt, öffnet Studien zufolge im Erwachsenenalter einer Vielzahl von Krankheiten Tür und Tor. Doch als wäre dies nicht schon schlimm genug, verhindern die hohen Progesteronmengen die Bildung eines Enzyms, dass für den geregelten Zelltod verantwortlich ist. Das hat zur Folge, dass Zellen stärker wachsen – Mitunter auch gefährliche Krebszellen! Aber trotz aller Szenarien: Es handelt sich um ein Kann – nicht um ein Muss!

Das Argument, dass Milch für Kälber und nicht für Menschen gedacht sei, lässt Gerhard Rechkemmer vom Max-Rubner-Institut für Ernährung und Lebensmittel nicht durchgehen.

„Viele unserer Nahrungsmittel dienen in der Natur einem anderen Zweck. Das gilt fürs Salatblatt genauso wie für den Hühnerschenkel.“

Gerhard Rechkemmer

Überdies hinaus sind wir auch nicht die einzigen Lebewesen, die andere Tiere melken. Ameisen halten und melken Blattläuse. Gerhard Rechkammer meint, dass man sehr wohl den bisherigen Studienergebnissen nachgehen sollte, aber es keinen Grund gäbe vom Milchkonsum allgemein abzuraten.

Ab wann ist Milch nun ungesund/gesund? Die oftmals widersprüchlichen Forschungsergebnisse lassen zwar die aufgetretene Panik von vor einigen Jahren etwas verebben, verdeutlichen aber gleichzeitig wie wenig wir noch immer über eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel wissen. Angefangen von der Milchverträglichkeit als Evolutionsfortschritt, bis zur zweifelhaften Wirksamkeit des Kalziums. Obwohl es auf die drängenden Fragen bislang noch keine klaren Antworten gibt, lassen sich gewisse Tendenzen feststellen. Die Frage ist nicht, ob Milch gesund oder ungesund ist, sondern wann sie für unseren Körper vorteilhafte Wirkungen hat.
Die einzelnen Studien zusammengefasst, gelten fette, fermentierte Milchprodukte aus Vollfettmilch am gesündesten. Milchprodukte wie Kefir, Käse, Joghurt und Sauerrahmbutter sind in traditioneller Herstellung nicht nur für den Körper bekömmlicher, sondern haben überdies hinaus eine höhere Haltbarkeit.

Ihnen folgt die Gruppe der Rohmilchprodukte, da Erzeugnisse wie Rohmilchsahne und -butter kaum Laktose und Casein enthalten, dafür über eine große Menge an Nährstoffen und Enzymen verfügen.

Zu guter Letzt folgt noch die reine Rohmilch. Sie ist mit ihrem reinen Fettgehalt gesünder als die stark verarbeitete Flüssigkeit aus dem Supermarkt, aber auch in den einzelnen Studien als nicht unproblematisch bezeichnet worden und daher nicht ohne weiteres als Durstlöscher zu empfehlen.

Wie bewertest du den eigenen Milchkonsum? Siehst du die Kuhmilch als eher problematisches oder gesundheitsförderndes Produkt, und welchen Stellenwert hat die Milch noch heutzutage im Vergleich zur milchfreien Konkurrenz? Was sind deine persönlichen Erfahrungen? Bist du ein überzeugter Milchtrinker oder hast du den alternativen Weg für dich entdeckt? Wenn Zweites zutrifft: Was waren deine Gründe und wie schwer ist es für dich komplett auf Milchprodukte zu verzichten? Freue mich wie immer auf eure Antworten, Meinungen und Ratschläge!


Weiterführende Links:
Pro und Contra zur Milch in der „Women’s Health“ (15.06.2016, 23:58) – Deutsch
Artikel in der „DW“ (15.05.2016, 23:59) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zur Langzeitstudie „Nurses‘ Health Study“ (16.06.2016, 00:01) – Deutsch
Zentrum der Gesundheit: Gesundheit mit veganer Ernährung (16.06.2016, 00:02) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zur Vorgang der Pasteurisierung (16.06.2016, 00:04) – Deutsch
Wikipedia-Artikel zur Antibiotikaresistenz (16.06.2016, 00:05) – Deutsch
Wikipedia-Artikel über den Ernährungswissenschaftler Gerhard Rechkemmer (16.06.2016, 00:12) – Deutsch

Quellenangaben:
Titelbild: http://images.womenshealth.de/fm/1/thumbnails/sh_Alexander-Chaikin_75835921_Kuhmilch_ungesund_800x462.jpg.459444.jpg (16.06.2016, 00:13) – Kuh auf Weide mit Milchglas und -krug.

 

http://www.zentrum-der-gesundheit.de/images/titelbild/milch-krankheiten-ia-2.jpg (16.06.2016, 00:54) – Ist Milch gut für das Wachstum?
http://images.pxlpartner.ch.s3.amazonaws.com/n57924/images/detailluzernbig/regionale_produkte_dienstleistungspartner_schafbuur_800x520.jpg (16.06.2016, 00:55) – Schafmilchprodukte.
http://www.molkerei-weihenstephan.de/uploads/pics/wst_pm_hmilch_3_5_1u0_5.jpg (16.06.2016, 00:56) – Kuhmilch-Tetrapak mit Natur als Hintergrund / Eigene Bearbeitung mit Photoshop.
http://www.laktose-ratgeber.de/images/database/themen/verteilung_laktoseintoleranz.jpg (16.06.2016, 00:59) – Weltweite Verteilung Laktoseintoleranz.
http://www.all-rind.de/img/news/SchauDerBesten2015/9_Lady-Gaga-und-Benzouka.jpg (16.06.2016, 01:04) – Riesige Euter einer Milchkuh.